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Das Tagebuch der Polyxena

Tagebuch der Polyxena Sarkophag

Polyxena, Tochter des Priamos und Hekabe, wurde am Grab des Achilleus geopfert. Im antiken Troja bei Çanakkale, bringt Fox on Ice ihre Geschichte zur Uraufführung. Begleitet wird sie von fiktiven Tagebucheinträgen, erfunden in der Form, wahr im Kern.

Ein kurzes Vorwort zum Tagebuch der Polyxena

Der sagenhafte trojanische Krieg forderte, eingerahmt durch zwei Frauenopfer, in zehn Jahren erbitterter Kämpfe unzählige Tote. Am Ende des Krieges wurde Polyxena als Menschenopfer für blutige Heldentaten am Grab des Achilleus getötet. Polyxena war bis dahin die einzige noch lebende Jungfrau aus dem trojanischen Königshaus, eine trojanische Prinzessin, die Schwester von Kassandra und Tochter von König Priamos und Königin Hekabe. In der antiken Überlieferung ist Polyxena eine Randfigur, geopfert, damit die griechischen Schiffe heimfahren können. Wer sie war, was sie dachte, fühlte, fürchtete, steht nirgends geschrieben. Dass diese Frau nicht in den Fußnoten verschwunden ist, hat auch mit einem archäologischen Zufall zu tun. 1994 wurde in einem Grabhügel nahe Çanakkale (Türkei) ein Sarkophag aus dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. entdeckt. Seine Reliefs zeigen die Opferung der Polyxena, daneben ihre verzweifelte Mutter Hekabe. Der Fund, heute als Polyxenasarkophag bekannt, belegt, wie lebendig der Mythos schon zweieinhalb Jahrtausende zurückliegend war, und das ausgerechnet in der Landschaft, in der er spielt. Genau dort fand im Sommer 2026 die Uraufführung von "Polyxena" der Gruppe Fox on Ice statt. Die Inszenierung von Anna Luca Poloni und Christian Mair gibt der Figur eine Stimme, die ihr die Geschichte verweigert hat.

Der nachfolgende Text folgt ihr auf eigene Weise. Die Tagebucheinträge sind fiktiv, Polyxena hat sie nie geschrieben. Ihr Inhalt ist es nicht. Was darin erzählt wird, beruht auf überlieferten Quellen. Die Form ist erfunden, die Wahrheit dahinter nicht.

Auszüge aus dem Tagebuch der Polyxena

(Montag)
Erster Eintrag: 
Dreitausend Jahre lang hat kaum jemand an mich gedacht, und nun das

Heute Abend habe ich viel gelesen. Man hat mir gezeigt, wie ihr Nachrichten lest, in diesen leuchtenden Tafeln, die ihr in der Hand tragt. Da habe ich erfahren, dass beim Festival von Troja 2026 ein Stück aufgeführt wird, das meinen Namen trägt, "Polyxena", von Fox on Ice. Ich habe den Namen dreimal gelesen.

Tagebuch der Polyxena Plakat

Dreitausend Jahre lang hat mich niemand gerufen, und nun steht mein Name auf einem Programm, auf dem Boden, auf dem ich aufgewachsen bin. Deshalb bin ich gekommen, nach Çanakkale, in die Stadt am Wasser. Ich ertappe mich dabei, dass ich zittere wie ein junges Mädchen vor seinem ersten Fest. Dabei war ich ein junges Mädchen, und mein letztes Fest war kein Fest. [...] Stolz vermengt die Gefühlswelt mit Bedenken ob der Rückkehr in die Heimat nach Troja, südlich der Mündung der Dardanellen, hinauf auf den Siedlungshügel Hisarlik in der Provinz Çanakkale, lange, nachdem wir in ein dunkles Zeitalter fielen, das die Fähigkeit zu schreiben verlor. Troja ist keine Legende, nur ich bin in Vergessenheit geraten. Aber ich bin hier, um mich wieder in Erinnerung zu bringen, und mit ihnen die Opfer ihrer Zeiten, gemordet um des Frauentötens willen. Ich habe die Zahlen gesehen, und mir ist kalt geworden, kälter als damals am Strand von Troja. [...] Ich kann nicht schlafen, und ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich schreibe. Man hat mir erzählt, dass ich in euren Büchern vorkomme als Priamos' jüngste Tochter, das Mädchen am Grab des Achilleus. Ihr nennt es ein Opfer. Ich nenne es das, was es war, eine Entscheidung, die andere über meinen Körper getroffen haben, und die man später "edel" genannt hat, damit sich niemand schämen musste. [...] 

(Dienstag)
Zweiter Eintrag: Im Halbrund der Arena

Ich habe den Hügel gesehen. Meine Befürchtung erkannt zu werden und an der Ausgrabungsstätte den eigenen Spuren nicht ungehindert folgen zu können, erwies sich als unbegründet. Niemand erkennt mich. [...] Ich muss das aufschreiben, bevor ich von allem anderen schreibe: Er ist kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, und er besteht aus Schichten, Stadt auf Stadt, als hätte die Erde selbst versucht, uns zu vergessen, und es nicht geschafft. Die Mauern, die ihr freigelegt habt, sind niedrig und grau. Ich habe meine Hand darauf gelegt, und ein Wächter hat mich seltsam angesehen. Es war ein Augenblick, in dem ich fast geweint hätte. [...] Die Hitze des heutigen Tages erinnert an das wütende Feuer der Vergangenheit. Ich schleiche durch die Ruinen und erkenne kaum einen Stein wieder. Aus den ehedem großen, langen Häusern existieren nur noch Bruchstücke. [...]

Tagebuch der Polyxena Ausgrabung Troja

Ich will daher zuerst von meiner Zeit sprechen, damit ihr versteht, womit ich vergleiche. Ich war eine Königstochter, das heißt, ich war privilegierter als fast jede Frau meiner Welt. Und doch gehörte mir nichts. Mein Vater verfügte über meine Zukunft, später mein Bruder Hektor über unseren Schutz, und als die Stadt fiel, verfügte der Sieger über uns alle. Meine Schwester Kassandra wurde verschleppt. Meine Mutter Hekabe, einst Königin, wurde zur Beute. Andromache, die Frau meines Bruders, sah ihr kleines Kind von der Mauer werfen und wurde dann dem Mörder ihres Mannes zugesprochen wie ein Stück Hausrat. [...] Die Wirklichkeit war, dass eine Frau keine Stimme in der Versammlung hatte, keinen Besitz, keine Wahl der Ehe. Wir waren Tauschwert zwischen Männern, Unterpfand von Bündnissen, Preis von Kriegen. Wenn ein Mann eine Frau schlug, war das sein Recht im eigenen Haus. Wenn er sie tötete, fragte man höchstens, wem er damit Schaden zugefügt hatte, ihrem Vater oder ihrer Sippe, selten ihr selbst. Die Frau war kein Mensch mit eigenem Anspruch auf Leben, sie war Eigentum, das beschädigt werden konnte. [...] Ich hielt das damals für den Lauf der Welt, wie Wetter und Tod. Ich kannte nichts anderes. Als sie mich zum Grab führten, ging ich aufrecht. Man erzählt, ich hätte gesagt, ich wolle als Freie sterben. Vielleicht stimmt es. Aber was ist das für eine Freiheit, die nur im Augenblick des Sterbens beginnt? [...] Dann kam der Abend, die Eröffnung in der Arena der Ausgrabungsstätte. Menschen saßen im Halbrund, das Licht wurde gesenkt, und ein Mann nach dem anderen trat vor. Es waren ältere Männer, alle, einer nach dem anderen. Sie sprachen vom Krieg um Troja. Sie sprachen von den Heldentaten der Männer, von Homers Epos. "Auf diesen alten Böden", sagte einer von ihnen, "folgen wir entschlossen den Spuren von Hektor, Alexander dem Großen, Fatih Sultan Mehmet und Gazi Mustafa Kemal Atatürk." Sie sprachen mit Würde, mit Wissen, mit der Selbstverständlichkeit von Menschen, die gewohnt sind, dass man ihnen zuhört. Ich habe gewartet. Ich habe auf meinen Namen gewartet, auf den meiner Mutter, meiner Schwester, auf irgendeinen Frauennamen. Helena vielleicht, die ihr immer nennt, wenn ihr eine Frau braucht, um einen Krieg zu erklären. Nichts. Kein einziges Mal. Die Frauen von Troja, die in diesem Krieg verschleppt, versklavt, erschlagen wurden, kamen in dieser Stunde nicht vor, als hätte es sie nie gegeben, als wäre der Krieg ein Spiel von Männern gewesen, das Männer erzählen, für Männer, über Männer. Und ich saß dort, mitten unter ihnen, unsichtbar, und musste lachen, ein trockenes, schreckliches Lachen, das niemand hörte. Denn so war es immer: Wir sind die Ursache der Kriege in euren Erzählungen und fehlen in euren Erzählungen von den Kriegen. Die Frau ist der Anlass, aber nie die Stimme. Und ich weiß, dass ich nicht einmal bei Homer vorkomme. Mein Opfer, meine Todesstunde am Grab, ist ein Nachtrag späterer Dichter, geschrieben von Männern, die Jahrhunderte nach mir lebten. Man hat mich gebraucht, aber nicht gefragt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich so lange vergessen war. Ich stand nie im ersten Buch.

Tagebuch der Polyxena Festivaleröffnung

(Mittwoch)
Dritter Eintrag: Als würde man mir nach tausenden Jahren einen Spiegel vorhalten

Nachts, irgendwo zwischen den Zeiten, lese ich, dass ihr Gesetze habt. Dass Frauen wählen, studieren, Verträge schließen, Ministerinnen und Richterinnen werden, Konzerne leiten. Dass in euren Verfassungen steht, alle Menschen seien gleich. Ich habe lange auf diese Zeilen gestarrt. Sie sind das Größte, was ich mir je hätte vorstellen können. Eine Welt, in der meine Schwestern nicht verschenkt werden! Und dann habe ich weitergelesen. In Europa, so steht da, wird in vielen Ländern fast jede Woche eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, in manchen Staaten jeden Tag eine. Ihr habt ein Wort dafür: Femizid. Eine Frau wird getötet, weil sie eine Frau ist, weil sie gehen wollte, weil sie Nein gesagt hat, weil jemand glaubte, sie gehöre ihm. Das Wort "gehören" ist also nicht mit Troja untergegangen. Es hat nur die Kleider gewechselt. [...] Ich habe gelesen, wie die Täter oft keine Fremden sind, sondern Ehemänner, Freunde, Väter von Kindern. Wie die Frauen vorher Anzeige erstatteten, oft mehrmals, und wie das Papier liegen blieb. Wie Nachbarn Schreie hörten und sich sagten, das gehe sie nichts an. Ich kenne dieses Wegsehen. In Troja nannten wir es Ordnung. Bei euch nennt man es manchmal "Familiendrama", als wäre ein Mord ein Theaterstück, in dem alle ihre Rolle spielen mussten. Ihr schreibt in den Zeitungen von "Eifersuchtstragödien" und "Beziehungstaten" und verschleiert damit, dass es einen Täter gibt und eine Tote. [...]

Tagebuch der Polyxena Troja Arena Live

Die Festivaleröffnung gestern hat viel in mir ausgelöst, daher muss ich noch einmal darüber schreiben. Nach den Reden wurde ein Ausschnitt aus "Polyxena" aufgeführt, live, dort, in dieser Arena, von einer Frau und einem Mann, die sich Fox on Ice nennen. Ich will ehrlich sein: Ich weiß nicht, ob ich es ertragen habe oder ob ich es nur ertragen musste. Fox on Ice spricht meinen Namen, bewegt sich in meinem Schicksal, und alle schauen zu. Ich habe mich selbst dort gesehen, und es war, als würde man mir nach tausenden Jahren einen Spiegel vorhalten, in dem ich zum ersten Mal erkenne, dass ich ein Gesicht hatte. [...] Der Moderator, der die Aufführung von Fox on Ice ankündigte, sprach nicht nur vom Stück. Er nannte Namen. Er erwähnte einige Opfer von Femiziden, Frauen aus eurer Zeit, Frauen, die in euren Städten ermordet wurden, weil sie Frauen waren. Es waren wenige Sätze, kurz, beinahe zu leise für diese große Arena. Aber ich habe sie gehört, und ich habe gespürt, wie etwas im Raum die Luft anhielt. [...] Ich weiß nicht, wie viele der Zuhörenden begriffen, was kurz vor und während der Aufführung von Fox on Ice geschah, dass man mein Schicksal und das dieser Frauen für einen Atemzug zusammenband. Dass eine Linie von dem Grab am Strand bis zu den Wohnungen führt, in denen sie starben. "Hey, men, / I need some explanations - would you listen to me? / Can't you see your will for power caused the whole shit?" Während den Männern der ganze Abend gehörte, blieb den Frauen gefühlte zwei Minuten. [...] 

(Donnerstag)
Vierter Eintrag: Frauen, die verlangen, nicht getötet zu werden, werden behandelt, als forderten sie etwas Ungeheuerliches

Besonders bewegt hat mich, was ich über dieses Land gelesen habe, denn hier, im Westen Anatoliens, lag einmal mein Troja. Ich habe den Boden gekannt, die Winde, das Meer. Heute, so erfahre ich, leben dort Frauen, die sich organisieren, die Namen von Ermordeten zählen und veröffentlichen, Jahr für Jahr, weil sonst niemand zählt. Hunderte Frauen im Jahr, und zusätzlich viele "verdächtige Todesfälle", die als Suizid oder Unfall abgetan werden. Frauenorganisationen führen diese Listen mit Namen und Gesichtern, weil jede Zahl ein Mensch ist. [...] Ich habe gelesen, dass die Türkei die Istanbul-Konvention, das europäische Abkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt, als erstes Land unterzeichnet hatte, in jener Stadt, die ihr den Namen gab, und dass sie 2021 wieder aus ihr ausgetreten ist. Ich verstehe die Politik nicht ganz, aber ich verstehe das Signal: Wenn der Staat sich aus dem Schutz zurückzieht, hören die Täter es. Ich habe gelesen, dass Frauen deshalb auf die Straße gingen, in Istanbul, in Ankara, in Izmir, und dass man Demonstrationen verbot, Tränengas einsetzte, Frauen festnahm. Frauen, die verlangen, nicht getötet zu werden, werden also behandelt, als forderten sie etwas Ungeheuerliches. Und doch bewundere ich sie. Sie tragen die Fotos ihrer Ermordeten durch die Straßen. Sie sagen die Namen laut. Ich habe geschwiegen, als man mich führte. Sie schweigen nicht. Das ist der Unterschied zwischen mir und ihnen, und er ist alles. [...]

Tagebuch der Polyxena Openair

So erlebte ich heute auch die Uraufführung des gesamten Stücks "Polyxena" von Fox on Ice, mitten in Çanakkale. Eine Freiluftaufführung im modernen Ambiente einer lebendigen Stadt. Manche männlichen Besucher waren gar nicht amused, sie schimpften und ließen ihre Wut, ihren Zorn über das Gesagte und über das Gesungene freien Lauf. Männer, die keine Widerworte von Frauen ertragen und keinen Mann als Mutter sehen wollen, denn meine Mutter, Hekabe, wurde von einem Mann dargestellt. Etliche weibliche Besucherinnen wiederum weinten bei einigen Textstellen, z.B. in jener, in der es hieß, "How much I wanted a normal life! Mother always used to say I was the only one of her kids who had a certain talent for it. But in the end, I learned – what? Protest? Rebellion? Courage? Probably I learned to be mother's child – the hard way..." Ich weinte bittere Tränen. Ich glaubte, meine Erinnerungen seien ein kraftloses Grauen, aber ich täuschte mich. Zu vieles, was ich immer schon fühlte und selbst nicht benennen konnte, kam auf der Bühne zum Vorschein. [...] Anderntags gibt es eine weitere Vorstellung. Diesmal im Museum von Troja. [...]

(Freitag)
Fünfter Eintrag: Von Çanakkale nach Troja

Ich sitze auf dem Dach des Museums. Der Wind kommt vom Meer, wie damals. Ich denke über den gestrigen Abend und über die Aufführung von soeben nach, und ich glaube, ich verstehe jetzt, warum ich gekommen bin. Ich wollte nicht nur sehen, ob Troja noch steht. Ich wollte sehen, wie ihr erzählt. Mit großen Gefühlen hörte ich Fox on Ice zu, wie sie meine Geschichte erzählen, und nicht nur die meinige, sondern die Geschichte der Frauen, ihr Leid, ihr Opfertum, ihr Aufbegehren, ihr Widerstand. Bei jeder der drei Aufführungen stand ich unter Strom, so wie die Gitarre, die vom Mann gespielt wurde. Das Stück hat seine Eigenheiten, und es bedarf Mut es an diesem Ort aufzuführen und es bedarf Mut es anzunehmen.

Tagebuch der Polyxena Museum live

Bei der ersten Aufführung in der Arena der Ausgrabungsstätte gab es nur rohe, ungeschliffene Auszüge daraus, bei der Freilichtaufführung in Çanakkale wurde das gesamte Stück mit bewegten Bildern und Übersetzung in die türkische Sprache gezeigt. Heute, im Museum, blieben die türkischen Untertiteln weg. Sie wollen es nicht in ihrer Sprache hören, sie wollen es nicht in ihrer Sprache lesen. Sie, die Museumsleiterin, wolle nicht die nächste Polyxena werden, sagte sie. Ich hörte es zufällig, als ich mich zur Sängerin stellte, um ihr zu sagen, wie gut und wichtig ich dieses Stück empfinde. Anna Luca Poloni heißt sie, die alle Texte schrieb und singt. Der Mann an ihrer Seite, der die Gitarre spielt und die Musik schrieb heißt Christian Mair und meine Mutter, Hekabe, wird von Korhan Basaran dargestellt. Wir standen vor dem Sarkophag und sprachen ein paar Worte miteinander. Sie erkannten mich nicht. Wie sollten sie auch, es gibt ja kein verbürgtes Bild von mir, wie ich wirklich aussehe, und ich wollte mich ihnen auch nicht als Polyxena vorstellen. [...] Ich will nicht ungerecht sein. Es ist nicht dasselbe. In meiner Welt war die Gewalt Gesetz; in eurer ist sie Gesetzesbruch, und das ist ein ungeheurer Unterschied. Ihr habt Frauenhäuser, Notrufnummern, Gerichte, die verurteilen. Ihr habt Frauen, die sprechen dürfen, ohne dafür sterben zu müssen, wenigstens oft. Ihr habt eine Öffentlichkeit, die zornig sein kann. Das hatte ich nicht. [...] Aber ein Gesetz, das niemand durchsetzt, ist ein Versprechen auf Papier. Und ein Versprechen, das Frauen mit dem Leben bezahlen, wenn es gebrochen wird, ist keines. Der Fortschritt, den ihr gemacht habt, ist echt, doch er ist nicht Natur, er ist erkämpft, und was erkämpft wurde, kann zurückgenommen werden. Das sehe ich an den Ländern, die Konventionen verlassen, an den Stimmen, die "Gender" zum Schimpfwort machen, an der Müdigkeit derer, die schon so lange schreien. [...] Ich frage mich, was ich euch raten würde, ich, die Tote, die gar nicht tot sein darf. Vielleicht dies: Glaubt den Frauen, wenn sie sagen, dass sie Angst haben. Nehmt die erste Drohung ernst, nicht erst die letzte Tat. Nennt den Mord Mord und den Täter Täter. Und hört auf, von Tragödien zu sprechen, wo Entscheidungen waren. [...] Mich hat man geopfert, und alle sagten, es sei notwendig gewesen. Nichts davon war notwendig. Keine einzige von ihnen musste sterben, weder ich noch die Frauen, deren Namen auf euren Tafeln stehen. [...] Ich werde die Namen noch einmal lesen, einen nach dem anderen, bis der Morgen kommt. Jemand muss sie lesen. Wenigstens das kann ich tun. Polyxena //

Text: Manfred Horak
Fotos: Manfred Horak, Simon Matthias Maurer

Redaktioneller Hinweis: Die Reise nach Çanakkale / Troja (Türkei) erfolgte auf Einladung von Wortwiege.

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Veröffentlicht: 03. November 2026