Im gleichnamigen Manifest fordert Antonin Artaud ein Theater, das zu seiner ureigenen Sprache zurückfindet.

Magisch und nicht von einem geschriebenen Text dominiert soll es sein, aus einer (Inszenierungs-)Sprache, die aus Lauten, Tönen, Bildern, Handlungen im Raum besteht und auf das Publikum körperlich einwirken soll, um es zu einer Erfahrung jenseits eines rationalen Denkens zu führen. Artaud will das Publikum auf Drehsessel setzen, ins Zentrum eines Theaterraumes ohne Bühnenbild, dafür mit einer Galerie, um den Handlungsraum mehrdimensional zu machen. Auch Beleuchtung ist ein wichtiges Element, um auf die Sensibilität des Publikums einzuwirken.

Neuorientierung, um die Handlungsorte zu finden

Die Inszenierung von "Nacht ohne Sterne" von Bernhard Studlar nimmt diese Anweisungen Artauds auf und setzt das Publikum zentral in den Bühnenraum. Ringsum ist ein Gerüst aufgebaut, das mehrere Spielplätze bietet: eine Küche, ein Krankenhaus, eine Parkbank und eine Bar. Eine bedrohliche Tonkulisse aus Helikoptergeräuschen, Polizeisirenen und Detonationsgeräuschen wirkt verstörend auf das Publikum ein, das sich immer wieder neu im Raum orientieren muss, um die Handlungsorte zu finden.

An Schnitzlers Reigen erinnert die Struktur des Stückes. Durchgehendes Element ist ein zerrissener und wieder zusammengeklebter 50-Euro-Schein. Er geht durch die Hände der von struktureller Gewalt gestressten Mutter, der desillusionierten Kindergärtnerin, des durch Spielsucht verschuldeten Arbeitslosen, des gebildeten, warmherzigen Familienvaters mit Profession Kredithai, der engelhaften Schauspielerin und gelangt über eine Barszene wieder zurück in die Hände des Spielers.

Tod und Angst gehen um

Ein Mord geschieht, ein Selbstmörder springt, ein Attentat wird verhindert, eine verstörte Tochter wird vom Tod zurückgewiesen. Bedrohliche Weltuntergangsstimmung wird verbreitet im Theater Kosmos. Damit nimmt es aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen auf wie die Gelbwesten-Bewegung, Angst und Verunsicherung verbreitende populistische Politik, den sich verbreiternden Graben zwischen Arm und Reich. Momente menschlicher Nähe und Empathie sind rar und flüchtig, Solidarität ein Fremdwort. Da beschließt selbst die Freiheitsstatue sich eine Pause zu gönnen und ihren Sockel zu verlassen. "Nacht ohne Sterne" ist noch bis 25.3.2019 im Theater Kosmos (Bregenz) zu sehen.

Muss sich Kunst rentieren?

Gratis Eintritt plus zehn Euro in die Hand für jede Theaterbesucherin und jede/n Theaterbesucher/in bei der Sondervorstellung von „Nacht ohne Sterne“ am 17.3. im Theater KOSMOS in Bregenz. Theater mit financial benefit sozusagen.

Mit dieser außergewöhnlichen Aktion wollen die beiden Theatermacher Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg auf die Tendenz der radikalen und umfassenden Ökonomisierung unserer Gesellschaft aufmerksam machen. "Ganze Lebensbereiche werden zunehmend und ausschließlich aus wirtschaftlichem Blickwinkel betrachtet und evaluiert. Das ist eine wahrnehmbare Entwicklung, die unserem gesellschaftlichen Zusammenleben nicht zuträglich ist. Gerade so wichtige Bereiche wie Soziales, Bildung und Kunst sind Errungenschaften unserer auf Solidarität aufgebauten Gesellschaft und dürfen nicht profaner Rentabilität unterstellt und ökonomischer Bewertung ausgesetzt sein. In der Kunst darf es nicht nur um Statistiken und Besucherzahlen gehen, Kunst darf sich nicht als Wirtschafts- und Tourismusmotor definieren müssen. Sie ist eine Bastion der Mündigkeit und ein Bollwerk gegen die Unmündigkeit. Ein wesentlicher Faktor gesellschaftlicher Dynamik und in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt eine tragende Säule der Demokratie."

"Theaterbesucher/innen sind keine bloßen Konsument/innen", so Dragaschnig und Jagg, "sondern wichtige Akteur/innen eines Theaterabends, der im besten Fall zum Denken und Handeln anregt und zumindest einen Raum der Diskussion und des Diskurses schaffen kann." //

Text: Ruth Kanamüller
Fotos: Gerhard Kresser, Theater KOSMOS