Ein junger Mann im Flugzeug, das erste Mal, lässt sich vermuten. Er kaut Kaugummi, ist sichtlich nervös. Auf dem Weg nach Bosnien, zurück in die Heimat. Zurück in eine Heimat vor dem Krieg - eine ferne Erinnerung.

Der Film beginnt friedlich. Alte Filmausschnitte werden gezeigt. Im Hintergrund ertönt behagliche Musik. Doch nach wenigen Minuten ist klar zu spüren worum es im Dokumentarfilm "Heimweh" gehen soll: ein lang vergessenes Trauma eines Jungen, der seine Heimat verlassen musste. Der Regisseur, der gleichzeitig der Protagonist in der Dokumentation ist, reist zurück in seinen Heimatort: Foča, in Bosnien und Herzegowina. Aufbauend mit Filmausschnitten des Familienlebens und seiner Jugend, setzt Tahirović die Auswirkungen eines so erschütternden Erlebnisses gekonnt in Szene. Die Traumatisierung und deren Folgen für viele Flüchtlinge werden in einem Land, in dem Krieg in weiter Ferne scheint, nicht beachtet. Traumata, die sich erst zeigen, Jahre nach der Flucht, Jahre nachdem man seine Heimat, seine Familie, seine gewohnte Umgebung, seine Kultur, seine Feste, sein Volk, verlassen hat, können erst Jahre später ihre Wirkung zeigen - langsam, schleichend. Genau das will der Regisseur in seinem Film zeigen. Eine Reise ins Ungewisse, eine Reise, die ins Licht, aber auch ins Dunkel führen kann. Es ist erstaunlich, wie nahe eine Geschichte gehen kann, obwohl eine Leinwand dazwischen liegt. Aber die Emotionen sind echt und deshalb auch echt spürbar. Durch die Bank, durch den Saal, sprechen Zuschauer am Ende der Projektion beim anschließenden Filmgespräch ihre Dankbarkeit gegenüber Ervin Tahirović aus, für einen Film der berührt und unter die Haut geht. Das Thema Kriegsflüchtling ist nach wie vor aktuell, aber nicht nur deshalb reißt diese Dokumentation so mit. Mit dem Thema Heimat und Rückkehr kann sich wohl jeder von uns identifizieren. Der Film hat viele Facetten die zum Vorschein treten, wenn man nur nahe genau hinschauen will. Am Ende des Films ist Ervin da wo er anfängt: im Flugzeug. Diesmal aber anders, im Blick, in seiner Mimik und Gestik. Welche Gedanken ihm durch den Kopf schossen, will der Regisseur lieber für sich behalten und dem Zuschauer den Moment zwischen Kinosaal und Leinwand lassen. Das Nachbeben ist noch deutlich spürbar, wenn man das Kino verlässt, ein Nachbeben, spürbar wie das vermutete Trauma, das eine Reise ins Ungewisse hinterlässt. //

Text: Sarah Klaunzer
Fotos: Horse und Fruits
Diese Filmkritik entstand beim Workshop "Filmkritiken schreiben" im Rahmen der Diagonale 2018 unter der Leitung von Manfred Horak (Kulturwoche.at) in Kooperation mit Diagonale - Festival des österreichischen Films, Kleine Zeitung und Radio Helsinki. Bei Radio Helsinki entstand mit der Moderatorin Irene Meinitzer auch nachfolgende 60-minütige Live-Sendung.



Film-Info:
Heimweh
Bewertung: @@@@@@
Dokumentarfilm, AT 2017, 80 min, OmeU
Regie und Buch: Ervin Tahirović
Kamera: David Lindinger
Schnitt: Roland Stöttinger
Produzent/innen: Florian Brüning, Thomas Herberth
Produktion: Horse&Fruits