1956 wurde der Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea erstmals in Lugano, Schweiz ausgetragen. Österreich hätte auch dabei sein sollen, war es aber nicht. Heute ist der ESC pseudopopulär und Autriche ein paar Anekdoten reicher.
Eine alte Laterne und das moderne Wien
Mit etwa einem Dutzend Nicht-Teilnahmen, mehreren letzten Plätzen, aber auch drei Siegen sowie einer im Durchschnitt im Mittelfeld liegenden Platzierung erweist sich Österreich als ein Land, das im ESC-Wettbewerb nie ganz berechenbar ist. Legendär, oder zumindest wieder der Erinnerung wert, sind auch so manche Ankündigungen und Moderationen, z.B. jene im Jahr 1971: "Jetzt geht's also los. Und hier läuft auch schon der kleine Stimmungsfilm, der den Auftritt unseres Landes ankündigt. Zu den Bildern, die sie hier sehen, muss ich ihnen bestimmt nichts mehr sagen. Sie kennen das alles – Schloss Schönbrunn, eine alte Laterne und das moderne Wien. Jetzt müssen wir fest die Daumen drücken!" Daraufhin betrat Marianne Mendt die Bühne und erreichte mit dem Lied Musik Platz 16 von 18. Warum eine alte Laterne zwischen Schönbrunn und dem "modernen Wien" explizit erwähnt wurde, beruht wohl darauf, dass 1951 neue Glühlampentypen zum Einsatz kamen. Nach und nach ersetzten sie die alten Gaslaternen. Die letzte wurde übrigens erst 10 Jahre später gelöscht.
Mangel an geeigneten Künstlern
1978 in Paris trat die Band Springtime mit Mrs. Caroline Robinson an. Nachdem das Lied verklungen war, hörte man den Moderator sagen: "So, sie haben es geschafft. Und wir notieren hier sogar Bravo-Rufe aus dem Publikum für den Auftritt unserer Gruppe." Selbstbewusstsein hört sich freilich anders an, und irgendwie wurde man im Laufe der ESC-Geschichte den Eindruck nicht los, dass die Kulturnation Österreich nie so richtig an die Musikerinnen und Musiker des Landes glaubt, so etwa als Österreich 1969 dem Wettbewerb in Madrid fernblieb. Formal begründete man dies mit "Mangel an geeigneten Künstlern". Fairerweise muss man da etwas weiter ausholen, denn hinter dieser eigenartigen Aussage steckte ein politischer Boykott, weil Spanien damals von Diktator Franco regiert wurde. Ironischerweise hatte Österreich im Jahr davor zwei Punkte an Spanien vergeben, das schließlich den ESC mit nur einem Punkt Vorsprung gewann.
Mein Lied wird uns beide treu begleiten
Werfen wir einen Blick zurück auf die Anfänge des Wettbewerbs. Die Geschichte des ESC begann für Österreich desaströs, da im ersten Jahr die Anmeldefrist zur Teilnahme versäumt wurde. So konnte Österreich erst im zweiten Jahr erstmals teilnehmen, und das mit einem verkappten Country-Song im Pseudo-Big-Band-Gewand, gesungen von Bob Martin. Darin heißt es: "Wohin, kleines Pony, woll'n wir reiten? / Mein Lied wird uns beide treu begleiten / Und durch die Felder, die weiten Felder / Klingt für uns zwei, mein herippihei". Somit begann Österreichs Beitragsgeschichte zum ESC mit dem letzten Platz. Nicht minder kurios ging es in diesen ersten Jahren weiter, alles immer irgendwie rückwärtsgewandt in einer Mischung aus Operettenseligkeit und dem Nachtrauern alter Zeiten, das sich nicht selten wie eine ungewollte Satire anhörte. 1958 wurde Liane Augustin vom ORF ausgewählt, eine Sängerin, die ein paar Jahre davor den wohlhabenden Geschäftsmann Gabriel Kenézy ehelichte, der eigens für sie die Wiener Eden Bar kaufte und seine Frau zur "Grande Dame" dieses Hauses machte, in dem sich ein gehobenes, internationales Publikum die Klinke in die Hand gab. Das Lied trug den schönen Titel Die ganze Welt braucht Liebe und wurde von Liane Augustin nie auf Schallplatte aufgenommen. Wenn man sich den Beitrag anhört, weiß man auch warum.
Dann kam Udo Jürgens, und das gleich dreimal
Ein weiteres Jahr später hieß der Sänger Ferry Graf. Das Lied Der k. und k. Kalypso aus Wien war der Versuch einer Annäherung an das Kabarett-Lied "Jedermann-Kollapso" von Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger. Es erreichte damit immerhin den vorletzten Platz. In den darauffolgenden Jahren bewegten sich die österreichischen Beiträge ebenfalls zwischen dem vorletzten und letzten Platz, aber man soll nie die Hoffnung aufgeben. Vielleicht geschieht ein Wunder sang Carmela Corren 1963 folgerichtig für Österreich und landete damit tatsächlich im Mittelfeld. Und dann, ja, dann kam Udo Jürgens, und das gleich dreimal. Seine dritte Teilnahme brachte Österreich erstmals den Gewinn des ESC. Das war 1966. Sein Merci, Chérie kennt man heute noch, das Stück zählt zu den meistverkauften Singles in Deutschland.
Backhendln, Schubert und Staatsoper
Warum es 100.000 Sterne gibt – aber nur zwei Punkte – erfährt man wiederum, wenn man sich dieses Lied anhört, das 1967 im Großen Festsaal der Wiener Hofburg von Peter Horton gesungen wurde. Nein, es wurde nicht der letzte Platz, denn der Beitrag von der Schweiz erhielt Null Punkte. Apropos: Österreich hat im Laufe der ESC-Geschichte viermal Null Punkte erhalten: 1962, 1988, 1991 und 2015. Eleonore Schwarz vertrat Österreich beim Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne 1962 inmitten der Kuba-Krise und Atombombenversuchen mit dem Lied "Nur in der Wiener Luft", einer kruden Mischung aus Wienerlied, Operette und kunstvoller Koloratur-Arie, mit dem man sich dementsprechend weit in die Zeit der alten Laternen zurückversetzt fühlte. "Backhendln, Schubert und Staatsoper" tauchen im Text genauso auf wie "Stephansdom, Rathausmann, Sacher und Würstelmann". Und das Wiener Lebensgefühl? "Schaut man zum Fenster 'naus, klingt es nach Johann Strauss". Ah ja. Auf YouTube kann dieser leidvolle Moment nachgesehen werden. Ein Kommentar darunter lautet: "0 points is overrated! It deserved a negative score!"

Nur ein Lied
Den wohl bittersten Moment in der Null-Punkte-ESC-Geschichte erlebte Österreich wohl im Jahr 1988. Es war die Zeit der Waldheim-Affäre, und der 2017 verstorbene Sänger Wilfried trat mit seinem Song Lisa, Mona Lisa an. "Das Lied finde ich nicht einmal schlecht", erzählte er mir einmal in einem Interview, "aber es war nicht das richtige Lied. Es gab eine Schaffenskrise in meinem Leben und das ist da hineingefallen." Abgesehen davon wurde es "de facto politisch und nicht musikalisch bewertet", wie er meinte. Der letzte Platz mit Null Punkten war die Folge eines völlig unverhältnismäßigen Österreich(er)-Bashing, bei dem er das Gefühl hatte, für etwas bestraft zu werden, mit dem er nicht das Geringste zu tun hatte. Für Wilfried erwies sich dieser Auftritt in Folge als ziemliche Karriere-Bremse, das Lied selbst gilt außerdem in der ESC-Community als einer der schlechtesten Beiträge in der ESC-Geschichte. Begründung: "Er schmachtete Da Vincis berühmtes Gemälde an und analysiert es dabei mit der lyrischen Finesse eines Erstklässlers vor seinem ersten Museumsbesuch." Autsch. Österreichs Reaktion im Jahr darauf war das Lied Nur ein Lied, komponiert von Dieter Bohlen und gesungen von Thomas Forstner. Der Liedqualität wegen könnte man es auch Rache nennen. Das überraschend gute Abschneiden auf Platz fünf ließ Forstner 1991 nochmals teilnehmen. Mit Venedig im Regen tänzelte er sich mit Vokuhila-Schnitt und funkelnder Pailletten-Robe an letzter Stelle mit Null Punkten.
So austauschbar wie damals
2014 taumelte Österreich hingegen zum zweiten Mal in die ESC-Glückseligkeit. "Das ist unglaublich. Jetzt hat sie uns den Schaaß gewonnen", hieß es dazu in der ORF-Moderation zum Sieg von Conchita Wurst. Der Song Rise Like a Phoenix zählt zu den beliebtesten in der ESC-Geschichte. So strahlend dieser Höhepunkt war, so tief folgte der Absturz im Jahr darauf, da half auch kein brennendes Klavier. Die Ernüchterung: The Makemakes erhielt für den Song I Am Yours keinen Feuerlöscher, sondern Null Punkte. Und so sitzt man jedes Jahr wieder da, ein wenig skeptisch wie nach einer verschwendeten Liebe, ein wenig hoffnungsvoll mit einem blauen Auge davonzukommen, also weder zu gewinnen noch Null Punkte einzuheimsen, möglicherweise ein wenig Cosmó, vielleicht auch ein wenig Tanzschein. Bleibt eigentlich nur noch die Frage nach einer Beurteilung zur Entwicklung des Song-Contest übrig. Genau diese Frage stellte ich Marianne Mendt: "Ich glaube, da gibt es keine Entwicklung. Das ist für mich so austauschbar wie damals, wie ich dort war, oder noch länger. Vielleicht gibt es ein paar gute Interpreten, aber können Sie ein Lied nachsingen? Man kann das nur als Spektakel sehen, wo viele Millionen zusehen." //
Text: Manfred Horak
Fotos: Nationaal Archief (Eleonore Schwarz), license: www.gahetna.nl/over-ons/open-data / pixabay (Würfel)
Der Artikel erschien in gekürzter Fassung in RZ 19/2026
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