Einen großen Marsch durch oder gegen die Ansprüche von engagiertem Theater an sich selbst zeigt das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung, kurz UNPOP, im Dornbirner Kulturhaus.

Regisseur Stephan Kasimir und Ausstatterin Caro Stark liefern mit "Der große Marsch" wieder einmal ein starkes Stück ab. Es ist das dritte Mal, dass sie Autor Wolfram Lotz inszenieren. Mit einem Ensemble von acht Schauspieler/innen und drei Statist/innen besetzen sie insgesamt zweiundzwanzig Rollen.

Zur Schau gestellt

Eine glitzernde, rasante, kurzweilige, sprachlich anspruchsvolle, musikalisch untermalte, lichteffektstarke (Andreas 'Phoenix' Hofer) und verwirrende Show in drei Teilen prasselte auf das Publikum ein. Alles was zum gesellschaftspolitisch engagierten, modernen und realistischen Theaterbetrieb gehört wird zur Schau gestellt. Das betrifft die Theatermenschen ebenso wie das Publikum.

Alles so schön bunt hier

Kasimir fordert viel von den Darsteller/innen, indem er ihnen bis zu drei Rollen zuteilt. Eine Vereinfachung gönnt er ihnen, indem er die detaillierten Regieanweisungen von Lotz teilweise ignoriert oder in neue Figurengruppen oder Bilder umformt, wie beispielsweise das Schauspielensemble, das als Klischee-Pantomimengruppe mit weißem Gesicht, Béret Basque und gestreiftem Shirt auftritt und gleichzeitig den antiken griechischen Tragödienchor darstellt.

Ungeniertes Amüsement

Anwar Kashlan mimt gekonnt Wolfram Lotz, den wegen Inzest verurteilten Patrick S. und den amerikanischen Attentäter Lewis Powell. Besonders als Autor Lotz gefällt er dem Publikum und verführt es zum Lachen über Menschen mit Sprechstörung. Das geschätzte Publikum weiß vermutlich nicht, dass es sich damit tatsächlich über Eigenschaften des Autors von "Der große Marsch" völlig ungeniert amüsiert.

Im Widerstand gegen den Tod

Maria Fliri, Mitbegründerin von dieheroldfliri, schlüpft in die Rolle von Arbeitgebervertreter Dieter Hundt, eines Ensemblemitglieds und Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin. Letzteren spielt sie mit überzeugender Energie, emotional und todernst im Widerstand gegen den Tod, vor allem dem seiner Mutter und seinem eigenen, denn immerhin ist er ja gerade auf der Bühne existent.

Stephen Hawking und Meerjungfrau Arielle

Robert Kahr hat als Agaue, eine der 50 Töchter des Nereus, einen wunderbaren Soloauftritt mit Gesang. Seine Arie ist zwischen Wagner und Zauberflöten-Zarathustra angesiedelt. Er trägt sie mit großem Ernst in einem wunderbar schimmernden Meerjungfrau-Arielle-Kostüm vor. Im Rollstuhl dem verstorbenen Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking gleichend, hat Jens Ole Schmieder seinen großen Auftritt. Er liest als Dichter Felix Leu mit elektronischer Stimmverstärkung à la Kehlkopfkrebspatient monoton-schnarrend selbstgeschriebene Poesie, die sich durch die wiederkehrenden Anfangsworte "Heute habe ich..." auszeichnen.

Vorführung oder Aufführung?

Die Figur der Schauspielerin ist das ganze Stück hindurch präsent und somit herausfordernde Hauptrolle für Christina Scherrer. Ihr gelingt es beinahe gleich lautende Sätze variiert durch minimale Wort-Verschiebungen und dadurch neu entstehendem Sinn in rasantem Tempo ausdrucksstark zu sprechen und sie brilliert auch in großen theatralischen Gesten à la Broadway. Es geht um Sensationsgeilheit, Entwürdigung, wenn die Figur der Schauspielerin, die Politiker mit manipulativ-verdrehender und dummer Fragestellung zu entblößen sucht oder mit scheinbar empathiestarker Sprachanpassung Menschen der Unterschicht befragt, um dokumentarisches Theater zu erarbeiten. Vorurteile sollen bestätigt werden und zwar auf Biegen und Brechen und wer den angetragenen Stigmatisierungen widerspricht, ist ein Nazi. Dies alles, um zu beweisen, dass Theater Realität darstellt, politisch engagiert und wichtig ist. Tatsächlich entblößt "Der große Marsch" die selbstherrlich-erhabene Position eines Theaters, das aus einer Laborsituation heraus meint Realität darzustellen und damit auch gleich das dazugehörige Publikum. //

Text: Ruth Kanamüller
Fotos: UNPOP

Kurz-Infos:
Der große Marsch
Bewertung: @@@@
Kritik zur Premiere am 21. Februar 2019 im Kulturhaus Dornbirn

Regie Stephan Kasimir
Ausstattung Caro Stark
Licht- und Sounddesign Andreas (Phoenix) Hofer
Produktionsleitung Lisa Weiss
Regieassistenz Paul Köstl
Plakat Marlies Stark
Maske Ariane Gmeiner

Darsteller/innen
Maria Fliri, Anwar Kashlan, Robert Kahr, Luis Lüps, Helga Pedross, Jens Ole Schmieder, Christina Scherrer, Taiyo Marquez Suitner