mundtot Szenenfoto

Das Theaterstück mundtot im Schauspielhaus Wien erweist sich als ein ebenso eindringlicher wie notwendiger Beitrag zum zeitgenössischen Diskurs über Macht, Körper und strukturelles Schweigen.

mundtot – die Kritik zur Uraufführung

Das Bühnenbild ist ein Schutthaufen, ein Schlachtfeld, die Bühne zugemüllt mit all dem, was Männer glauben können tun zu dürfen gegenüber Frauen, funktional wirkend und zugleich symbolisch aufgeladen. Diese formal reduzierte, aber hochwirksame Ästhetik – umgesetzt von Anton von Bredow, der auch für die Kostüme sorgte – ist zugleich ein Sinnbild für die Verschleierung und allgemein für die Mechanismen, die Gewalt ermöglichen und reproduzieren. Ein Schutthaufen entlang den Rändern gesellschaftlicher Wahrnehmung. Vielleicht sind es einfach auch nur weibliche Körperteile, die jeder Mann glaubt sich nehmen zu dürfen. In einer ästhetisch konzentrierten, dramaturgisch klugen Inszenierung widmet sich der Abend jedenfalls dem Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen im Sport. Trainingsflächen werden zu Tatorten, Umkleiden zu Orten der Ambivalenz zwischen Gemeinschaft und Ausgeliefertsein. Körperliche Wiederholungen, ritualisierte Bewegungsabläufe und choreografische Elemente verweisen auf den sportlichen Alltag und machen zugleich dessen Disziplinierungslogik sichtbar. Der Körper der Frau erscheint dabei nie als Objekt der Schau, sondern als Träger von Erinnerung, Widerstand und Erschöpfung.

mundtot Uraufführung

Die Autorin von mundtot, Miriam Unterthiner, war in ihrer Jugend Handballspielerin und gewann mit diesem Text den Hans-Gratzer-Preis 2025. Ihr Sprachbild ist von großer Kunstfertigkeit geprägt. Ihre Sprachreduktion und ihre Klangsilben ist Sprachkunst. Sie studierte es auch. Auf der Theaterbühne umgesetzt werden ihre Textfelder von Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft und Sophia Löffler. Für Live-Musik und Sound-Design sorgt Lens Kühleitner. Ein Ensemble, das unter der Regie von Christiane Pohle großes Können aufweist. Sie können schrill und sie können leise, sie können exaltiert und introvertiert. Sie können die Verdichtung, in dem Sprache, Körper und Stille gleichermaßen Bedeutung tragen.

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Während des Stücks wurden Berichte über betroffene Frauen verteilt. Ein großer Stapel an Papier, das sehr geduldig ist. Selten kam es zu Anzeigen und noch seltener zu Verurteilungen. Wir kennen diese Vorgänge leider nur allzu gut. "Die Fernsehnachrichten zeigen einen Trainingsausschnitt. Darin ohrfeigt der Trainer seinen Schützling mehrmals. Während Yuto Hayami der Weltklasseturnerin immer wieder links und rechts eine knallt, steht sie mit hängenden Armen vor ihm und lässt die Schläge über sich ergehen.“ Die Rede ist hier von Sae Miyakawa, einer Turnerin aus Japan, ein Fall aus dem Jahr 2020. Jennifer Hermoso wiederum, Fussballnationalspielerin aus Spanien, wurde 2023 vom damaligen Verbandspräsidenten Luis Rubiales ungefragt geküsst. Sie erstattete Anzeige. Er wurde schuldig gesprochen und für drei Jahre gesperrt. Sie wurde aus dem Nationalteam verbannt. In einem Spiegel-Interview erzählt die Turnerin Lisa Mason von ihrem Leid, das ihr widerfuhr, als sie noch nicht einmal zehn Jahre alt war, z.B.: "Und jeden Tag sagt dir jemand trotzdem, dass du nicht gut genug bist, dass du undankbar bist, dass du nichts wert bist. Es war einfach furchtbar, es war grausam.“ Und da wäre dann auch noch die Empfehlung einer Expertenkommission einer "gläsernen Schwimmhalle" aufgrund sexualisierter Gewalt im Schwimmsport. "Der Verband einigte sich auf Entschädigungszahlungen." Ja, der Stapel ist verdammt groß, und der Stapel zeigt auch, dass ein sportlichen Erfolg höher bewertet wird als die Integrität derjenigen, die ihn erbringen. mundtot setzt hier an, indem es nicht nur auf das individuelle Verstummen der Betroffenen verweist, sondern auf ein systemisches Stillstellen: durch Autoritäten, durch institutionelle Loyalitäten, durch eine Unkultur. Das Stück entfaltet diese Dimensionen mit bemerkenswerter Präzision und verweigert sich dabei konsequent jeder voyeuristischen Zuspitzung.

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Zentral ist die Art und Weise, wie der Sport als vermeintlich geschützter, leistungsorientierter Raum dekonstruiert wird. mundtot zeigt den Sport nicht als Ausnahmezustand, sondern als Brennglas gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Trainerfiguren, Funktionär:innen, medizinisches Personal und mediale Erwartungen formieren ein engmaschiges Geflecht, in dem Abhängigkeiten normalisiert und Grenzüberschreitungen systematisch bagatellisiert werden. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie das Stück die Rhetorik des Sports – Disziplin, Härte, Durchhaltevermögen, Opferbereitschaft – als semantisches Instrument der Gewalt entlarvt. Was als Förderung verkauft wird, kippt schleichend in Kontrolle; was als Motivation gilt, wird zur Drohung. mundtot vermeidet die Falle der reinen Viktimisierung und zeichnet stattdessen komplexe Figuren, deren innere Konflikte zwischen Loyalität, Scham, Ehrgeiz und Angst präzise herausgearbeitet sind. Das Schweigen erscheint nicht als individuelle Schwäche, sondern als logische Konsequenz eines Systems, das Sanktionen für jene bereithält, die sprechen. Besonders stark sind jene Momente, in denen das Nicht-Gesagte, das Abgebrochene, das stockende Wort mehr Gewicht erhält als jede explizite Anklage. Hier vertraut die Inszenierung auf die Intelligenz des Publikums.

Ein Theaterabend von großer Dringlichkeit und künstlerischer Reife

In mundtot stellen sich auch die unbequemen Fragen nach Verantwortung und Komplizenschaft. Wer profitiert vom Schweigen? Wer hört weg – und warum? Und welche Rolle spielen Öffentlichkeit, Medien und Justiz in der Aufrechterhaltung dieser Strukturen? Es fordert dazu auf, den Mythos des "Einzelfalls" zu hinterfragen und stattdessen über strukturelle Veränderungen nachzudenken. mundtot ist ein Theaterabend von großer Dringlichkeit und künstlerischer Reife. Das Schauspielhaus Wien beweist mit dieser Produktion Mut zur Klarheit und zur Konfrontation, ohne ins Didaktische oder Moralische abzurutschen. Die Inszenierung schafft es, Betroffenheit zu erzeugen, ohne zu überwältigen, und Erkenntnis zu ermöglichen, ohne einfache Antworten zu liefern. Gerade in der sensiblen Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt gegen Frauen im Sport liegt die Stärke dieses Stücks: Es gibt den Betroffenen Raum, ohne sie festzuschreiben, und macht sichtbar, was allzu oft verborgen bleibt. mundtot ist ein notwendiger Beitrag zu einer Debatte, die längst überfällig ist – auf der Bühne wie außerhalb von ihr. //

Text: Manfred Horak
Fotos: Ines Bacher
Theaterkritik zur Uraufführung am 16.1.2026 im Schauspielhaus Wien

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