Das Theater ist in seiner besten Form kein Ort der Antworten, sondern ein Raum der Fragen, und Alles Gerettet von Qualtinger/Merz das vielleicht größte Theaterstück überhaupt.
Alles Gerettet – die Theaterkritik
Zum Abschluss des klugen und sinnlichen Theaterfestivals Wortwiege kam noch einmal das Theaterstück über den Ringtheaterbrand anno 1881, Alles Gerettet von Helmut Qualtinger und Carl Merz, zur Wiederaufnahme. Unter der Regie von Wortwiege-Mastermind Anna Luca Krassnigg agieren auf der Bühne in Mehrfachrollen Ida Golda, Lukas Haas, Saskia Klar, Jens Ole Schmieder, Isabella Wolf mit einer Agilität und Spielfreude, das ihr schauspielerisches Können im besten aller Sinne zeigt. Sie alle fungieren als Angeklagte und Zeug:innen. Einzig der großartige Martin Schwanda ist als Zuschauerin ausschließlich auf Leinwand zu sehen. Der Gerichtshof wiederum bleibt unsichtbar. Es sind die Stimmen aus dem Off, u.a. von Lena Rothstein und Franz Schuh. Die Relevanz des Stückes färbt sich auch auf die Darsteller:innen ab. Alleine, wie Jens Ole Schmieder sich bereits während der Pause auf die Bühne setzt, um in die Rolle des Angeklagten Dr. Landsteiner einzutauchen spricht für die Ernsthaftigkeit, sich dem Stück anzunähern. Die Verwandlungsfähigkeit des Ensembles ist imposant (ein Begriff, das den Leistungen eigentlich nicht einmal annähernd gerecht wird). Sie alle begeben sich in die Tiefen und Untiefen der Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, gemäß dem Motto von Wortwiege 2026, "Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch." Qualtinger und Merz protokollierten und studierten all das sehr genau. Mit einer Akribie, die Schauspieler:innen an ihre Grenzen der Verstellung bringt. Das Bühnenbild von Andreas Lungenschmid führt das Publikum mit einer scheinbaren Einfachheit ins 19. Jahrhundert zurück, maßgeschneidert durch die Kostüme von Antoaneta Stereva Di Brolio. Die Komik und das Grauen reichen einander die Hand, und offenbaren das zutiefst österreichische, dass eh alle immer alles richtig gemacht haben.
Der Ringtheaterbrand von 1881 als Ausgangspunkt
Eine Überlegung, die mir während des Stücks kam und bis jetzt nachhallt ist, dass selbst wenn die Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen eine schlechte ist, würde es dem Stück nicht schaden, denn Helmut Qualtingers und Carl Merz’ Theaterstück Alles gerettet gehört zu jenen seltenen Texten, die sich jeder abschließenden Einordnung entziehen und gerade darin ihre außergewöhnliche Qualität entfalten. Es ist ein Werk, das sich nicht nur dem Theater widmet, sondern das Theater selbst zum Gegenstand einer radikalen Selbstbefragung macht. Das Theater, das häufig zwischen ästhetischer Selbstreferenzialität und gesellschaftlicher Relevanz oszilliert, vereint in diesem Stück beide Pole in einer beunruhigenden, beinahe schon erschütternden Weise. Der Ringtheaterbrand von 1881 als Ausgangspunkt, eine der größten Katastrophen der Wiener Theatergeschichte, wird dabei nicht bloß historisch rekonstruiert, sondern als dramaturgischer Kern genutzt, um das Wesen des Theaters freizulegen. Während viele große Werke der Theaterliteratur von der klassischen Tragödie bis zum modernen Drama auf die Darstellung menschlicher Konflikte, gesellschaftlicher Umbrüche oder existenzieller Fragen zielen, geht dieses Stück einen Schritt weiter und reflektiert die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeit. Es fragt nicht nur, was auf der Bühne geschieht, sondern was geschieht, wenn diese Bühne zum Ort realer Katastrophe wird.
Das Theater ist niemals vollständig von der Wirklichkeit getrennt
Der Ringtheaterbrand fungiert dabei als mehr als nur historischer Hintergrund. Er wird zum symbolischen Brennpunkt, an dem sich die Ambivalenz des Theaters bündelt. Das Theater ist hier nicht mehr bloß ein Ort der Illusion, sondern ein Raum, in dem Realität und Fiktion auf unheimliche Weise kollidieren. Das Publikum, das ursprünglich gekommen ist, um eine inszenierte Tragödie zu erleben, wird selbst Teil einer realen Katastrophe. In dieser Umkehrung liegt eine fundamentale Erkenntnis: Das Theater ist niemals vollständig von der Wirklichkeit getrennt. Es ist vielmehr ein fragiles Gefüge, das jederzeit von eben jener Realität durchbrochen werden kann, die es zu bannen versucht. Qualtinger und Merz gelingt es, diese Erkenntnis nicht in Form einer bloßen historischen Nacherzählung zu präsentieren, sondern sie in eine sprachlich wie strukturell hochkomplexe Dramaturgie zu überführen. Der Text wirkt stellenweise wie ein Trümmerfeld aus Stimmen, Perspektiven und fragmentierten Wahrnehmungen als Ausdruck einer tiefgreifenden ästhetischen Entscheidung und spiegelt die Desintegration der Ordnung wider, die durch die Katastrophe ausgelöst wird.
Alles gerettet führt das Theater auf seine elementarste Funktion zurück
Es geht nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, die Bedingungen von Wahrnehmung, Erinnerung und Darstellung sichtbar zu machen. Diese Radikalität unterscheidet das Stück von vielen anderen Werken, die trotz ihrer formalen Innovation letztlich innerhalb eines traditionellen Verständnisses von Theater verbleiben. Alles gerettet besitzt eine eigentümliche Autonomie. Der Text ist eine Art Inszenierung, eine Art gedankliche Bühne, auf der sich die Katastrophe in immer neuen Variationen entfaltet. Diese Selbstgenügsamkeit macht das Stück in gewisser Weise "unverwüstlich". Es kann misslungen inszeniert werden, ohne dass sein Kern verloren geht, weil dieser Kern nicht in der Aufführung, sondern im Text liegt. Es ist nicht nur Theater, sondern Theorie des Theaters und zugleich Kritik an eben dieser Theorie. Es entzieht sich jeder endgültigen Festlegung und bleibt dadurch dauerhaft aktuell. Alles gerettet stellt eine radikale Erinnerung daran dar, dass das Theater mehr ist als Unterhaltung oder ästhetische Praxis. Es ist ein Ort, an dem sich die grundlegenden Fragen menschlicher Existenz in konzentrierter Form manifestieren. Darüber hinaus kann man Alles gerettet auch als eine Art Mahnmal verstehen. Nicht nur für die Opfer des Ringtheaterbrands, sondern für die Verletzlichkeit des Theaters selbst. Diese Einsicht verleiht dem Stück eine existenzielle Dimension, die weit über den konkreten historischen Anlass hinausgeht, denn schließlich ist das Theater in seiner besten Form kein Ort der Antworten, sondern ein Raum der Fragen. //
Text und Fotos: Manfred Horak
Kritik zur Aufführung am 28.3.2026 beim Theaterfestival Wortwiege in den Kasematten, Wr. Neustadt
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