Eskalationsmaschinen Schlussapplaus

Im Theater am Werk gelingt mit Eskalationsmaschinen ein präzise gebautes theatrales Seziermesser, das rhetorische Apparaturen rechtsextremer Politik freilegt und dabei zeigt, wie Sprache selbst zur politischen Waffe wird.

Ein erster Satz zu Eskalationsmaschinen

Der Großteil, was das links linke divers versiffte Publikum, das rund um die große Tafel platziert wird, zu hören bekommt, klingt sehr vertraut und doch sind es keine Original-Zitate, bloß "Überspitzungen", wie Bernd Liepold-Mosser, der Autor und Regisseur des Theaterstücks "Eskalationsmaschinen" anmerkt, "Provokationsmechanismen" und "ein bewusstes Spiel mit der Verwendung von Nazi-Begriffen", wobei die Eskalation an einem x-beliebigen Stammtisch in einem x-beliebigen Wirtshaus in einem x-beliebigen Dorf oder in einer x-beliebigen Stadt, jedenfalls in einem Land, deren Töchter in der Landeshymne eigentlich nichts zu suchen haben, beginnt, also eigentlich ganz harmlos, Bier trinkt sich halt sehr leicht, und je mehr Bier der Mann trinkt, desto mehr wird man das ja wohl noch sagen dürfen, und je mehr man das sagt, desto lauter sollte die Stimme werden, weil die Wahrheit wird ja verschwiegen von einer Presse, die nur noch lügt, von einer Demokratie, die nur noch unterdrückt, von einem Gleichberechtigungswahn, der Männer keine Männer mehr sein lässt, was dazu führt, dass Europa geschwächt wird, was heißt, geschwächt wird, bereits geschwächt ist, da ja alle nur noch Tofu und Seitan essen anstelle Schweinsbraten und Schnitzel, diese woke Gesellschaft jedenfalls ist die reinste Gefährdung von Kultur und Freiheit, und so baut sich das Stück "Eskalationsmaschinen" auf, von einer absurden Erregung zur nächsten rhetorischen Idiotie, um jetzt endlich zum Punkt zu kommen. Punkt.

Eskalationsmaschinen Foto Viktoria Nazarova

Potenzial für ein zweites Marstheater

In die Männerrollen schlüpfen die drei wunderbaren Schauspielerinnen Isabella Händler, Suse Lichtenberger und Lisa Schrammel, musikalisch getragen wird das Stück von der nicht minder wunderbaren Clara Luzia, und für die wirkungsvolle optische Umsetzung, sprich, Bühne und Kostüm, sorgt Karla Fehlenberg. Die Bühne ein Tisch, vielmehr eine lange Tafel, könnte auch die flache Erde sein, darauf platziert einige E-Kerzen, Schwerter, Bänder. Die Kostüme zunächst sehr graubraun wechseln im Laufe der Eskalationsstufe auf Trainingsanzug, Burschenschafterstil und Pelzkappen mit Büffelhörner. "Wir", so Regisseur Bernd Liepold-Mosser, "antworten darauf mit Strategien der Übertreibung und Zuspitzung, mit Subversion durch Affirmation – wie es [der slowenische Philosoph] Slavoj Žižek einmal genannt hat." Die Frage, die sich möglicherweise der einen oder dem anderen aus dem links linke divers versifften Publikum stellt, ist, warum nicht gleich ausschließlich auf Originalzitate zurückgegriffen wurde, um daraus ein endloses Panoptikum zu collagieren. Karl Kraus hat es in "Die letzten Tage der Menschheit" vorgeführt, wie sehr das Stilmittel funktioniert, die Satire und die Parodie dem Original zu überlassen. Andererseits müsste dieses Stück dann fortwährend neu adaptiert und weiter geschrieben werden, es käme dann womöglich einem zweiten Marstheater gleich. Wie es in reduzierter Form funktionieren kann, hat wiederum Drahdiwaberl im Lied "Psychoterror" aufgezeigt.

Eskalationsmaschinen Clara Luzia Foto Viktoria Nazarova

Tofu und Seitan versus Schweinsbraten und Schnitzel

Was Bernd Liepold-Mosser mit "Eskalationsmaschinen" definitiv gelingt, sind die analytischen Mechanismen, Wiederholungen und semantischen Verschiebungen, durch die sich autoritäres Denken gesellschaftsfähig macht. Zentral ist die Darstellung jener sprachlichen Selbstimmunisierung, mit der rechte Akteure Kritik grundsätzlich delegitimieren. Wenn "die Presse" pauschal als "Lügenpresse" diffamiert wird, geht es nicht um konkrete Medienkritik, sondern um die Zerstörung eines gemeinsamen Wirklichkeitsraums. Journalismus wird nicht als fehlbar, sondern als grundsätzlich böswillig markiert. Wahrheit wird damit zur Frage der Loyalität, nicht der Evidenz. "Eskalationsmaschinen" macht sichtbar, wie diese Strategie Misstrauen sät, um sich selbst als einzige legitime Quelle von Wahrheit zu inszenieren. Ähnlich analytisch verfährt das Stück mit der rechten Obsession für Ernährung, insbesondere mit der polemischen Darstellung vegetarischer oder veganer Kost als "gefährlich". Was auf den ersten Blick grotesk wirkt, entpuppt sich als identitätspolitisches Projekt: Essen wird zum Marker von "Normalität", Abweichung davon zur Bedrohung erklärt. Der Verzicht auf Fleisch wird nicht rational diskutiert, sondern emotionalisiert, als Angriff auf Tradition, Männlichkeit und nationale Ordnung inszeniert. "Eskalationsmaschinen" legt offen, wie biopolitische Kontrolle hier durch Lächerlichmachung und Angstproduktion funktioniert. Tofu und Seitan versus Schweinsbraten und Schnitzel als Kampf um Körper, Lebensstile und letztlich um Deutungshoheit.

Eskalationsmaschinen Foto Viktoria Nazarova Theater im Werk

Frauenbild mit letalen Folgen

Das reaktionäre Frauenbild rechter Ideologien ist eine weitere Eskalationsmaschinenebene. Frauen gehören an den Herd und dürfen keine eigene Meinung haben ist die logische Konsequenz eines Weltbildes, das Hierarchie über Gleichwertigkeit stellt. Weibliche Autonomie wird als Chaosfaktor begriffen, patriarchale Ordnung als vermeintlich natürliche Stabilität. Das Stück zeigt, wie diese Vorstellungen sprachlich verniedlicht oder als "gesunder Menschenverstand" verkauft werden. Von der rhetorischen Normalisierung, die Gewaltpotenzial in Alltäglichkeit tarnt bis zum Gewaltausbruch mit letalen Folgen ist es nur ein kleiner Schritt. Und wenn ein prominenter Politiker wie J.D. Vance sagt, "Frauen müssen der weißen christlichen Nation Kinder gebären und sie dann großziehen", ist es auch nicht weit zu "White Date", einem Dating-Portal, auf dem Rechtsextreme Partnerschaften suchen: weiß, gute Gene, zum Erhalt der Blutlinie. Eine Plattform, um den "weißen Völkermord" zu verhindern – immer mehr Kinder würden nämlich Teil einer "Mischmaschrasse" sein, "so wie die Juden". Dieser rechtsextreme Schwachsinn hatte sein würdiges Ende erhalten. Eine Hackerin hat es vom Netz genommen. Im Stück werden ein paar Inserattexte vorgetragen, die ob ihrer Skurrilität für etliche Lacher sorgen.

Eskalationsmaschinen Szenenbild Foto Viktoria Nazarova

War schon immer so

Ein weiterer klug herausgearbeiteter Strang des Abends ist die scheinbare Paradoxie, mit der rechte Diskurse "Natur" und "Wetter" beschwören, während sie die Klimakatastrophe systematisch leugnen. Natur darf existieren, solange sie als statisch, schicksalhaft und außerhalb menschlicher Verantwortung gedacht wird: als Jahreszeiten, als Unwetter, als etwas, das "schon immer so war". Wetter ist akzeptabel, weil es zufällig erscheint; Klima hingegen ist politisch, weil es Zusammenhänge offenlegt, Verantwortung benennt und kollektives Handeln erfordert. Die Leugnung des Klimawandels ist im Stück folgerichtig eingebettet in die generelle Ablehnung komplexer Kausalitäten. Klimawissenschaft widerspricht dem rechten Weltbild, weil sie globale Verflechtungen sichtbar macht und nationale Abschottung als Illusion entlarvt. Wer Klimakrise anerkennt, muss über Industrie, Kapital, Konsum und Macht sprechen – also über genau jene Strukturen, die rechte Politik unangetastet lassen oder nostalgisch verklären will. "Eskalationsmaschinen" macht deutlich, dass der Rekurs auf "die Natur" hier eine Entpolitisierungsstrategie ist; Natur wird romantisiert, um politische Verantwortung zu negieren. Natur wird als etwas imaginiert, das sich nicht verändert, so wie Geschlechterrollen, Nationen oder Hierarchien sich angeblich nicht verändern sollen. Die Klimakatastrophe ist deshalb nicht nur eine ökologische, sondern eine symbolische Bedrohung und beweist, dass menschliches Handeln Folgen hat und Systeme kollabieren können. Diese Erkenntnis untergräbt das rechte Versprechen von Stabilität durch Rückkehr zu einer vermeintlich natürlichen Ordnung. Klimaschutz wird daher als "Hysterie" oder "Umerziehung" abgewertet. Damit fügt sich der Klimadiskurs nahtlos in jene Eskalationslogik ein, die das Stück insgesamt beschreibt: Zweifel werden nicht zugelassen, sondern aggressiv abgewehrt, weil sie das Fundament des eigenen Weltbildes erschüttern könnten.

Wo Denken geprobt wird

"Eskalationsmaschinen" verteidigt darüber hinaus das Theater als Kunstform und als demokratischen Raum, in dem Denken geprobt wird. Nochmals sei auf das großartig aufspielende Ensemble hingewiesen: Isabella Händler, Suse Lichtenberger und allen voran Lisa Schrammel mit erhellendem Operngesang agieren mit großer Präzision. Clara Luzia sorgt für musikalische Lichtpunkte. "Eskalationsmaschinen" ist ein kurzweiliger Theaterabend, der lustiger ist als man darüber lachen möchte und gerade mal so lange dauert, bis die Schlacht beginnen kann. //

Text: Manfred Horak
Fotos: Manfred Horak (Header), Viktoria Nazarova
Kritik zur Aufführung am 24.1.2026 im Theater am Werk

Kurz-Infos:
Eskalationsmaschinen – Eine Sprachoper
Text & Inszenierung: Bernd Liepold-Mosser
Musik: Clara Luzia
Bühne & Kostüm: Karla Fehlenberg
Regieassistenz: Thyl Hanscho
Mit: Isabella Händler, Suse Lichtenberger & Lisa Schrammel
Eine Produktion von FLYING OPERA in Koproduktion mit Theater am Werk 

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