Eine Sprache, auf die man sich einlassen muss

Die Donau, eine stete Quelle der Inspiration, tritt beim Festival Wien Modern 2026 erstmals als Co-Komponistin in Erscheinung. "Mit der Donau" vermisst Pia Palme das Unhörbare.
Mit der Donau
Musik, die nicht nach dem Fluss klingt, sondern mit ihm entstand, wie ein Gespräch entsteht, in dem man nicht mehr sagen kann, wer den ersten Satz gesprochen hat, feierte am 30. Oktober 2026 ihre Uraufführung im Konzerthaus Wien. Pia Palme schrieb im Auftrag vom Festival Wien Modern ein Stück gemeinsam mit der Donau als Co-Autorin, ein Stück, das nicht von der Donau inspiriert, sondern mit der Donau lebendig wurde. "Wir haben uns ungefähr eineinhalb Jahre mit diesem Ökosystem intensiv auseinandergesetzt", erklärte Pia Palme im Rahmen des Festivalauftakts, und: "Die Natur als künstlerische Partner, in der wir versuchen mit dem System zu kommunizieren und diese Kommunikation in eine Sprache zu übersetzen, die ein Orchester auch versteht und mitmachen kann. Die Donau ist vor allen Dingen sehr, sehr alt, hat eine lange Geschichte und besteht aus sehr vielen Lebewesen. Sie ist unglaublich vielschichtig und sie spricht eine Sprache, auf die man sich einlassen muss." Es entstand ein Stück Musik, die nicht abbildet, sondern mitfließt, die von der Donau nicht inspiriert, sondern von ihm getragen, verschleppt, verändert, gewaschen und wieder abgelagert wird. Strommusik.
Pia Palme mit der Donau
Die Donau tat gut daran, Pia Palme als Co-Komponistin in die Wellen zu holen. Mit ihr und Lisa Horvath (Rauminstallation) erhält der zweitgrößte und zweitlängste Fluss in Europa Gestalt und Klang, umgesetzt vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Irene Delgado-Jiménez, der Sopranistin Juliet Fraser, sowie den Tanzperformerinnen Elie Halonen und Satu Hakamäki. Zu diesem Zwecke wurde der Große Saal vom Konzerthaus Wien in eine neue Fasson gebracht. Pia Palme: "Das Konzerthaus ist kein Theatersaal und ist auf so etwas überhaupt nicht eingerichtet. Der seltene Fall, dass tags zuvor ein freier Tag im Konzerthaus war, gab uns die Möglichkeit, diesen Abend überhaupt zu verwirklichen. Wir mussten alles im vorhinein akribisch genau vorbereiten, ein bisschen wie bei einer Mondlandung." Das Hineinhören in den Raum ergab neue Sichtweisen und Hörgewohnheiten. Die visuellen Momente ruhen in der Kraft der Stille, im Aufbäumen der Töne, in einem fortwährenden Geschiebe, in schrecklich verschlungenen Seilen, in Launen des Wassers, in der Verdichtung von Dichtung, in der Stille der Fische, im Hochwasser des Orchesters, in Flussbewegungen, Biberkonstruktionen, abstrakter Klangpoesie und konkretem Nonverbalismus. Lautmalung.
Pseudomonas danubii
"Mit der Donau" ist in gewisser Weise ein typisches Werk von Pia Palme, die Klang nicht als abgeschlossene musikalische Form begreift, sondern als lebendiges Ökosystem zwischen Mensch, Natur, Technologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Mikrobiom. Im und auf dem menschlichen Körper leben Billionen von Mikroorganismen, und so beherbergt auch die Donau eine vielfältige Welt an Mikroorganismen. Pseudomonas danubii. "Ufer und Haut erzählen von Erinnerungen, bezeugen den Lauf der Zeiten", rezitiert Pia Palme in der etwas mehr als einstündigen Aufführung. "Tropfen für Tropfen, Zelle für Zelle, Kiesel für Kiesel, Sandkorn für Sandkorn, Sedimente und Schichten. Geschliffen, geschoben. Rein ins Netz und rausgefischt. Viele Wege führen dorthin, wo sich alle Wasser sammeln, wohin die Zeit fällt ins große Dunkel, von der Schwerkraft quergewunden." Pia Palme verbindet experimentelle Komposition, Improvisation, orchestrale Musik, Musiktheater, feministische Forschung und ökologisches Denken, egal, ob gerade ein Ton entsteht oder ein Geräusch verschwindet, ein Körper atmet oder der Fluss ihre eigene Vorstellung von Wirklichkeit entwickelt. "Mit der Donau" lotet neue musikalische Bedingungen aus ohne die Welt durch Musik zu erklären. Dort, wo die menschliche Wahrnehmung längst aufgehört hat, genau hinzuhören, macht Pia Palme das Unhörbare wieder hörbar. //
Text: Manfred Horak
Fotos: Maria Frodl (Pia Palme), Manfred Horak

