Maßgeschneidertes Polit-Theater im Ländle anlässlich des vor hundert Jahren fast Austritts Vorarlbergs aus dem Bundesstaat Österreich.

Kanton Übrig - das Zünglein an der Waage

1919, kurz nach Ende des 1. Weltkrieges nahmen Vorarlberger Politiker Verhandlungen mit der Schweiz auf, um zu sondieren, ob diese bereit wäre, das Ländle in die Eidgenossenschaft aufzunehmen. 70% der Vorarlberger/innen stimmten für einen Beitritt. Offizielle Verhandlungen wurden allerdings nie aufgenommen, denn der bankrotten ersten Republik Österreich wurde von den Siegermächten ein rettender Kredit zugesagt unter der Bedingung, dass sich das Staatsgebiet nicht verändere. Vorarlberg war also historisch gesehen das Zünglein an der Waage, das Österreich dazu verhalf fürs Erste finanziell über die Runden zu kommen.

Historisches Thema - brandaktuell

Zwei Auftragswerke vergab das Vorarlberger Landestheater anlässlich des 100-jährigen Jubiläums dieser Volksabstimmung. Zwei völlig unterschiedliche Arbeiten entstanden: Das Volksstück "Die Verunsicherung" vom österreichischen Dramatiker Thomas Arzt und das Gedanken-Experiment "Lauter vernünftige Leute" des Schweizers Gerhard Meister.

Beide Autoren lassen aktuelle Geschehnisse und Entwicklungen einfließen. Des Kanzlers Sebastian Kurz verspäteter Auftritt beim Bürgerforum in Bregenz wird da ebenso zitiert wie die Aussage vom gescheiterten Bundespräsidentenkandidaten Norbert Hofer, dass wir schon noch sehen werden, was alles möglich ist. Kein Wunder bei einem so brandaktuellen Thema, das ideal zur aktuellen nationalen und internationalen gesellschaftspolitischen Lage passt - mit Brexit, Rechtspopulismus, Nationalismus, harter Asylpolitik, Infragestellung der Menschenrechte und gewollter Entsolidarisierung und Spaltung der Gesellschaft zugunsten von Machterhalt durch die derzeitige österreichische und andere Regierungen.

Zeitzeugin, die von ihrer Umgebung nicht mehr ernst genommen wird

"Die Verunsicherung" zeigt die Emotionen von Vorarlberg/innen, die mit unerklärlichen Veränderungen und Geschehnissen in ihrer geliebten Heimat konfrontiert sind. Vermessungsarbeiten werden durchgeführt. Straßensperren, Bagger, eine ganze landschaftliche Umgestaltung findet statt. Niemand weiß, wer sie beauftragt hat und wozu sie dienen sollen. Es herrscht Chaos und Verwirrung.

Mit der Wirtin Uschi (Rahel Jankowski), der Lokalpolitikerin Marianne (Bo-Phyllis Strube), dem Pfleger Andi (David Kopp), dem Verlierertypen Michel (Felix Defèr) und der dementen Roswitha (Elke Maria Riedmann) wird ein annähernd umfassendes Abbild einer Dorfgemeinschaft oder eben auch der Gesellschaft an sich geschaffen. Das Fremde personifiziert der Vermessungstechniker Nathanael (Luzian Hirzel), der auch als nicht zum Sprechen befugtes Unbewusstes fungiert.

Elke Maria Riedmann, waschechte Vorarlbergerin, berührt mit ihrer Darstellung der Zeitzeugin, die von ihrer Umgebung nicht mehr ernst genommen wird und "Erinnere dich Vorarlberg!" an die Wände sprüht. Damit wird in den Raum gestellt, dass Vorarlberg sich ja auch entschließen könnte, einen eigenen Weg zu gehen, sollte die österreichische Regierung weiterhin eine Politik der Angst und Ausgrenzung verfolgen.

Von der Schweiz aus gesehen ist der Name Vorarlberg richtig

Leicht und lustig kommt hingegen das Stück "Lauter vernünftige Leute" daher und zeigt mit viel Humor und Witz Opportunist/innen beim Nationalitätenwechsel zwischen Österreich, Schweiz und dem Deutschen Reich. Damit einher geht auch jeweils ein Sprachwechsel. Aber nicht nur die Vorarlberger/innen werden da als Wendehälse gezeigt. Das Stück nimmt auch den Mythos des von Hitler überfallenen Österreich auf und die oft weniger an Idealen als an Nutzen orientierte Politik der Schweiz. Den vernünftigen Schweizer Politiker mimt Luzian Hirzel in perfektem Schwyzerdütsch und mit trockenem Pathos.

Von Wien aus gesehen liegt Vorarlberg hinter dem Arlberg, müsste also Hinterarlberg heißen. Aber von der Schweiz aus gesehen ist der Name Vorarlberg richtig. Dies ist eine der Begründungen, die die Protagonist/innen zur Rechtfertigung ihres Tuns konstruieren. Auch die Juden und Kommunisten, die in Wien regieren, sind Grund genug lieber die Schweizer Staatsbürgerschaft anzunehmen. Oder sie auch wieder abzulegen, wenn sich die Möglichkeit bietet heimzukehren ins Reich und hoffentlich in wirtschaftlich bessere Verhältnisse.

Geschichtskenntnisse sind von Vorteil

"Die Verunsicherung" zeigt sich sprachlich in den Ellipsensätzen der Protagonist/innen. Mitdenken ist gefragt, um der Handlung folgen zu können, Geschichtskenntnisse sind von Vorteil. Letzteres gilt auch für "Lauter vernünftige Leute". Die vielen Witze und Gags verführen zu herzlichem Lachen, über Dinge, die schlussendlich so lachhaft nicht sind. Insgesamt zwei herausfordernde Stücke, die es in jeweils 45 Minuten schaffen mit stimmig besetztem, harmonisch agierendem Ensemble, pointiertem Einsatz von Requisiten und Bühnentechnik (Carolin Mittler), in gut rhythmisierter Inszenierung (Patricia Benecke) ein Abbild der Gesellschaft inklusive deren Unbewusstem zu skizzieren und fundiert Geschichte und Gegenwart zu verknüpfen. //

Text: Ruth Kanamüller
Fotos: Anja Köhler

Kurz-Infos:
Der 27. Kanton
Bewertung: @@@@@
Kritik zur Premiere am 8. März 2019 im Vorarlberger Landestheater

Inszenierung: Patricia Benecke
Bühne und Kostüm: Carolin Mittler
Musik: Ivo Bonev
Licht: Arndt Rössler
Dramaturgie: Christa Hohmann

Mit: Felix Defèr, Luzian Hirzel, Rahel Jankowski, David Kopp, Elke Maria Riedmann, Bo-Phyllis Strube

Weitere Termine:
Di 12.3. / Sa 23.3. / Fr 29.3. / So 7.4. / Mi 10.4. / Do 18.4., 19.30 Uhr (alle Vorarlberger Landestheater, Grosses Haus)
Gastspiel:
Do 11.4., 20.00 Uhr, Reichshofsaal Lustenau