Hermann Nitsch; Foto: Manfred Horak

Das Nitsch Museum in Mistelbach zeigt neue Arbeiten des Universalkünstlers Hermann Nitsch in ungewohnter Farbästhetik und diese Podcast-Episode handelt genau davon.

Eine Soundcollage wie ein Spaziergang durch die Ausstellung, mit Michael Karrer, dem Kurator der Ausstellung, sowie einem Interview mit Hermann Nitsch. Von Nitsch stammt natürlich auch die Musik, gewissermaßen Farbklänge des Lichts, die uns die Farbharmonie und die Seins-Philosophie von Hermann Nitsch näherbringt und nicht zuletzt auch seinen dritten Auferstehungszyklus zum Gesamtkunstwerk macht.

Ich möchte mich mit dieser Ausstellung berauschen an Blumenfarben und frischer, gesunder Luft

Hermann Nitsch neue Arbeiten; Foto: Manfred HorakBegibt man sich in den großzügig angelegten Ausstellungsraum wird man sofort von den langgezogenen sphärischen Klängen in den Bann gezogen, die sich unmittelbar auf die Vorstellungskraft überträgt und die Arbeiten in überhöhter Weise sinnlich zu Farbklängen des Lichts manifestiert. Zwei übergroße farbintensive Schüttbilder am jeweiligen Ende des Raumes bestimmen Altargleich die Sensibilität der Thematik und zwischendrin in einer langen Reihe versinnbildlichen sich die Farbsubstanzen zu einer großen lebensbejahenden Einheit, einer Auferstehung der Farbharmonie in der Seins-Philosophie des Hermann Nitsch.



Der dritte Auferstehungszyklus

Seine erste Malaktion fand 1960 im Technischen Museum statt. Hermann Nitsch war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 22 Jahre, als er sein erstes Schüttbild gemacht hat. Danach trat die Aktion in den Vordergrund und die Malerei war für Nitsch bis Ende der 1970er Jahre nicht wesentlich. Erst als die großen Museen auf ihn aufmerksam wurden, wie z.B. das Stedelijk Van Abbe Museum in Eindhoven, hat er auch zusätzlich wieder viele Schüttbilder geschaffen, und diese Schüttbilder hatten immer die Farbe Rot. Ein Irrglaube allerdings ist, dass diese roten Schüttbilder aus Blut sind - tatsächlich aber ist der Großteil aus Ölfarbe oder Acryl. Erst 1997 - nach dem Tod seiner Mutter - griff Nitsch zur Farbe Schwarz und erst bei der Jahrtausendwende setzte er zum ersten Mal mehrere Farben ein. Diese Phase bezeichnete Hermann Nitsch als Auferstehungszyklus, weil er diese unterschiedlichen Farben mit einem Auferstehungsprozedere, mit einer Leichtigkeit und mit einer gewissen Transzendenz verbindet. Diese aktuellen, neuen Arbeiten sind nunmehr der dritte Auferstehungszyklus. So kräftig, so intensiv, und vor allem so harmonisch, war es allerdings noch nie.

Beim Malen hab ich nie ein schlechtes Gewissen

Hermann Nitsch beim Interview; Foto: Manfred HorakAngesichts des radikalen Werks von Nitsch ist diese Ausstellung mit seiner harmonischen Ausrichtung bzw. Auflösung ein mutiger Schritt - ein wichtiger, aber auch ein richtiger Schritt des Universalkünstlers. Zudem erwies sich Nitsch einmal mehr als immens produktiv, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen entstanden sämtliche in der Ausstellung gezeigten Werke 2020. Diese Produktivität hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern einfach damit, dass er ständig dabei ist, seinem Lebenssinn nachzugehen, der Vervollkommnung seines Werkes. "Nitsch kann nicht anders", so Michael Karrer, "er fängt um 10 Uhr an bis Mitternacht. Jeden Tag." Und auch bei seinem täglichen Heurigenbesuch am Abend wird konzipiert und geplant. Hermann Nitsch formulierte es später beim Interview so: "Es beginnt sehr spät und endet sehr spät." Auf die Farbenvielfalt seiner neuen Werke und auf die Lebensharmonie angesprochen, erwiderte Nitsch: "Ich habe mich mein ganzes Leben mit der Farbe beschäftigt. Irgendwann hat mich dann auch der Farbklang interessiert und es sind immer mehr Farben in meine Bilder eingeflossen, aber die Materie der Farbe hat mich nie losgelassen. Wenn Sie sich die Bilder anschauen - es ist noch immer geschüttet, geknetet, geschmiert. Auch vergleichbar mit der Ausweidung eines Tieres. Für mich ist die Ausweidung ein Malakt. Die Farbe hat sich aber immer mehr durchgesetzt. Und so hat sich parallel dazu auch meine Musik entwickelt. Zuerst war es Geschrei, Lärm, ekstatische, atonale Lärmmusik. Auch hier wird nun die Harmonik viel mehr eingesetzt als früher." Die Synästhesie, dass ein Klangton einen bestimmten Farbton entspricht, ist allerdings nicht die Synästhesie des Hermann Nitsch. "Mein Weg ist von so vielen als möglich Sinneseindrücke zu kombinieren. Es geht immer darum, dass Sachen überschichtet sind und nebeneinander laufen." Musik benötigt Nitsch während des kreativen Prozesses des Malakts nicht, wie er im Interview bekräftigt: "Ich kann mich bei dieser Tätigkeit berauschen. Das ist eines der wenigen Tätigkeiten, bei der ich weder Alkohol noch Musik brauche. Beim Malen hab ich nie ein schlechtes Gewissen."

Die Geschichte des Bewusstseins erzählen

Hermann Nitsch neue Arbeiten im Nitsch-Museum; Foto: Manfred HorakWenn man mit Nitsch über Farben spricht, dann spricht man auch über Licht und Schatten. "Dieses Sonnenlicht, das wir so lieben und das wir brauchen", so Hermann Nitsch, "ist eine permanente Kernspaltung. Eine gigantische, immerwährende Atombombenexplosion. Dieses furchtbare, tödliche Ereignis spendet uns das Leben. Das Licht entspricht einem Exzess - vielleicht dem Grundexzess - und man soll dem Licht vielleicht nicht zu nahe kommen." Und Dunkelheit? Nitsch: "In der Philosophie ist immer wieder die Rede vom Nichts und von der Leere. Heidegger geht sogar so weit, dass er sagt, wenn ich das Sein erleben will, muss ich mich dem Nichts öffnen. Und die Dunkelheit - nennen wir es die Lichtleere - wird dann doch ausgefüllt und erhellt durch das Licht, durch die Helligkeit. Und die Farben beginnen zu blühen." Ein weiteres großes Thema im Werk von Nitsch ist die Religion, vielmehr der Katholizismus. Darauf angesprochen, beeilt sich Nitsch gleich zu sagen, dass er sich mit allen Religionen beschäftigt, "aber Weinviertel und Katholizismus ist sogar irgendwie identisch. Mich faszinieren alle Religionen, z.B. der Zen-Buddhismus steht mir sehr, sehr nahe, dennoch ist der Katholizismus meine unmittelbare Heimat. Ich gehöre aber keiner Religion an. Ich sage immer wieder, ich möchte die Geschichte des Bewusstseins erzählen. Ich komme von der Lebensbejahung - eine Trennung zwischen Immanenz und Transzendenz kann ich nicht sehen. Jeder erlebte Augenblick ist mit allem verbunden, was ist. Auch unser jetziges Erleben ist Vollzug der Metaphysik. Das Leben zu verwirklichen und zu intensivieren - das hilft mir. In dem Sinn, wenn ich Kunst mache, dann ereignet sich die Natur in mir und ich bringe die Natur zum Ereignis. Ich glaube für alle was zu tun - für das Sein, für die Schöpfung, für den Vollzug und dem Ereignis des Universums." //

Interview, Text, Fotos und Podcast-Produktion: Manfred Horak

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