Burg Clam Pressefoto
Die Burg Clam ist längst mehr als ein historisches Gemäuer. Sie ist Bühne, Marke, Wirtschaftsfaktor und zunehmend auch ein Experimentierfeld für neue Formen von Kultur im ländlichen Raum. Im oberösterreichischen Mühlviertel, ca. 9 km westlich von Grein, befindet sich die 1149 erstmals urkundlich erwähnte Burg Clam. Seit rund einem halben Jahrtausend ist sie im Besitz derselben Familie und sie wurde, obwohl mehrmals angegriffen und belagert, nie eingenommen oder zerstört, weder von den Hussiten, noch von den Ungarn, den Passauer Reitern oder im Zweiten Weltkrieg. Somit zählt die Burg Clam zu den besterhaltenen Burgen Österreichs mit Baustilen von der Romanik bis zum Barock. Außerdem enthält die Burg seit 1967 ein Museum u.a. mit Erinnerungen an die Weltreise des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand in den Jahren 1892/93, auf der er u. a. von Heinrich Graf Clam-Martinic begleitet wurde. Mehrere Renovierungsarbeiten legten in Folge interessante Entdeckungen frei, zuletzt 1996 im „Ersten Winterzimmer“ sieben unter der Tünche verborgene Medaillons, die musizierende Damen zeigen, sodass der Raum danach zum Musikzimmer umfunktioniert wurde. Passend dazu werden im Gelände unterhalb der Burg in den Sommermonaten Rock-Konzerte veranstaltet, und das seit mittlerweile über 35 Jahren. Die Burg als Motor einer ganzen Region
 Während Städte wie Linz oder Salzburg ihre kulturelle Identität über Institutionen definieren, funktioniert Clam als Ereignisort. Im Sommer wird die Anlage zu einem Magneten für Besucher:innen aus ganz Österreich und darüber hinaus. Die wirtschaftlichen Effekte sind entsprechend spürbar von den Konzertabenden, die oft bis zu 10.000 Menschen anziehen. Der Aufstieg von Burg Clam zur festen Größe im europäischen Konzertkalender ist kein Zufall, sondern Ergebnis konsequenter Professionalisierung. Unter dem Label „Clam Live“ hat sich die Burg als Open-Air-Location etabliert, die regelmäßig internationale Top-Acts anzieht. Das Programm für 2026 zeigt diese Logik in Reinform. Internationale Stars von Lenny Kravitz (20.6.) bis Nick Cave & The Bad Seeds (21.6.), sowie das Dreifach-Konzert mit Van Morrison, Ronnie Wood & his Band und John Lee Hooker jr. (16.7.), das in genau dieser Zusammensetzung nur das eine Mal auf der Burg Clam zu erleben gibt, stehen neben deutschsprachigen Acts wie Unheilig (27.6.) und Tream (23.7.). Auffällig ist auch die Geschwindigkeit, mit der einzelne Konzertabende ausverkauft sind. Wer z.B. für Clam Rock 2026 am 3.7. mit u.a. Alice Cooper, Manfred Mann's Earth Band und Foreigner noch Karten haben möchte, hat Pech gehabt. Sold out. Das spricht nicht nur für die Popularität der Künstler:innen, sondern auch für die Stärke der Marke „Clam“. Wer hier auftritt, spielt nicht einfach ein Konzert, sondern wird Teil eines etablierten Sommerereignisses. Der Frühling als Experimentierraum Ein zentrales Element des Erfolgs liegt in der räumlichen Flexibilität der Anlage. Während auf der großen Wiese vor der Burg die massentauglichen Konzerte stattfinden, bietet der Meierhof eine deutlich intimere Atmosphäre und genau dort entsteht mit „Mai im Meierhof“ ein deutlich kleineres Festival, mit dem Burg Clam 2026 Neuland betritt und die Saison erstmals bewusst in den Frühling verlängert. Statt großer Konzertabende stehen kleinere, aber definitiv künstlerisch anspruchsvolle Formate im Fokus. Zu sehen und hören sind u.a. Trio Lepschi (8.5.), Wolfgang Muthspiel Chamber Trio (9.5.), Bluatschink (14.5.), 5/8erl in Ehr'n (15.5.) und Philipp Hochmair (28./29.5.) mit seinem "Jedermann Remix" Programm. Mit rund 350 Plätzen bleibt das Setting dabei bewusst überschaubar. Es geht nicht um Masse, sondern um Konzentration. Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie einen Perspektivwechsel signalisiert. Burg Clam positioniert sich damit nicht mehr ausschließlich als Eventlocation, sondern als Kulturinstitution mit kuratorischem Anspruch. Für die Region bedeutet das eine neue Qualität. Während die Sommermonate weiterhin vom Eventtourismus geprägt sind, könnte sich im Frühjahr ein anderes Publikum etablieren, nämlich eines, das gezielt wegen des Programms anreist und nicht nur wegen des Ereignisses. Die Logik der Erweiterung Eine so alte Burg wie die Burg Clam musste immer schon klare strategische Überlegungen bilden, um zu überleben, warum sollte das im Hier und Jetzt anders sein? Eben. Die Strategie ist klar: Wachstum ist im Sommer nur begrenzt möglich. Die Anzahl der Veranstaltungen ist durch Wetter, Logistik und Anrainerinteressen gedeckelt. Wer weiter expandieren will, muss neue Zeiträume erschließen. Der Frühling bietet sich dafür an, weil er touristisch weniger ausgelastet ist. Gleichzeitig erlaubt das kleinere Format Experimente, die im großen Rahmen nicht funktionieren würden. Burg Clam gewinnt dadurch eine zweite Identität als massenwirksames Open-Air auch ein Ort für künstlerische Verdichtung zu sein. Diese Doppelstrategie ist möglicherweise nicht ganz frei von Spannungen. Der Erfolg der Sommerkonzerte basiert auf klar kalkulierbaren Mechanismen bekannter Namen, großer Bühne, hohe Ticketpreise. Das neue Frühjahrsformat hingegen bewegt sich in einem weniger berechenbaren Feld. Hier zählen kuratorische Entscheidungen, künstlerische Qualität und die Bereitschaft des Publikums, sich auf Ungewohntes einzulassen. Die Herausforderung besteht darin, beide Welten miteinander zu verbinden, ohne dass eine die andere verdrängt. Zu viel Kommerz könnte die kulturelle Glaubwürdigkeit untergraben, zu viel Experiment das wirtschaftliche Fundament gefährden. Gerade deshalb ist Burg Clam ein interessanter Fall für die kulturpolitische Diskussion. Sie zeigt, dass hochwertige Kulturangebote nicht zwingend an urbane Zentren gebunden sind. Entscheidend sind vielmehr klare Konzepte, professionelle Organisation und die Fähigkeit, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Was sich 2026 abzeichnet, ist eine Phase der Transformation zu einem mehrsaisonalen Kulturstandort. Die Einführung von „Mai im Meierhof“ ist vorerst einmal der sichtbarste Schritt. Ob es gelingt, die Balance zwischen Event und Kultur dauerhaft zu halten, wird sich erst zeigen. Sicher ist jedoch: Die Burg hat sich neu erfunden, und damit die Rolle des Mühlviertels auf der kulturellen Landkarte Österreichs ein weiteres Mal nachhaltig verändert. // Text: Manfred Horak