100 Jahre Knef. Am 28.12.1925 in Ulm geboren, wurde sie zu einer Frau, die sich nicht einordnen ließ. Die Knef war ihrer Zeit voraus. Deutschland brauchte Jahrzehnte, um aufzuholen.
100 Jahre Knef
Hildegard Knef war weit mehr als eine Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin. Sie war Spiegelbild einer Gesellschaft im Wandel, Katalysator für Tabubrüche, und oft das, was man im Nachkriegs-Deutschland nicht gerne sah: eine Frau, die sich nicht einordnen ließ. Diese Unangepasstheit prägte gleichermaßen ihren Weg durch die deutsche Öffentlichkeit wie später die Erinnerungskultur an sie selbst.
Ich glaub’, ’ne Dame werd’ ich nie
Hildegard Knef war sechs Monate alt als ihr Vater starb. In ihrer frühen Jugend musste sie die Wohnung sauber halten, kochen, im Schuhmacherladen mitarbeiten, wo sie auch ihre Schularbeiten erledigte, ansonsten aber Sohlen anstrich, polierte und nachts Schuhe austrug. Ab 1942 ließ sie sich bei Universum Film AG (UFA) in Babelsberg als Trickzeichnerin ausbilden. Mit ihrer ersten großen Liebe flüchtete die Knef bei Kriegsende aus Berlin. Um eine Vergewaltigung zu vermeiden, verkleidete sie sich als Mann in Soldatenuniform. Sie geriet in russische Gefangenschaft und war dort lange Zeit unerkannt die einzige Frau unter zigtausend Männern. In ihren Memoiren von 1970 thematisierte sie diese Zeit im Nationalsozialismus, die Bombennächte und die Scham darüber, den Krieg überlebt zu haben, was sie als Ausnahmeerscheinung für ihre Generation machte. Nach dem Krieg schaffte sie es zum Film. In Die Mörder sind unter uns (1946) spielte sie eine ehemalige KZ-Insassin. Es war überhaupt der erste deutsche Spielfilm der Nachkriegsgeschichte und zugleich der erste Trümmerfilm. Gezeigt wurden nicht nur die materiellen Trümmerfelder im zerbombten Berlin, sondern auch die moralischen Trümmerfelder, das der Nationalsozialismus hinterlassen hatte. Die Frage nach der Schuld wurde darin differenziert dargestellt zwischen Kriegsverbrechen und Kollektivschuld. Ein wichtiger Bestandteil des Films war zudem die Geschlechterrolle. Die Frau hatte sich in der Regel dem Manne unterzuordnen und sollte sich um das gemeinsame Heim kümmern, das auch den Wiederaufbau Berlins inkludierte, Stichwort Trümmerfrau. Genau hier setzt der Film von Wolfgang Staudte (Regie, Drehbuch) an. Die Protagonistin der Geschichte – Susanne Wallner (Hildegard Knef) – beteiligt sich nicht als Trümmerfrau am Wiederaufbau Berlins, sondern agiert als starke Frau, die das KZ überlebt hat und sich dem Manne nicht unterordnet. Mit dieser Rolle wurde die Knef mit einem Schlag berühmt.
Von nun an ging's bergab
Zwei Jahre später erhielt Hildegard Knef den Preis für die beste Schauspielerin für ihre Rolle als Christine Fleming im Spielfilm "Film ohne Titel", der bis heute als einer der klügsten deutschen Nachkriegsfilme gilt. Dieser Film im Film ist eine romantische Nachkriegs-Satire, das (kommende) Kino-Klischees aufs Korn nimmt und somit nicht nur amüsant, sondern auch ziemlich visionär war. Mit dem dritten Spielfilm avancierte Hildegard Knef schließlich zur Sünderin aufgrund ihrer Rolle als Marina im Kinofilm "Die Sünderin" (1951). Die Kritik ging nicht freundlich um: "Die Sünderin – Ein Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau! Hurerei und Selbstmord! Sollen das die Ideale eines Volkes sein?" Oder auch: "Die Biographie einer Dirne – als effektvolles ‚Zeitschicksal‘ in Szene gesetzt und mit jener kommerziellen Gefühligkeit ausgestattet, die keine wirkliche Tragik zulässt. In so verlogener Zubereitung muß ein derartiger Stoff auch dann anstößig wirken, wenn die Regie auf den lasziven Anstrich einiger Szenen verzichtet hätte." Und auch die Kirche zeigte sich besorgt, beunruhigt, bestürzt und forderte "eine mächtige Phalanx" und gegebenenfalls die "Selbsthilfe". Die Folgen: Stinkbomben wurden in Kölner Kinosäle geworfen. In Regensburg wiederum kam es zu einer dreitägigen heftigen Auseinandersetzung zwischen Filmgegnern, Filmbefürwortern und der Polizei, wo ebenfalls Stinkbomben auf der einen und Wasserwerfer auf der anderen Seite zum Einsatz kamen. Die besorgte Presse fragte auf der Titelseite: "Muß Polizei einen Schundfilm schützen?" Gefordert wurde Zensur und Aufführungsverbot, was den Film zu einem wahren Kassenschlager machte und die Knef zur sündigen Person. Entgegen der heutigen Erzählung war jedoch nicht die gerade mal sechssekündige Nacktszene von Hildegard Knef der Auslöser des Eklats, sondern die Spielfilmhandlung an sich, die sich um das Zusammenleben der Prostituierten Marina (Hildegard Knef) mit ihrem Freund Alexander (Gustav Fröhlich) und ihrem gemeinsamen Suizid dreht.
Tage hängen wie Trauerweiden
Diese frühe Erfahrung markierte die Beziehung zwischen Knef und dem deutschen Publikum nachhaltig: Einerseits verehrte man sie als künstlerisches Talent – sie sang, schrieb, spielte und war sogar am Broadway erfolgreich, mehr noch, sie war eine Solitärin, da die Knef für viele Jahrzehnte die einzige Deutsche in einer Hauptrolle am Broadway zu sehen und zu hören war – andererseits schien es, als müsse man sie immer wieder zurechtweisen, wenn sie die medialen oder moralischen Grenzen des Landes überschritt. Dieses Spannungsfeld zwischen Bewunderung und gegenseitiger Irritation prägte ihre Rezeption in den 1950er bis 1970er Jahren nachhaltig. In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich diese Dynamik besonders deutlich, wenn die Knef nicht nur künstlerisch, sondern auch persönlich Tabus brach. Ihre Autobiografie "Der geschenkte Gaul" (1970) wurde als Offenbarung gefeiert, da eine Frau offen über ihr Leben sprach, gleichzeitig rief sie erneut konservative Kreise auf den Plan, die sich an ihrer ehrlichen Offenheit störten. Später, als sie in "Das Urteil" als eine der ersten deutschen Frauen offen über ihre Krebserkrankung schrieb, war das erneut ein medialer Tabubruch, der Debatten auslöste über das, was in der öffentlichen Wahrnehmung "erlaubt" ist. Die prüde und spießige Medienlandschaft in Deutschland wusste mit Strenge auszuteilen, und so wurde aus Skepsis gegenüber Hildegard Knef sehr schnell persönliche Kritik mit ganz üblen Boulevard-Affekten und harschen Angriffen weit unter der Gürtellinie. Man könnte auch sagen, dass die Knef das konservative Selbstverständnis des Landes empfindlich störte.
Ich bin den weiten Weg gegangen
Ihre Karriere als Sängerin begann im Oktober 1951 mit der Single-Veröffentlichung von "Jeden Abend stehe ich am Hafen" und der B-Seite "Ich bin den weiten Weg gegangen". Im Folgejahr erschienen zwei weitere Singles, "Illusionen" (B-Seite: "So oder so ist das Leben"), sowie "Das Lied vom einsamen Mädchen" (B-Seite: "Heut‘ gefall ich mir"). Die Erstveröffentlichung erschien noch als Schellack-Single, und die Lieder der dritten Single komponierten Robert Gilbert und Werner Richard Heymann. Das Jahr war geprägt vom Koreakrieg und von Männerrechten: Männliche Studenten und Akademiker erhielten erstmals die Möglichkeit eines Stipendiums für Studienaufenthalte in den USA und vice versa in Deutschland. Und Frauenrechte? Frauen durften in München über den ersten Zebrastreifen Deutschlands gehen und, wenn es der Ehemann erlaubte, sich die "Tagesschau" anschauen, die erstmals ausgestrahlt wurde. Ansonsten war es halt die Adenauer-Ära, was bedeutete, dass in Deutschland (BRD) das "Ehepartner-Gesetz" galt, das Frauen stark einschränkte. So benötigten Frauen z.B. die Zustimmung ihres Ehemannes, um berufstätig zu sein. Das Recht auf eigene Bankkonten und andere finanzielle Angelegenheiten war eine weitere Hürde für Frauen auf Selbstbestimmung. In diesem Umfeld und noch dazu bereits gebrandmarkt als "Sünderin" veröffentlichte Hildegard Knef besagte dritte Single. In der letzten Strophe von "Heut‘ gefall ich mir" singt die Knef: "Heut gefall' ich mir / ja heut gefall' ich mir / doch was mir keiner ansieht / ist die Angst in mir / Wie gefall' ich dir?"

Ich möchte mich gern von mir trennen
Am 24. Februar 1955 stand die Knef unter dem Pseudonym Hildegarde Neff im Imperial Theatre in New York als Ninotschka auf der Bühne. Sie blieb für viele Jahrzehnte die einzige Deutsche in einer Hauptrolle am Broadway, und das gleich 478-mal. Dieser Erfolg änderte dennoch nichts an dem bizarr-gestörten Verhältnis seitens der Medien und der Öffentlichkeit in Deutschland ihr gegenüber. Die Ambivalenz war die Gebundenheit an die Sprache, das Land und das Publikum, das sie bekannt gemacht hatte. Die Ambivalenz war andererseits stets kritisch gegenüber dem, was sie als moralische Engstirnigkeit wahrnahm. Diese kritische Haltung, gepaart mit ihrem künstlerischen Mut, machte die Knef zu einer der bemerkenswertesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, aber auch zu einer, die nie vollständig in das konservative Selbstverständnis des Landes passte.
Als das Flussbett eingetrocknet, suchten Kinder nach dem Ufer
Im Jahr 1963 erschien dann auch ihre erste Langspielplatte mit dem Titel "So oder so ist das Leben", dem folgten 16 weitere Alben. Ihr letztes Album hieß "17 Millimeter", das sie unter der musikalischen Leitung von Till Brönner und Wolfgang Haffner einspielte und erschien im November 1999. Mit diesem Album schaffte sie es erstmals seit 1970 und dem Album "KNEF" wieder in die Charts. Nach "Halt mich fest" (1967) und "Träume heißen du" (1968) war "KNEF" das dritte Album der Künstlerin, bei dem der österreichische Komponist Hans Hammerschmid für die Arrangements sorgte. "KNEF" ist ein erstaunliches Album, das Einflüsse aus Jazz, Folk, Pop, Psychedelic-Rock und Beat vereinte. Die Knef bezeichnete das Album nachträglich als ihr "bestes". Darauf enthalten ist auch das Lied "(Ich brauch’) Tapetenwechsel“, ein poetisches Manifest des Individuums, das nach Selbstverwirklichung strebt, nach der Möglichkeit, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen und die eigene Existenz aktiv zu gestalten. In seiner inhaltlichen wie musikalischen Gestalt reflektiert es deutschsprachige Lyrik zwischen Anpassung und Eigensinn, zwischen Traum und Realität. Mit der Textzeile "Ich brauch’ Tapetenwechsel, sprach die Birke" löst sie ironisch die Grenze zwischen Mensch und Natur auf und versinnbildlicht das lyrische Ich, das den Stillstand nicht länger erträgt und einen radikalen Wandel der Lebensumstände fordert. Hildegard Knef verwendet eine prosaische Sprache, deren poetische Kraft in der Unmittelbarkeit liegt. "(Ich brauch’) Tapetenwechsel" ist zugleich persönliches Bekenntnis und allgemeine Parabel dem Konformismus zu entkommen, die eigene Identität zu behaupten. Kritiker nahmen es ihr noch fast 30 Jahre später übel, dass sie hier versuchte, "Hippie-Drogenlyrik nachzuempfinden", als sie über "Die Herren dieser Welt" sang und düstere Szenarien wie "Als das Flussbett eingetrocknet, suchten Kinder nach dem Ufer“ entwarf.

Das Glück kennt nur Sekunden / der Rest ist Warteraum
Die Spießer des Landes rückten ihre männliche Brille nach dem Tod von Hildegard Knef am 1.2.2002 zurecht und änderten die Perspektive drastisch. War sie zu Lebzeiten für Männer Anlass für Debatten über Moral, Sexualität oder Rollenbilder, so rückte man im Nachruf zunehmend das Gesamtwerk und die künstlerische Leistung in den Fokus. Ihr Tod wurde sogar von staatstragenden Figuren mit Kondolenzschreiben begleitet als Zeichen dafür, dass die künstlerische Bedeutung anerkannt wurde, die man ihr zu Lebzeiten nicht zugestand. In den Jahren danach trat eine Art postume Versöhnung mit der Öffentlichkeit ein. Ausstellungen in der Deutschen Kinemathek dokumentieren ihr Leben als Zeitgeschichte, retrospektive Einordnungen verstehen sie als Wegbereiterin einer offenen, selbstbestimmten Künstlerinnenschaft.
Ich wollte dich vergessen
Dass zu ihrem 100. Geburtstag wieder in den Medien breit über sie berichtet wird – diesmal jedoch nicht mehr als Skandalfigur, sondern als integrale Größe der deutschen Kulturgeschichte – ist mit Vorsicht zu genießen. Manche, die sie heute in eine verehrungswürdige Position hieven, skandalisierten sie zeitlebens. Was bleibt nach 100 Jahre Knef? Definitiv ihr wohl bekanntestes Lied, "Für mich soll’s rote Rosen regnen", das erstmals 1968 als Single raus kam und im breiten Orchestergewand auf die Hörer:innen hinab regnete. Knefs rote Rosen hat einige Metamorphosen durchgemacht, alleine von ihr gibt es vier Versionen, u.a. jene mit der NDW-Band Extrabreit im Jahr 1992. Was noch bleibt ist die Kraft ihrer Stimme und Textzeilen wie "Das bisschen Neid / das bisschen Angst / ist nun vorbei“, die sie gegen die Erwartungen der prüden Gesellschaft als Frau definierte, die unbeirrt ihren Weg ging. //
Text und Fotos: Manfred Horak
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