ja-panik-dmd-kiu-lidtYes, Panic is a band from Austria based in Berlin und mischt seit einigen Jahren the musicscene ordentlich auf und avancierte zu Kritikerlieblingen in the german speaking Ländern. "DMD KIU LIDT", das Nachfolgealbum von "The Angst and the Money", unterstreicht die Wichtigkeit der Band.

Ironie und bittere Melancholie gibt es zuhauf wie auch die Sache mit dem Kapitalismusdings. Und, ja, es gibt sogar eine Coverversion, nun, zumindest theoretisch, nämlich 4'33'' von John Cage in einer achteinhalb-minütigen Extended Version. Dieser Gedanke kommt auf, weil das Album nur so vor Zitaten aus der historical musicology of popular music strotzt. Da wäre z.B. einer der Top-Höhepunkte des Albums, das herausragende "Bittersweet", jenem Song, der dem Basisstoff irgendwie am Nächsten kommt. Die Steilvorlage kommt vom gleichnamigen Roxy Music Song aus dem Album "Country Life" (1974). Wir erinnern uns: Bryan Ferry sang eine Strophe in deutscher Sprache ("Nein - das ist nicht / Das Ende der Welt / Gestrandet an Leben und Kunst / Und das Spiel geht weiter / Wie man weiß / Noch viele schönste ... Wiedersehen"), und so auch Sänger Andreas Spechtl, fast wortgetreu, aber eben nur fast - das ist nämlich einer der Reize von Ja, Panik, nah genug ranzugehen (sei es an Rolling Stones, Nirvana, Bob Dylan, Falco, Velvet Underground...) und doch neue Wege einzuschlagen, the story weitererzählen, die Originalstruktur umkurven, den Song nicht durch den Klischeekakao ziehen, sondern die Idole neu gestalten, wobei man den Begriff Idol durchaus wortwörtlich nehmen kann, sei es als Trugbild oder als Traumbild. "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit" (DMD KIU LIDT) ist eine 15-Song starke Auseinandersetzung mit den (eigener und anderer) Werten für eine orientierungslose Gesellschaft, die in einer Welt der Verständnislosigkeit zu versumpern droht. Es ist ein einziger stream of consciousness, die Radikalisierung personalen Erzählens, eine psychologisch-syntaktische Verkürzung durch Aussparung von Information. Ja, Panik setzt Zeichen, sorgt für Irritationen, trägt nicht nur Hass, Melancholie und Verzweiflung in sich, sondern auch Humor (z.B. wenn die im Booklet abgedruckten Texte nochmals eine andere Wahrnehmung hervorrufen; singt Spechtl im Lied deutsch sind die Texte auf englisch zu lesen und umgekehrt), sieht sich mit großen Augen die Welt an, führt uns in emotionale Tiefungsebenen bis hin zu unwillkürlichem kathartischen Gefühlsausdruck. "Du siehst, im Großen und Ganzen ist alles beim Alten", singt Andreas Spechtl so ziemlich am Ende des Albums angelangt, "Nur, dass ich finde, es wär' an der Zeit, aufzuhören / Das bisschen Klimbim, das bisschen Lalala für so wichtig zu halten / Gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören".

Sich dem Absurden unterwerfen / heißt den Wahnsinn es begreifen

Ja, Panik tat übrigens gut daran, Österreich den Rücken zu kehren und da sie ja Ursprungsbuam aus dem Burgenland sind, wird ihnen hoffentlich auch nie der Tiefpunkt jener österreichischen Karriere ereilen ein Ehrenzeichen der Stadt Wien oder sonst irgendein Verdienstkreuz angeboten zu bekommen. Wir dürfen an dieser Stelle auch nicht vergessen, dass Ja, Panik - so wie Georg Breinschmid [der für sein Album "Brein's World" all over the Planet, sogar in the US Jazz Bible Down Beat superiore Rezensionen einheimst; Anm.] - vom Österreichischen Musikfonds als nicht förderungswürdig abgelehnt wurde. Und so wie Breinschmid HIER eine Message an den Musikfonds schrieb, formulierte es Andreas Spechtl folgendermaßen: "Liebe Musikfonds, nachdem unsere Beziehung bis jetzt ja unter keinem glücklichen Stern stand, sehen wir uns nun, wo wir erfahren haben, wem Ihre Gunst und Ihr Geld gilt, dazu veranlasst, uns herzlichst für Ihre fürsorgliche wie konsequente Art zu danken, unseren sensiblen Gemütern zu ersparen, den formvollendeten Namen Ja, Panik in einer Reihe mit 'MusikerInnen' lesen zu müssen, deren Namen zu tippen wir unseren Fingerkuppen nicht zumuten möchten. Auch dass Ihrer 'Jury' bei der Auswahl der förderungswürdigen Projekte mitunter kleine Fehler passieren, also sich Gutes einschleicht, wo Mist gedeihen muss, ist durchaus menschlich und daher schon mal grundsympathisch. Das Wissen um die finanzielle Sicherheit der schlechten - und wir meinen nicht schlecht im üblichen Sinne, sondern tendenziell grottenschlecht, also indiskutabel oasch; um die eher abstrakten Attribute in ein allgemeinverständliches Terrain zu heben, stellen sie sich Herbert Prohaskas Abschneiden in einem handelsüblichen PISA-Test vor, dann haben sie in etwa eine Vorstellung, wie wir das Wort schlecht definieren -, also, um auf den Punkt zu kommen: Das Wissen um die finanzielle Sicherheit eben jener nun näher definierten 'KollegInnen' nimmt jegliche Last von unseren zarten Schultern, ja, wiegt uns in wohligsten Schlaf, eingedenk der Tatsache, dass es diesseits der Alpen, selbst wenn uns die weite Welt in die Hölle schickte, ein Plätzchen gibt, an dem jegliche Höhen nach unten nivelliert sind, und wir in unserer ganzen Durchschnittlichkeit immer noch glänzen werden wie die Leerstellen um Ihr vermutlich streng gescheiteltes Haarrelikt. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, Ihren kleinen Verein, quasi als Dankeschön, finanziell zu unterstützen und bieten Ihnen an, Sie in Zukunft mit 5% an unseren Plattenverkäufen zu beteiligen. Wir bitten Sie, die zugegebenermaßen geringe Summe zu entschuldigen, aber wie Sie sicher wissen, scheint die Sonne dem Musikbiz dieser Tage nicht gerade aus der Nougatschleuse." Dieser Brief entstand in der Zeit des Vorgänger-Albums "The Angst and the Money" (2009; siehe Musik Box Austria), dies bereits ein großartiges Album. Spechtl war dort an manchen Momenten von der Poesie eines Rio Reiser nicht allzu weit entfernt und auch Robert Smith (The Cure) schaute manchmal um die Ecke. Collagen und Zitate zogen sich durchs Album und diese Reflexionen, wie auch die Bilingualität, machten aus "The Angst and the Money" ein vielseitiges Gesamterlebnis, druckvoll und wütend, lautstark und unverkrampft. Noch ein Stück druckvoller, wütender, poetischer, DMD KIU LIDT, die bisherige Krönung der Karriere von Ja, Panik, dieser sympathisch-unbequemen Band. One of the few Alben von 2011 you have unbedingt to buy. //

Text: Manfred Horak

 CD-Tipp:
Ja, Panik: DMD KIU LIDT
Musik: @@@@@@
Klang: @@@@@
Label/Vertrieb: Staatsakt / Rough Trade / Digital Store (2011)

Link-Tipps:
HP von Ja, Panik
Gratis-Download von der Single Trouble