Jeder befindet sich in einem ständigen Kampf um auf den Füßen zu bleiben, doch wenn das Leben dich immer wieder zu Boden wirft, fällt es immer schwerer und schwerer wieder aufzustehen. Mit dieser Thematik befasst sich Marie Kreutzer in ihrem Film "Der Boden unter den Füßen".

Ein Selbstmordversuch der psychisch kranken Schwester, eine fast ausschließlich sexuelle Beziehung mit der psychisch manipulierenden Chefin und der Zweifel an der eigenen geistigen Gesundheit. Das sind nur einige der Probleme mit der die leistungsorientierte Businessfrau Lola zu kämpfen hat.

Das unnütze Wegrennen vor der Hoffnungslosigkeit

Lola, dargestellt von Valerie Pachner, ist eine Frau, die alles hat. Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf und hat auch keine finanziellen Probleme. Außerdem ist sie durchtrainiert, hübsch und in einer unkomplizierten Beziehung mit ihrer Liebhaberin Elise. So mag es von außen wirken. Im Film blicken wir hinter diese Fassaden und finden dort ein Waisenmädchen, das bereits als kleines Kind Verantwortung für ihre psychisch kranke ältere Schwester übernehmen musste. Unter dem ständigen Druck von Arbeit, Liebesleben und Sorge über ihre Schwester zerbricht sie langsam. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit zieht sich durch den ganzen Film. Lola bemüht sich ihre Probleme wieder in den Griff zu bekommen und arbeitet hart dafür, damit sie und ihre Schwester ein schönes Leben führen können. Egal wie sehr sie sich aber wehrt, das Leben macht mit ihr was es will und sie verliert immer mehr die Kontrolle.

Wenn uns der Wahnsinn enthalten bleibt

Inmitten Lolas stressigen Lebensstils, bekommt sie ständig Anrufe von ihrer Schwester aus der Psychiatrie. Sie bittet um Hilfe, da sie vom Personal anscheinend misshandelt wird. Als Lola dort nachfragt, erfährt sie aber, dass ihre Schwester keine solche Anrufe geführt hat. Lola beginnt langsam ihre eigenen Gedanken zu bezweifeln. Auch als Zuschauer kann man sich nicht mehr sicher sein, was Realität ist und was sich nur in Lolas Kopf abspielt. Langsam versucht man sich zusammenzubasteln was es mit ihrer Psyche auf sich hat und was ihre Halluzinationen bedeuten. Entäuschenderweise wird diese Storyline noch vor der Hälfte des Films abgebrochen. Lola erzählt einer Ärztin von ihren Wahnvorstellungen, möchte die Untersuchung jedoch nicht weiterführen, da sie Angst vor der Diagnose hat. Normalerweise ist das Story-technisch ein klares Indiz dafür, dass ihre psychischen Probleme nicht so einfach aufhören sollten und dass das Verdrängen diese sogar noch stärker macht. In "Der Boden unter den Füßen" wird aber nie wieder weiter darauf eingegangen. Obwohl Lola weiterhin mit vielen Problemen zu kämpfen hat, scheinen diese Halluzinationen praktischerweise nicht mehr aufzutauchen. Dies gibt einem als Zuschauer das Gefühl ein Puzzle gekauft zu haben, bei dem man während des Zusammenbauens merkt, dass einem einige Teile fehlen. Übrig bleibt ein unfertiges Bild, bei dem man spekulieren kann, was es letzten Endes sein sollte. //

Text: Philipp Brandstätter
Fotos: Juhani Zebra / Diagonale 2019
Diese Filmkritik entstand beim Workshop "Filmkritiken schreiben" im Rahmen der Diagonale 2019 unter der Leitung von Manfred Horak (Kulturwoche.at) in Kooperation mit Diagonale - Festival des österreichischen Films, Kulturwoche.at, Kleine Zeitung, Die Furche, Celluloid Filmmagazin und Radio Helsinki. Bei Radio Helsinki entstand mit der Moderatorin Irene Meinitzer auch nachfolgende 60-minütige Live-Sendung.

Film-Tipp:
Der Boden unter den Füßen
Bewertung: @@@
Regie und Buch: Marie Kreutzer
Darsteller/innen: Valerie Pachner (Lola), Pia Hierzegger (Conny), Mavie Hörbiger (Elise), Michelle Barthel (Birgit), Marc Benjamin (Sebastian), Axel Sichrovsky (Herr Bacher), Dominic Marcus Singer (Jürgen), Meo Wulf (Clemens)
Kamera: Leena Koppe
Schnitt: Ulrike Kofler
Originalton: Odo Grötschnig
Musik: Kyrre Kvam
Sounddesign: Veronika Hlawatsch
Szenenbild: Martin Reiter
Kostüm: Monika Buttinger