Die Wortwiege 2026 öffnet vom 25.2. bis 29.3. ihre Theater- und Denkräume in den Kasematten Wr. Neustadt zu einer weiteren Festivalausgabe als transdisziplinäres Format zwischen Kunst und Wissenschaft.
Krassnigg. Kraus. Qualtinger.

Bevor ich auf das Programm des Theaterfestivals Wortwiege 2026 eingehe, stoße ich noch zweierlei Erinnerungsstücke auf, da sie sehr gut zum Festivalprogramm passen. Seit dem Bestehen von Kulturwoche.at waren Theaterstücke "aus dem Hause Anna Luca Krassnigg" ein oft besprochenes Thema, sei es aus der Salon 5 Zeit, sei es danach, wo auch immer sie Aufführungen auf die Bühne brachte. Krassnigg war auch (gemeinsam mit anderen) der erste Gast bei Kulturradio (das erste Internet-Radio in Ö), das von Claudia K. Gangl und mir betrieben wurde. Ihre Art Theater zu machen, zu gestalten, dem Publikum näher zu bringen, fand ich qualitativ hochwertig und erhellend. Ihr Name, wurde mir schnell klar, bürgt für hohes Niveau. Es gab auch andere Namen, die einige Zeit lang für Qualität bürgten, aber irgendwann nicht mehr so interessant waren im Gegensatz zu Krassnigg und das hat sich auch mit dem Wortwiege Festival nicht geändert. Die zweite Erinnerung hat direkt mit der Gründung von Kulturwoche.at zu tun. Nachdem zwei Printmagazine eingestellt wurden, haben mir mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen Publikationsmöglichkeiten im breiten Feld von Kunst und Kultur gefehlt. Das war ca. 2006 und Online-Magazine in Österreich gab es noch so gut wie keine (und was Podcasts sind wussten zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht sehr viele Menschen in Österreich). Wie auch immer. Ein großes Vorbild (nicht nur hinsichtlich seines Marstheaters, sondern auch seiner Publikationstätigkeit wegen) war für mich Karl Kraus. Seine Herausgebertätigkeit der Fackel hatte ich immer bewundert und mich gefragt, wie viel Energie Karl Kraus da investiert hat, wie er das schaffen konnte. Kulturwoche.at ist freilich nicht einmal ansatzweise eine Fackel (weder die sprachliche Präzision betreffend noch die Fülle an Inhalten), aber Karl Kraus ist für mich bis heute eine starke Motivation und Inspiration. Sätze wie dieser (um nur ein Zitat anzuführen) von Karl Kraus, angesprochen auf die Beschießung von Shanghai durch die Japaner im Jahr 1932: "Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen." Von Karl Kraus zu Helmut Qualtinger ist es nicht allzu weit. Qualtinger war acht Jahre jung als Karl Kraus 1936 in Wien starb und als Herr Qualtinger zwischen 34 und 44 Jahre alt war, veröffentlichte er 100 Szenen aus "Die letzten Tage der Menschheit" auf insgesamt fünf LPs bei Preiser Records. Für mich wiederum ist diese Realsatire von Karl Kraus eine Art Schule des Widerstands und diese Lesungen von Qualtinger das Niveau, das man erreichen sollte, wenn man jemandem etwas vorliest. Somit kommen wir (endlich) zur Wortwiege 2026, denn beide, Karl Kraus und Helmut Qualtinger, prägen das diesjährige Programm.
Es ist gut, dass bei uns endlich etwas g’schieht
Die Zerstörung in Form einer Hinrichtung lässt in die dunkelsten Ecken der Menschenseele blicken. "Die Hinrichtung" ist eines von nur drei Theaterstücken des Autorenduos Helmut Qualtinger und Carl Merz, bei der Wortwiege 2026 erhält es den Titel "Das Volksfest". Scharfzüngig, zutiefst böse und enorm komisch. "Noch dort, wo sie scheitert", schrieb Friedrich Torberg in einer Kritik, "ist diese Hinrichtung ein legitimeres Stück zeitgenössischen Theaters als neun Zehntel der formal geglückten Bühnenprodukte, mit denen wir’s heute zu tun bekommen." Torberg schrieb auch, dass ein Stück von Helmut Qualtinger eigentlich in allen Rollen mit Helmut Qualtinger besetzt sein müsste. Damit kann die Wortwiege 2026 naturgemäß nicht aufwarten. In die Rolle von Qualtinger schlüpfen daher Ida Golda, Lukas Haas, Saskia Klar, Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda, Isabella Wolf. Thema des Stücks, sehr passend in unserer Zeit (aber nicht nur in die unsrige Zeit), die Gier nach Publicity, ohne den leisesten Gedanken an das, was dahinter steckt, ohne die leiseste Vorstellungskraft für das Geschehen, oder, wie an einer Stelle eine Lemure von Ministerialbeamten sagt: "Es ist gut, dass bei uns endlich etwas g’schieht". Was geschieht ist ein öffentlicher Mord, ein um der Öffentlichkeit willen veranstalteter Mord an einem einverstandenen Opfer. Quasi ein bezahlter Mord vor zahlendem Publikum. Man könnte es auch Sinnentleerung eines gesellschaftlichen Zustands formulieren, oder Helmut Qualtinger zitieren: "Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen". Von Qualtinger-Merz ist auch die Wiederaufnahme von "Alles Gerettet", das Prozessdrama über den Ringtheaterbrand im Dezember 1881. Es ist des Wieners jüngstes Gericht, was das Autorenduo schuf. Ein Text, der 40% originales Prozessmaterial und tiefe Einsichten über die menschliche Natur enthält, oder, wie es an einer Stelle heißt: "Mir haben jeden Abend dasselbe g'macht. Und immer hat der Herrgott seine Hand überm Theater g´halten. Das hat ja ka Mensch wissen können, daß er grad uns Wiener amal im Stich lasst."
Das Böse nachweisen

Seinem Schrifttum fehle nicht nur die Leichtigkeit, sondern auch das Wissen von heute, die Vernunft der Gegenwart, der Beistrich von morgen, heißt es hie und auch da von einigen, die Karl Kraus in ein Klischee packen möchten, am besten luftdicht verpackt, damit ja keine Silbe nach außen dringt. In "Die letzten Tage der Menschheit" nahm es Karl Kraus auf sich, "das Unheilsgeflecht Masche um Masche, Geringfügigkeit um Geringfügigkeit, Lächerlichkeit um Lächerlichkeit aufzulösen und das Böse darin nachzuweisen". Hermann Broch schrieb dies dereinst, Elias Canetti wiederum bezeichnete Karl Kraus als "eine Art Gottesgeißel der schuldigen Menschheit", weil er es war, "der den Ersten Weltkrieg, in dem die Sieger auf allen Seiten zur obersten Weltpest erhoben wurden, als Einziger von Anfang bis Ende und in jeder seiner Einzelheiten bekämpft hat." An einer Stelle in "Die letzten Tage der Menschheit", diesem Protokoll über die Verrohung, lautet denn auch der Befund, "Die Kugel ist der Menschheit bei dem einen Ohr hinein und bei dem anderen hinausgegangen". Nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende würde es umfassen, schrieb Karl Kraus im Vorwort von "Die letzten Tage der Menschheit", und "es mag zu befürchten sein, daß noch eine Zukunft, die den Lenden einer so wüsten Gegenwart entsprossen ist, trotz größerer Distanz der größeren Kraft des Begreifens entbehre.“ Zehn Abende dauert es auch bei der Wortwiege 2026 nicht, sondern gerade mal ein Abend, aber es wird hier auch gar nicht erst der Versuch gestartet, einem Marstheater gerecht zu werden, sondern Auszugsweise daraus gelesen. Anna Luca Krassnigg und Franz Schuh bedienen sich der vielen Stimmen und werden vom Akkordeonisten Franz Sterzinger musikalisch begleitet. Ein analysierendes und kommentierendes Lesetheater, das sich eines der bedeutendsten Dramen der Weltliteratur annimmt. Das Ideal, das waren bisher – so die einhellige Meinung – die Lesungen von Helmut Qualtinger, die, wie es Michael Horowitz formulierte, als "reiner und richtiger“ gelten als bisher jede Theateraufführung. Wir werden sehen und hören, wie Krassnigg und Schuh auf dieses Ideal reagieren.
Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.

Bleiben noch Homer, Heinrich von Kleist, Korhan Basaran für die heurige theatrale Festivalausrichtung, sowie historische Reden mit großem Aktualitätsbezug. Das berühmte Antigone-Zitat ist diesmal die Zündschnur des Festivals über die ungeheuerliche Doppelnatur des Menschen. "Ungeheuer… ist viel und begegnet uns derzeit in unbegreiflicher Geschwindigkeit", so die künstlerische Leiterin Anna Luca Krassnigg. "Die Erregungskurve ist hoch, die Fassungslosigkeit über die rasanten Veränderungen unserer Welt hält uns in Atem. Und doch ahnen wir: Nichts daran ist gänzlich neu, es wirft vielmehr erneut die alte Frage auf: Wie kann das Geschöpf Mensch gleichzeitig abscheulich destruktiv und ungeheuer erfindungsreich und visionär sein? Und liegt nicht genau darin trotz allem Hoffnung?" Begeben wir uns nun daher in die Tiefe der Vergangenheit zurück, direkt nach Troja, hinein in eines der gewaltigsten Werke der Theaterliteratur, "Penthesilea". Die Titelgestalt wird von Heinrich von Kleist ständig durch extreme Gegensätze gekennzeichnet. Mit einer Leier vergleicht sie sich selbst, die im Zuge des Nachtwinds still für sich den Namen des Geliebten flüstert; und doch zerfleischt sie diesen am Ende mit ihren eigenen Zähnen, oder, wie es an einer Stelle heißt: "Küsse, Bisse. / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen." Ihre moderne, tiefenpsychologische Dimension erreicht Kleists Sprache dadurch, dass sie nicht nur Ausdruck des unmittelbaren Gefühls Penthesileas Liebe zu Achill ist, sondern unlösbar verschränkt damit auch Ausdruck des von der Umwelt festgelegten, die Wahrheit des Gefühls verstellenden Bewusstseins. Stefan Zweig attestierte in "Der Kampf mit dem Dämon" Heinrich von Kleist eine Präzision der Beobachtung aber auch, wie er schrieb, "sein Dämon war nicht das Unmaß, sondern sein Übermaß." Trotz seiner starken Spannung findet "Penthesilea" viel zu selten den Weg auf die Theaterbühnen. Die Wortwiege 2026 wagt sich nun an dieses unkonventionelle mythologische Drama heran, und zwar in einer Fassung für die drei Schauspieler:innen Nico Dorigatti, Nina C. Gabriel, Petra Staduan unter der Regie von Jérôme Junod. Der gleiche Tatort verfestigt sich auch im Musiktheater "Troja Forever" als musikalisch-filmische Neuinterpretation des Mythos mit den Homer-Kennern Georg Danek und Michael Köhlmeier. Gelüftet werden dabei Geheimnisse um die rätselhafte Frauenfigur Polyxena und einer der spektakulärsten Funde der jüngeren Archäologiegeschichte. "Troja Forever" ist eine Analyse über die sinnlose Zerstörung der Stadt Troja durch einen grausamen und kindischen Krieg. Schließlich gibt es noch einen metaphorisch gefallenen Engel vom Schmerz einer zerbrochenen Welt im Körpertheater "BROKE’N; an odd Messiah" von Korhan Basaran mit Nico Dorigatti, das über Sprache hinaus eine zutiefst bewegende Geschichte erlebbar macht und Botschaften für die Menschheit in sich tragen, die aus Trauer, Widerstandsfähigkeit und der Suche nach Sinn in zerbrochenen Zeiten entstanden sind. Anna Luca Krassnigg und ihr Team machen vieles richtig, möglicherweise sogar alles, das große Publikumsinteresse zeigt es, daher rasch Karten sichern. //
Text: Manfred Horak
Fotos: Manfred Horak (Helmut Qualtinger), Andrea Klem (Franz Schuh), Christian Mair
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