Das Aktionstheater Ensemble rund um Martin Gruber feierte mit Speed (kills content) am 11.1.2026 im Theater am Werk ihre Wien-Premiere.
Theaterkritik Speed (kills content)
Ihr seid selber schuld. Hättet ihr nicht jahrelang so unglaublich gute Stücke auf die Bühne gebracht, würde man Speed (kills content) für richtig gut befinden, so ist es halt leider nur ein schwaches Glied in der Kette eurer Ensemblegeschichte. "Ihr", das ist das Aktionstheater Ensemble, das sich seit über 20 Jahren hinweg einen Ruf als radikal politisches, formal wagemutiges und sprachlich präzises Kollektiv erarbeitet hat. Produktionen wie "Immersion. Wir verschwinden", "Ich glaube", "Jeder Gegen Jeden", "Pension Europa", "Wir gründen eine Partei", "Kein Stück über Syrien", "Die große Show", "Lonely Ballads" und viele mehr (einige Theaterkritiken findet ihr HIER) waren geprägt von einer unbestechlichen Dringlichkeit, von einer klugen Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte und von einer ästhetischen Konsequenz, die das Publikum nicht schonte, aber stets ernst nahm. Vor diesem Hintergrund wirkt Speed (kills content) wie ein erstaunlich schwaches Glied in der eigenen Werkgeschichte – ein Abend, der seine Themen zwar lautstark behauptet, sie jedoch kaum entwickelt, geschweige denn vertieft.

Wiederholung bekannter Gesten
Speed (kills content) will viel: Es geht um Beschleunigung, um Leistungsdruck, um Selbstoptimierung, um das Erschöpfungssyndrom einer Gesellschaft, die sich selbst überholt. Das sind klassische Aktionstheater-Themen, Motive, die das Ensemble seit Jahren umkreist. Doch was in früheren Stücken analytisch scharf und formal präzise war, gerät hier zu einer ermüdenden Wiederholung bekannter Gesten. Die Diagnose wird permanent ausgestellt, aber nie weitergedacht. Beschleunigung wird behauptet, nicht erfahrbar gemacht; Erschöpfung wird beschworen, ohne dass daraus neue theatrale Erkenntnisse entstehen.Das zentrale Problem des Abends ist seine Redundanz. Was als ästhetische Strategie gedacht sein mag – Wiederholung als Spiegel gesellschaftlicher Monotonie – kippt rasch in eine Art Leerlauf. Umso erstaunlicher, da in gewohnter Aktionstheater-Ensemble-Manier die Schauspieler:innen Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern und Benjamin Vanyek großartige schauspielerische Leistungen abliefern und auch die Musik von Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol fein abgestimmt daherkommt.
Im eigenen Konzept verfangen
Und doch. Es gibt Längen. Diese Längen sind umso gravierender, als das Aktionstheater Ensemble eigentlich immer genau wusste, wie man Überforderung, Dauer und Zumutung dramaturgisch einsetzt, ohne das Publikum zu verlieren. Reduktion als Mittel der Schärfung, nicht der Verwässerung. Speed (kills content) hingegen scheint sich in seinem eigenen Konzept zu verfangen. Die Inszenierung vertraut darauf, dass Lautstärke, körperliche Verausgabung und aggressive Direktheit schon ausreichen werden, um Relevanz zu erzeugen. In Speed (kills content) kreisen viele Textstellen um sich selbst und bleiben ohne analytische Aufgeladenheit irritierend flach. Gerade für ein Ensemble, das sich stets als Gegenpol zur bloßen Affirmation verstand, ist das eine bittere Schwäche.

Wut als Selbstzweck
Im Vergleich dazu erscheinen frühere Produktionen vom Aktionstheater Ensemble fast wie aus einer anderen Zeit: stringenter, klüger gebaut, mutiger in ihrer formalen Setzung. Dort war die Wut nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Erkenntnis. Dort wurde Überforderung choreografiert, nicht bloß ausgestellt. Speed (kills content) hingegen wirkt, als habe das Ensemble seinen eigenen kritischen Maßstab aus den Augen verloren und sich mit der bloßen Behauptung von Dringlichkeit zufrieden gegeben. Dabei böte das Thema der gesellschaftlichen Erschöpfung durchaus ein reiches Feld auf der Theaterbühne. Doch anstatt neue Perspektiven zu eröffnen, reproduziert Speed (kills content) bekannte Muster und verliert sich in ihnen. Am Ende bleibt der Eindruck eines Stücks, das viel schreit, wenig sagt und vor allem eines versäumt: die eigene Geschwindigkeit kritisch zu reflektieren, statt ihr einfach zu verfallen.
Trotz alledem
Speed (kills content) ist kein Theaterereignis der besonderen Art, wie wir es vom Aktionstheater Ensemble seit etlichen Jahren gewohnt sind, dennoch ist es ein sehenswertes Theaterstück, denn wie bereits erwähnt, die außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen von Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern und Benjamin Vanyek haben es in sich. Diese emotionale Ausschöpfung an Kompromisslosigkeit sollte man einfach sehen. //
Theater-Tipp:
Speed (kills content)
Bis 18.1.2026 im Theater am Werk im Kabelwerk (1120 Wien)
Text: Manfred Horak
Fotos: Stefan Grdic
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