Glaube Liebe Hoffnung Premiere Akademietheater 2026

Es gibt Theatertexte, die sich nicht abnutzen, weil sie nie wirklich historisch werden. Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung gehört zu diesen Stücken.

Glaube Liebe Hoffnung – die Theaterkritik

Wenn bei einem Klassiker von "aktueller denn je" die Rede ist, dann bedeutet das zumeist nichts Gutes, da kaum jemals die Aktualität von damals eine "Gute" war (und entgegen der Behauptung vieler, dass "früher alles besser war"). Wenn wir nun das Stück Glaube Liebe Hoffnung von Ödön von Horvath betrachten und in einer neuen Inszenierung am Akademietheater Wien sehen, dann erkennen wir sehr schnell, dass es ein sehr lebendiger Text ist. Soziale Ungleichheit, bürokratische Gewalt, die Fragilität menschlicher Beziehungen sind heute ebenso präsent wie in den 1930er-Jahren.

So schaut die Vorhölle aus

Bei Betrachtung der originellen Bühnenkostüme meinte jemand, "die sehen ja aus wie sexistisch angehauchte Teletubbies". So schaut eben die Vorhölle aus, denn dort befindet sich die leidende Protagonistin Elisabeth. Sie ist keine klassische tragische Heldin und weder außergewöhnlich noch heroisch. Ihre Stärke liegt in der Durchschnittlichkeit. Horváth zeigt an ihr, dass die moderne Tragödie nicht ausschließlich aus außergewöhnlichen Konflikten entsteht, sondern eben auch aus alltäglichen Strukturen. Elisabeth scheitert nicht an einer einzelnen Person, sondern an einem System, das niemandem gehört und doch von allen getragen wird. Diese Perspektive macht das Stück Glaube Liebe Hoffnung so radikal: Es gibt keinen klaren Schuldigen. Die Gewalt ist anonym, verteilt, strukturell, und genau deshalb unausweichlich.

Glaube Liebe Hoffnung Foto Tommy Hetzel

Sprachliche Elementarstruktur als soziale Diagnose

Glaube Liebe Hoffnung kann in seiner sprachlichen Elementarstruktur als soziale Diagnose gelesen werden. Horvaths Figuren sprechen in Floskeln, Halbsätzen, Gemeinplätzen. Diese banale Alltagssprache entlarvt einerseits eine tiefere Leere und wirkt andererseits absurd komisch.Horváth meinte ja sogar selbst, dass seine Stücke Tragödien seien, die komisch wirken, "weil sie unheimlich sind". Im Akademietheater konnte dies sehr genau erkannt werden. Es gab auch etliche Lacher im Publikum, die jedoch immer wieder mal recht rasch verstummten, da diese Komik keine befreiende ist, sondern eine entlarvende. Sie zeigt, wie Menschen sich hinter Phrasen verstecken und dadurch Teil eines Systems werden, das sie selbst nicht durchschauen.

Wenn bürokratische Mechanismen ineinander greifen

Die Inszenierung im Akademietheater funktioniert auf mehreren Ebenen hervorragend. Neben den bemerkenswert skurrilen Kostümen von Victoria Behr setzt das kolossale Bühnenbild von Pia Maria Mackert das Stück in die richtige Optik. In diesen Stimmungsbildern fügt sich das Sounddesign von Jacob Suske ebenbürtig ein, durchsetzt von kleinen musikalischen Motiven, live gespielt von der Violinistin Alyona Pynzenyk. Mit dieser Kombination konnte eigentlich nicht viel schief gehen. Es legt die wichtige Basis, um dem Stück den notwendigen Raum und die semantische Tiefe zu geben, die es braucht. Glaube Liebe Hoffnung ist in dieser Inszenierung von Lucia Bihler (Regie) und Sarah Lorenz (Dramaturgie) ein echter Gewinn ohne frohen Sinn, da ja eine junge Frau versucht, einer Geldnot zu entkommen, indem sie ihren Körper bereits zu Lebzeiten an ein anatomisches Institut verkauft. Der Plan scheitert, bürokratische Mechanismen greifen ineinander, und schließlich endet ihr Weg im Suizid und mit dem bitteren Satz, sie habe "nichts mehr zum Fressen". Die eigentliche Tragödie liegt nicht im spektakulären Untergang, sondern im banalen Funktionieren der Gesellschaft. Paragraphen, Vorschriften, moralische Erwartungen wirken nicht als Ausnahme, sondern als Normalität.

Fragile soziale Konstruktionen

Der Titel des Stücks, Glaube Liebe Hoffnung, verweist auf die christlichen Tugenden, doch Ödön von Horváth kehrt diese Trias ins ironische Gegenteil. Elisabeth glaubt an die Möglichkeit eines Auswegs, an Fairness, an ein Minimum an Gerechtigkeit, wird jedoch systematisch enttäuscht. Und auch die Liebe erweist sich nicht so, wie sie es sich vorstellt. Die Beziehung zum Polizisten Klostermeyer erscheint zunächst als Rettungsanker, erweist sich allerdings als konditional gebunden an gesellschaftliche Normen und Reputation. Die Hoffnung als letzte Ressource ist alles, was schließlich Elisabeth bleibt. Und genau diese wird ihr entzogen. Das Stück zeigt, wie diese drei Begriffe nicht als metaphysische Konstanten existieren, sondern als fragile soziale Konstruktionen. Sobald die gesellschaftliche Ordnung sie nicht mehr trägt, zerfallen sie.

Glaube Liebe Hoffnung Foto Manfred Horak Akademietheater 2026

Ein leiser, unerbittlicher Totentanz

Marie-Luise Stockinger stellt die Hoffnungs- und Ratlosigkeit von Elisabeth in fulminanter Schau dar. Die strukturelle Dimension von Prekarität [abgeleitet vom lateinischen "precarius"; widerruflich, auf Gnade; Anm.] ist in jeder Szene fast schon überdeutlich erfassbar. Die selbstbestimmten Ideen von Elisabeth greifen nicht, egal, ob sie ihren Körper dem Anatomischen Institut zur Verfügung stellt oder später mit ihrem Wandergewerbeschein einer Arbeit nachgeht. Die Frage, die sich freilich stellt ist, ob ihr Suizid im Sinne der Selbstbestimmtheit konsequent ist oder eine Art Flucht, da sie Schritt für Schritt aus der Gesellschaft hinausgedrängt wurde. Mit Marie-Luise Stockinger steht und fällt diese Inszenierung von Glaube Liebe Hoffnung. Ihre unmittelbare Gegenwärtigkeit macht das Stück erneut zu dem, was es eh schon immer war, ein leiser, unerbittlicher Totentanz und ein Theaterereignis, das nicht tröstet, sondern in seiner Unausweichlichkeit das Publikum geradezu zwingt, sich mit einer Welt auseinanderzusetzen, die der eigenen erschreckend ähnlich ist. //

Theaterkritik von "Glaube Liebe Hoffnung" zur Premiere am 26.3.2026 im Akademietheater Wien
Text: Manfred Horak

Fotos: © Tommy Hetzel, Manfred Horak

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