Ausgehend vom Verlust ihrer Gürteltierhandtasche, reflektiert Elfriede Jelinek das Burgtheater als Erinnerungsraum. Anne Aschenbrenner machte daraus den Kurzfilm Das Gürteltier.
Dasypus novemcinctus
Die liebe Sprache, die eigentlich immer nur weg will von ihr, Elfriede Jelinek, so wie das Tascherl von ihr weg wollte, das Gürteltierhandtascherl, das frühestens im späten neunzehnten oder frühen zwanzigsten Jahrhundert in den USA als Dasypus novemcinctus oder als eines von rund zwanzig gegenwärtig vorkommenden Gürteltierarten das Leben meisterte, so lange, bis ein Mensch den Kopf mit einem Beil abtrennte, den natürlichen Panzer des Gürteltiers trocknete, aushöhlte und vermutlich mit chemischen Mitteln haltbar machte, damit der gewölbte Panzer den festen Körper der Tasche bilden konnte und der Schwanz des Tieres, zum stabilen Tragegriff über den Rücken gebogen, während das offene Innere meist aufwendig mit Samt oder Spitze ausgekleidet und vernäht wurde, um den rauen Knochenpanzer zu verdecken, sodass sich ein recht bizarres Kapitel der westlichen Modegeschichte vom kuriosen Souvenir zu einem weltweiten Exportschlager entwickeln konnte: die Armadillo Purses, erfunden vom deutschen Emigranten Charles Apelt, der vermutlich nie im Burgtheater war.
Streifzug durchs Burgtheater
Zum 250-jährigen Jubiläum des Burgtheaters wurde Elfriede Jelinek um einen Beitrag gebeten. "Zu meinem Erstaunen kam tatsächlich die Zusage und eine Adresse: ich könne die Tasche bei Frau Jelinek abholen und bekomme 48 Stunden Zeit", erzählt Regisseurin Anne Aschenbrenner. Sie hat den Kurzfilm "Das Gürteltier" nach einem Text von Elfriede Jelinek realisiert, der von eben diesem Verlust der Gürteltierhandtasche bei einer Peymann-Premiere Anfang der 1990er Jahre handelt. Gleich zu Beginn hören wir die Burgschauspielerin Caroline Peters sagen: "Im Theater sind Innen und Außen miteinander verschwistert, eins geht nicht ohne das andre". Mit diesen einleitenden Worten werden die Sesselreihen des Burgtheaters vom Gürteltierhandtaschendetail überblendet, um dann im leeren Theatersaal zu verschwinden. In den anmutigen Schwarz-Weiß-Bildern von Mariano Margarit (Kameramann und Editor) streifen die Betrachterinnen durch das Burgtheater auf der Suche nach dem Geschenk der Mutter von Elfriede Jelinek.
Zeiten überdauernde Umarmung
In Stein gehauene Gesichter trüben Blickes kommen zum Vorschein, Gänge mit halbverklungnen Vergangenheiten, Schatten, die dem Labyrinth des absurd großen Theaters folgen, so wie die Stimme dem Text folgt. Es könnte aber auch sein, dass der Text der angenehmen Stimme folgt. "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / Versuch' ich wohl, euch diesmal festzuhalten? / Fühl' ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?" Elfriede Jelinek eignet sich Goethes elegische "Zueignung" an, denn Goethe und das Burgtheater und Elfriede Jelinek und das Burgtheater ist eine Zeiten überdauernde Umarmung.
Räume, die ich alle zuvor nie gesehen hatte
Das alte Theaterhaus posiert mit der Nüchternheit eines Protokolls, die Kamera stolziert lässig mit der Schönheit des Textes, "ohne Überlegung, was die Kunst mit dem Raum, was mein Tascherl mit der Kunst, was ich mit all dem zu tun hatte, an der Hand eines guten Menschen, ich glaube, es war Hermann Beil." Die vielen Räume öffnen sich, und führen so weit in eine labyrinthische Irre, dass die Literaturnobelpreisträgerin denkt, das Theaterhaus am Wiener Ring könne gar nicht so groß sein. Die Kamera zeigt uns nach einem langen und weiten Weg sachte einen der Räume, "die ich alle zuvor nie gesehen hatte", wie wir aus dem erzählten Text heraushören können. Ein schöner Film.
Wie ein Freak, der Gegenstände von Prominenten fetischisiert
"Als der Text zu mir kam", lässt uns Anne Aschenbrenner wissen, "gemeinsam mit der Frage nach einer digitalen Inszenierung, habe ich nicht lange nachgedacht und einen Kurzfilm vorgeschlagen – mit Handtasche. Nicht als Requisit wollte ich sie einsetzen, sondern als strukturierendes Bildelement." Den Film fertig zu stellen ist das eine, für die Sicherheit der Gürteltierhandtasche zu sorgen, eine andere. Anne Aschenbrenner: "Ich bin nicht ganz sicher, wer da eigentlich wen bewacht hat. Ehrlich gesagt wurde mir von Stunde zu Stunde unheimlicher zumute und ich fühlte mich zunehmend wie ein Freak, der Gegenstände von Prominenten fetischisiert. Dazu die Angst, dem Gürteltier könnte etwas zustoßen. Wie würde ich jemals den Mut aufbringen Frau Jelinek Unheil zu gestehen?" Spoiler: Das Gürteltier benahm sich fantastisch. //
Text: Manfred Horak
Fotos: Stills aus dem Kurzfilm Das Gürteltier; Gürteltier-Handtasche: Anne Aschenbrenner
Kurzfilm Das Gürteltier (2026):
Konzept & Regie: Anne Aschenbrenner
Video & Ton: Mariano Margarit
Sounddesign: Annemarie Schagerl
Musik: Franziska Hatz & Richie Winkler
Erzählstimme: Caroline Peters
Produktion: Corina Lange
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