Im Rahmen der Diagonale 2019 fand der Workshop Filmkritiken schreiben in Theorie und Praxis statt mit den Zusatzprogrammen Digitales Erzählen und Interviewführung. Workshop-Teilnehmerin Andrea Habith, die 2018 die Friedl Kubelka Schule für analogen Film in  Wien absolvierte, schrieb ihre Filmkritik zum Dokumentarfilm The Remains - Nach der Odyssee von Nathalie Borgers. Im Zuge dessen machte sie auch ein Interview mit der Regisseurin, die mit ihrer Doku den Diagonale Preis 2019 für den besten Dokumentarfilm gewann. Auf der Facebook-Seite TheRemainsFilm gibt es zudem die Möglichkeit positive bzw. aufmunternde Postings zu hinterlassen, um so den Hasspostings der Rechten entgegenzuwirken.

Nach der Odyssee

Der Dokumentarfilm setzt unseren Blick bereits im ersten Bild dem offenen Meer aus, bevor wir den schaukelnden Untergrund verstehen. Man findet sich in der Enge der Kabine eines Rettungsbootes wieder. Der Blick der Kamera wird unsere stille Führerin durch den Alltag der Bewohner auf der Insel Lesbos.

Diese können der Flüchtlingstragödie, den abertausenden gestrandeten, den vielen Ertrunkenen nicht ausweichen. Die Tragödie hat sich in der Landschaft eingeschrieben, die Kamera streicht über Berge von Schwimmwesten am Strand, folgt den nüchternen Instruktionen eines Rettungsmannes zur Identifizierung von Leichen. Durch den sorgfältig reduzierten Blick erhöht Borgers das Gefühl der Absurdität dieses allgegenwärtigen Todes gegenüber der alltäglichen Geschäftigkeit der Inselbewohnerinnen. Die leicht bewegte Kamera erzeugt Nähe zu diesen Menschen, bleibt aber unaufdringlich. Bilder ziehen vorbei, die ahnen lassen, was da passiert ist. Keine Körper, keine Leichen. Das Nichtsehen verstärkt die Wirkung. Und immer das Meeresrauschen des Anfangsbildes im Ohr. Auch beim Schwenk nach Wien, zur Donau.

Wien als Ort einer scheinbaren Sicherheit

Plötzlich finden wir uns in Farzat Jamils Geschichte. Weg von der Anonymität lässt uns eine Familie ganz nah an ihr Schicksal heran. Borgers und ihr Kameramann Johannes Hammel findet einen filmischen Draht zu den Menschen‚ die nicht nur ihre Zeitwahrnehmung verloren, sondern auch viele Familienmitglieder. Das verunglückte Schiff liegt hundert Meter unter dem Meer, die Leichen können nicht geborgen werden. Man versucht den Rest der Familie in Wien zusammenzubringen, um die Trauer zu ertragen, um die Moral hochzuhalten. Für die Hinterbliebenen, wie Farzat erzählt.

Die Realität ist noch härter, und wenn es in der Türkei am Geld scheitert, dass die Bergung der Leichen ermöglichen würde, scheitert die Wiedervereinigung der Familie in Wien an der Bürokratie. Jemand der in Deutschland Asyl bekommen hat, kann nicht in Wien leben.

Die Widersprüchlichkeit mit der Nathalie Borgers diese Geschichte sich aufspannen lässt, zeigt sich in fast jeder Szene. Wien als Ort einer scheinbaren Sicherheit wo die Kamera die Hoffnungslosigkeit im Gesicht eines alten Mannes einfängt. Der Film stagniert gegen Ende, so wie das Schicksal der Hinterbliebenen. Es entsteht das Bedürfnis nach einem weiteren Teil dieser Geschichte; wird es jemand schaffen die Trauer zu überwinden? Lässt sich ein Schiff aus hundert Metern Tiefe bergen? //

Text: © Andrea Habith
Einleitungstext: Manfred Horak

Fotos: ©Leni Deinhardstein, Thimfilm Navigator Film
Diese Podcast-Episode und Filmkritik entstand beim Workshop "Filmkritiken schreiben" im Rahmen der 
Diagonale 2019 unter der Leitung von Manfred Horak (Kulturwoche.at) in Kooperation mit Diagonale - Festival des österreichischen Films, Kulturwoche.at, Kleine ZeitungDie FurcheCelluloid Filmmagazin und Radio Helsinki. Bei Radio Helsinki entstand mit der Moderatorin Irene Meinitzer auch eine 60-minütige Live-Sendung.

Film-Tipp:
The Remains - Nach der Odyssee
Bewertung: @@@@@
Kinostart: 5. April 2019
Regie und Buch: Nathalie Borgers
Kamera: Johannes Hammel
Schnitt: Sophie Reiter
Originalton: Peter Roesner
Sounddesign: Peter Roesner
Produktion: Navigator Film