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Musikalische Seufzer aus der Zeit danach

Musik von Troja

Der trojanische Krieg hat Komponisten durch die Jahrhunderte hinweg inspiriert. Musik von Troja von klassischer Oper bis zur Neuen Musik, von Power Metal bis zum Alternative Pop-Rock von Fox on Ice. Jede Zeit findet ihre eigenen brennenden Mauern in der Musik.

Eine kurze Geschichte über die Musik von Troja

Fox on Ice aka Anna Luca Poloni (Text und Gesang) und Christian Mair (Musik) geben Polyxena, Tochter der Hekabe und Priamos, sowie Schwester von Kassandra, eine neue Stimme. Der trojanische Krieg und alles, was rundherum passierte, bewegt bis heute die Gemüter und inspiriert seit jeher die Musikwelt. Dass eine Prinzessin, die in den Erzählungen meist nur am Rand steht, plötzlich selbst singt, ist kein Zufall. Troja hat die Eigenart, immer dann wieder zu erklingen, wenn jemand eine Geschichte neu hören will, sei es als Klage, als Satire, als Mahnung, oder als Liebesdrama. Von den Sängern an Homers Höfen über die Opernbühnen des Barock bis in die Clubs und Streamingdienste der Gegenwart zieht sich ein roter Faden aus Tönen durch die Jahrhunderte, vom ersten überlieferten Notenfragment bis zu den Stimmen von heute.

Der blinde Sänger und das Rätsel der Stille

Musik von Troja HomerMan sollte mit dem Eingeständnis beginnen, dass der erste Troja-Gesang nicht erhalten ist. Das mag wie ein schlechter Anfang für eine Musikgeschichte klingen, aber es ist ein guter Anfang für eine ehrliche. Homers Epen wurden nicht gelesen, sondern vorgetragen. In der Odyssee singt der blinde Demodokos am Hof der Phäaken vom Holzpferd, und der Held, um den es geht, sitzt unerkannt dabei und weint. Es ist die erste Szene der Weltliteratur, in der ein Mensch seine eigene Geschichte als Lied hört. Von der Musik jener Sänger wissen wir nichts. Das älteste greifbare Dokument ist ein Fragment, das nur mittelbar zum Stoff gehört. Es ist der Wiener Orestes-Papyrus, der eine Handvoll Verse des ersten Stasimons aus Euripides' Orestes samt Notenzeichen überliefert. Er stammt aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. und wurde in Hermopolis in Ägypten gefunden. Ob die Melodie von Euripides selbst stammt, ist eine offene Frage. Das Stück spielt, wie die Österreichische Nationalbibliothek anmerkt, unmittelbar nach dem Trojanischen Krieg. Wir besitzen also ein Stück Musik, das nach Troja spielt, in einer Handschrift, die Jahrhunderte nach dem Dichter entstand, und im Text steht das Wort Katolophyromai, "ich klage, ich lamentiere bitterlich". Mehr Ironie hätte kein Historiker erfinden dürfen. Das älteste Zeugnis dessen, wie ein Krieg klang, ist ein Seufzer aus der Zeit danach.

Ein neues Geschäftsmodell

Dann folgt, wie so oft, ein Jahrtausend, in dem man den Stoff liebte und die Töne verlor. Musikalisch hat das Mittelalter wenig hinterlassen, und ich verzichte darauf, etwas zu erfinden. Begeben wir uns daher in die Frühe Neuzeit des Barock, in das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Mit der Eröffnung vom ersten öffentlichen Opernhaus im Jahr 1637 – dem heute nicht mehr existenten Teatro San Cassiano in Venedig – ergab sich ein neues Geschäftsmodell. Zum ersten Mal konnten alle Menschen, die eine Eintrittskarte bezahlen konnten, eine Opernaufführung besuchen, statt wie zuvor nur der Adel an geschlossenen Höfen. Die dort gezeigten Opernstoffe stammten meist aus der römischen Geschichte oder aus Troja-Legenden wie "Elena" von Francesco Cavalli, das eine ganze Reihe von klassischen mythologischen Motiven verarbeitet, darunter das frühe Leben der Helena, ihre Entführung, ihre Befreiung, und ihre Verbindung mit Menelaos, der in der Oper Helena allerdings nicht im Wettbewerb mit anderen Freiern gewinnt, sondern durch eine Verkleidung als Amazone. Wie auch immer: Gefeiert wurden mit diesem neuen Geschäftsmodell die heroischen Ideale und die edle Abstammung des venezianischen Staates. Die Serenissima, die auf Sumpf gebaut war, wollte Ahnen haben, und ein Trojaner war so gut wie ein anderer.

Dido, oder die Erfindung des Abschieds ... Und erstmals taucht Polyxena auf

Die erste Oper, die den Troja-Stoff als Oper behandelt, ist nach einer Darstellung der Virgil Society "Didone", ebenfalls von Francesco Cavalli, entstanden 1641 auf einen Text von Giovanni Francesco Busenello nach Vergils Epos "Aeneis". Die ganze Aeneis erzählt einen wichtigen Gründungsmythos des Römischen Reiches als Herkunftssage an die Trojaner und wurde so Inspiration für etliche Opern, die noch kommen sollten, denn nicht zuletzt ist die Liebe der Karthagerin zum fliehenden Trojaner das Urmuster der Oper. Eine Frau singt, ein Mann geht, ein Orchester weiß mehr als beide.Kurzum: Die Oper nutzt diesen Mythos, um große Gefühle mit historischer Tragik zu verknüpfen. Der Gipfel dieser Linie liegt ein halbes Jahrhundert später in England. Purcells "Dido and Aeneas" gilt als früheste englische Oper, die erste Aufführung fand 1689 oder vielleicht 1690 in einer Mädchenschule in Chelsea statt, und der Schulmeister Josias Priest soll den Aeneas gegeben haben. Hier lacht der Leser, aber man soll nicht zu früh lachen, Mädchen sangen das Klagelied der Dido, "When I am laid in earth", das heute auf Beerdigungen und in Werbespots läuft, und niemand hat es seither übertroffen. Dass das vielleicht beste Stück der Gattung für ein Internat entstand, ist die vielleicht schönste Verspottung aller Opernpathetik. Später kam das erste Opernlibretto von Pietro Metastasio, "Didone abbandonata", und aus der Trauer war ein Textbuchformular geworden, ein Fall von Massenproduktion der Melancholie, ein Leitz-Ordner, gefüllt mit über 60 verschiedenen Vertonungen. Dazwischen liegt eine politischere Variante. Jean-Baptiste Lully und, nach seinem unerwarteten Tod während des Komponierens, Pascal Collasse, vertonten 1687 am Hof Ludwigs XIV. "Achille et Polyxène" nach einem Libretto von Jean-Galbert de Campistron. Eine Studie sieht darin ein Plädoyer für den Frieden, gedacht für einen Hof, der ständig Krieg führt. Troja als Fürstenspiegel, mit dem Nachteil, dass der Fürst selten hineinschaut. Erstaunlicherweise gibt es bis heute keine einzige Aufnahme der kompletten Oper auf Tonträger. Hinzu kommt, dass erst knapp 340 Jahre später Polyxena erneut in einem Stück auftaucht.

Musik von Troja BerliozMusik von Troja Offenbach

Berlioz oder: Wie man eine Stadt baut, die man nicht betreten darf

Das 19. Jahrhundert macht aus dem Stoff eine Gesinnung. Hector Berlioz beginnt 1856 mit dem Libretto zu "Les Troyens", und die Idee, wie die Forschung feststellt, reicht bis in die Kindheit zurück, als sein Vater ihm Vergil vorlas. Offenbar wurde der kleine Hector nicht ohne Grund mit dem Vornamen des Prinzen von Troja bedacht. Die Oper jedenfalls ist zu groß für Paris. Den zweiten Teil hört der Komponist am 4. November 1863 am Théâtre-Lyrique, das Ganze aber, an zwei Abenden, wird erst am 5. und 6. Dezember 1890 in Karlsruhe gegeben, über zwanzig Jahre nach seinem Tod. Das heißt, der Mann hat ein Troja gebaut, das nur die Nachwelt besichtigen konnte. Zur gleichen Zeit lacht Jacques Offenbach. "La belle Hélène" macht aus dem Weltkrieg eine Eheaffäre und aus den Göttern Hochstapler. Es ist die gleiche Geschichte, einmal in Marmor und einmal in Champagner. Man könnte meinen, das eine widerlege das andere. In Wahrheit sind es zwei Hälften einer Behauptung, denn entweder ist Troja zu groß, um erzählt zu werden, oder zu lächerlich, um ernst genommen zu werden, und beide Ansichten sind wahr.

Der Krieg ist vorbei, die Klage nicht

Das 20. Jahrhundert, das zwei Weltkriege hinter sich brachte, hat den Stoff nicht mehr als Ahnenreihe, sondern als Spiegel benutzt. Sir Michael Tippett komponiert "King Priam" zur Einweihung der Kathedrale von Coventry (1962), Aribert Reimann setzt 1986 mit "Troades" nach Euripides und Franz Werfel den Klagegesang der Frauen fort. Daneben schreibt Iannis Xenakis seine "Oresteia" nach Aischylos, und Othmar Schoeck vertont Penthesilea nach dem Trauerspiel von Heinrich von Kleist. Die Neue Musik ist die Gattung der Nachkriegsbefangenheit, und Troja ist die Stadt, die nach dem Krieg nie wieder aufgebaut wurde, aber die Moderne hat auch ihre eigene Art damit umzugehen. 2008 führte Leonard Slatkin am Kennedy Center mit dem National Symphony Orchestra Michael Daughertys "TROYJAM" auf, ein Stück für Sprecher und Orchester mit einem Text von Anne Carson, in dem die Griechen und Trojaner, angeführt vom Lyra spielenden Achill und von Hektor, beschließen, die Orchesterinstrumente in einer wilden Jam-Session zu spielen, um Musik statt Krieg zu machen. Das ist das Programm der Postmoderne in einem Satz, man rettet die Welt, indem man den Krieg zur Probe macht. Der türkische Pianist Fazıl Say wiederum schrieb eine "Troy Sonata", mit Stücken wie "Aegean Winds", "Heroes of Troy", "Sparta", "Trojan Horse" und "Helen – Love". Homer ist hier Programmmusik, wie man es von Kurorten erwartet, neue Klaviermusik über die Liebe und den Krieg. Seine "Troy Sonata" erklang erstmals im August 2018 im türkischen Çanakkale auf dem dortigen Troia Festival, etwa 30 Kilometer von der in der Türkei liegenden antiken Stätte entfernt, dort, wo acht Jahre später auch Fox on Ice agieren werden.

Musik von Troja TrostesMusik von Troja Troyjam

Jazz, Rock, und das Pferd im Verstärker

Im Jazz, dessen Verhältnis zur Antike lange eher indirekt war, kommt der Stoff über den Umweg der Heimkehr. Don Rendells post bop music "Odysseus Suite" wurde im Oktober 1970 in London live im Studio aufgenommen und erst 2022 veröffentlicht, ein halbes Jahrhundert Verspätung, wie bei Hector Berlioz, nur ohne Rührung. Dazu kamen später Chris Potters "The Sirens" (2013; ECM), ein Zyklus von "Songs ohne Worte", inspiriert von Homers eposartiger Odyssee. Potter komponierte die Stücke in rund zwei Wochen, nachdem er das Werk erneut gelesen hatte. Im selben Jahr veröffentlichte das israelische Shai Maestro Trio das Album "The Road to Ithaca", das sich auf den griechischen Dichter Konstantinos P. Kavafis und auf die Heimfahrt nach dem Trojanischen Krieg beruft. Man bemerke das Muster, der Jazz singt nicht von Troja, sondern von der Zeit danach. Das passt zu einer Musik, die ihre Themen lieber umspielt als vorträgt. Der Rock macht es direkter und dümmer, im besten Sinn. Led Zeppelin nennt ein Stück "Achilles Last Stand", dessen Text mit dem Helden wenig zu tun hat. Sinéad O'Connors "Troy" hat mit dem Krieg nichts zu tun, aber mit Feuer. Tom Waits besingt in "The Fall of Troy" den Tod eines Jungen namens Troy. ABBA besingen die Seherin Kassandra, allerdings nicht aus der Sicht von Kassandra gesungen, sondern aus der Perspektive der Reue einer namentlich nicht genannten Person. Al Stewart verarbeitet in seinem Song "Helen and Cassandra", typisch für seinen erzählenden und oft historisch inspirierten Musikstil, die Tragik des Schicksals, bei dem Schönheit und Zerstörung sowie Wissen und Ohnmacht aufeinanderprallen. Florence + The Machine nutzte in "Cassandra" ebenfalls die mythologische Figur, um weibliche Intuition, Isolation und kollektive Krisen in eine hymnenartige Pop-Struktur zu verarbeiten. Im Metal wird der Stoff schließlich schwer, um nicht zu sagen heavy. Im fast 29-minütigen Epos "Achilles, Agony and Ecstasy in Eight Parts" auf dem Album "Triumph of Steel" (1992) macht die Heavy-Metal-Band Manowar aus dem Zweikampf zwischen Achill und Hektor einen achtteiligen Epos-Song, dessen letzter Teil Hektors Tod, die Schändung seiner Leiche und Patroklos' Bestattung behandelt. Zehn Jahre später nimmt sich die deutsche Power-Metal-Band Blind Guardian auf dem Album "A Night at the Opera" (2002) dieses Thema an. Im über 14-minütigen Song "And Then There Was Silence" schildert die Band, basierend auf Homers "Ilias" und Vergils "Aeneis", die letzten Untergang geweihten Tage von Troja aus Kassandras Sicht und "Under the Ice" erzählt die Geschichte von Kassandra chronologisch weiter und orientiert sich dabei an der griechischen Tragödie "Orestie" von Aischylos. Hätte Beethoven jemals eine E-Gitarre in der Hand gehalten, klänge das Ergebnis nicht sonderlich anders, und dass die lauteste Musik des Planeten dem Epos am nächsten steht, ist kein Zufall. Homer hat auch geschrien.

Musik von Troja rendellMusik von Troja Chris Potter

Das Pferd im Feed, und Polyxena 340 Jahre später in der Arena von Troja

2022 beginnt ein junger Komponist, Jorge Rivera-Herrans, sein Musical "EPIC" in Fortsetzungen im Netz zu veröffentlichen, und das Publikum baut mit, wie einst bei den Sängern der Phäaken. Sein Mix aus modernem Musiktheater, Pop-Classical, Anime- und Videospiel-Einflüssen entstand als Studienprojekt und ist durch TikTok-Videos weltweit bekannt geworden. Ob das bleibt, weiß niemand, was man allerdings weiß, ist, dass der Stoff nach dreitausend Jahren wieder dort angekommen ist, wo er begann, bei einem Sänger, einem Publikum und der Frage, wer die Geschichte erzählen darf. Auf die analoge Kraft hingegen setzt Fox on Ice, als sie in der historischen Arena des Trojanischen Krieges, auf dem Hügel Hisarlık im Nordwesten der Türkei, ihr "Polyxena" zum ersten Mal vor einem Publikum aufführten, sowie in den Tagen danach im Rahmen des Troja Festivals in der Hafenstadt Çanakkale und im hochmodernen Troja-Museum. Anna Luca Poloni (Text und Gesang), Christian Mair (Musik) und Korhan Başaran, der als Hekabe, die Mutter von Polyxena, auf der Leinwand zu sehen ist, geben in "Polyxena" den stummgeschalteten Frauen ihre Stimme zurück. Bei der Weltpremiere des zweiten Teils ihrer Trilogie "Fe.Male Myth" gibt die E-Gitarre den Ton vor und die lyrische Kraft der Texte die Lautstärke. Das kollektive Gedächtnis erzählt die Geschichte von einer Frau, die lange in Vergessenheit geriet, und nur einmal, 1687, in "Achille et Polyxène" zur Namensgeberin eines musikalischen Werks wurde. Nach über 300 Jahren ist die Sichtweise von Polyxena erstmals eine feminine, endlich.

Musik von Troja Polyxena live

"Behind us", heißt es in der Eingangszeile des ersten Lieds, "ashes, ruins and waste land", und später im Lied, "My mother – a statue of revenge now / She spits on all the traitors on both sides / Loaded full with grief and anger / And though it's heaven to have her near!" Was macht es mit den Frauen der Stadt, die mit dem Mythos aufgewachsen und von ihm betroffen sind? Einiges, wie man bei den Live-Darbietungen erleben und fühlen konnte. Wer heute die Zeitungen liest, erkennt Strukturen wieder, die er aus den alten Erzählungen kennt. Alltagsaktualitäten, Femizide und Grausamkeiten, die jede Zeit aufs Neue entdeckt, als wären's Einmaligkeiten. Geschichte wiederholt sich nicht, möchte man glaubhaft allen die es hören wollen, versichern, sie reimt sich bestenfalls, und der Reim täuscht oft über die Verschiedenheit der Sache. In "Polyxena" tritt die Tochter mit ihrer Mutter Hekabe in einen streitbaren Dialog. An einer Stelle lässt uns Polyxena resigniert wissen, dass es immer schon sinnlos war, mit ihrer Mutter über ihren Bruder Paris zu sprechen. "Sie wusste, dass er die Stadt und uns alle zerstören würde." Dennoch konnte Hekabe nicht aufhören, ihren Sohn zu lieben. "Niemand konnte das. Auch Helena nicht, die Schlampe..." Fox on Ice bleibt in den Liedern zumeist in der Melodiosität, ihre Songs besitzen also die Eigenschaft einprägsamer, fließender und angenehmer Tonfolgen, ohne dabei das raue, ungeschliffene Element zu vergessen, das notwendig ist, um Songs interessant zu machen. So geht Pop, so geht Rock, so entsteht eine ganz besondere Dynamik im Kontext eines mythologischen Themas. Die 16 Lieder sind eine bittere Erkenntnis, z.B. im Lied "A Married Slut and a Spoilt Boy", wenn es heißt, "They used the girl! They used the girl! / The bastard warlords used the girl! / They used the girl!", oder, kurz darauf im Dialog zwischen Tochter und Mutter, wenn Polyxena sagt: "Die arme Iphigenie, sie kam als Braut … in der Erwartung, Achilles zu heiraten. Stell dir das vor, Mutter, ausgerechnet Achilles!" Ihre Mutter Hekabe erwidert erzürnt: "Erwähne nicht einmal seinen Namen! Wage es ja nicht. Allesamt Mörder! Ich würde weitere tausend Jahre im Hades verbringen, nur um ihnen beim Leiden zuzusehen …" Ein Dialog wie dieser gefiel nicht allen. Einige Männer protestierten lautstark, während manche Frauen still weinten. "Who would believe such nightmares? / Allow them to enter their brain? / Plug you ears and you heart! Plug! / And try to stay sane!" Die Texte und die Lieder funktionieren auch außerhalb des mythologischen Ortes, wobei die geografische Nähe zum Thema den Liedern eine zusätzliche Schärfe verleiht.

Songzyklus mit Performance-Rahmen und Multimedia

Der entscheidende Unterschied zu fast allem, was andere bis dahin gemacht haben, Reimanns "Troades" vielleicht ausgenommen, ist, dass sie alle, ob Hector Berlioz oder Sir Michael Tippett, den Krieg von oben erzählen, aus der Sicht der Helden und der Geschichte. Fox on Ice setzt dagegen auf die Position der Überlebenden und Geopferten und lässt sie in der ersten Person singen. “The Good, Good Gods” zeigt die Machart gut. Der Text folgt Polyxenas Weg zum Opfer am Grab Achills in drei Bewegungen, jener, der Beobachtung der nahenden Männer, dem Trotz in einem Refrain, und der Trost für die Mutter. Der Refrain besteht aus parallelen Ultimaten nach dem Muster "willst du mich zur Sklavin machen, dann vergifte ich dein Leben". Dabei wird die Reihe der Kriegsfolgen – Sklaverei, sexuelle Gewalt, Zwangsarbeit, Tod – aufgezählt und jedes Mal mit einer Verweigerung beantwortet. Die Pointe liegt in der letzten Wendung. Wer sterben soll, preist ironisch "the good gods", als Gebet und als Fluch. Am Ende kehrt sich die Rolle um, denn die Tochter tröstet die Mutter und erinnert sie daran, dass sie Königin von Troja ist. Die Texte sind knapp, bildhaft und direkt, die Parallelkonstruktion trägt als Hook, und der Umkehrtrick am Schluss ist dramaturgisch sauber und arbeitet mit Alltagsdrastik statt mit antikisierender Würde. Das ist ein bewusster Kontrapunkt zu Werfels oder Berlioz’ Pathos. Musikalischer Höhepunkt ist eventuell "But No One Listened (To my sister Cassandra)" ob des reichen Melodiengehalts, sowie das Gitarrenriff von "Some Questions", ein klassisches Rock-Riff, das alle Klischees erfüllt. Rock-Fans mochten so etwas immer schon sehr gerne, dieses eingängige und zugleich Kantenbewahrende, so wie auch die Gitarrrenfigur in "Losing Your Son", die ebenfalls auf das selektive Gedächtnis der Rockgeschichte aufbaut. Konzeptionell steht "Polyxena" von Fox on Ice in einer Tradition, die vom Euripides-Stück "Hekabe" über Reimann bis zu zeitgenössischer feministischer Mythenneudeutung reicht, und von dort geht es noch ein paar Wegstrecken weiter. Bei Anna Luca Poloni und Christian Mair wird der Troja-Stoff nicht mehr als Oper oder Epos gedacht, sondern als Songzyklus mit Performance-Rahmen und Multimedia. Dass heute Polyxena, die jüngste Tochter der Hekabe, darin zu singen beginnt, nach dreitausend Jahren des Schweigens am Rand der Erzählung, ist möglicherweise die schönste Pointe dieser kurzen Geschichte über die Musik von Troja. //

Text: Manfred Horak
Fotos: Manfred Horak, Simon Matthias Maurer
Redaktioneller Hinweis: Die Reise nach Çanakkale / Troja (Türkei) erfolgte auf Einladung von 
Wortwiege .Dieses Projekt wurde mit freundlicher Unterstützung von BMEIA und Land NÖ ermöglicht.

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Veröffentlicht: 06. November 2026