Troja Forever Foto Manfred Horak

Vielleicht war die Ilias nie ein Buch, sondern immer schon ein Klang, der über Jahrtausende hinweg nicht verstummt ist, und nur seine Medien gewechselt hat. Troja Forever beim Festival Wortwiege zeigt uns die Gegenwartsperspektive.

Troja Forever, oder: Dichtung war primär Klang

Es ist eine der eigentümlichsten Ironien der europäischen Kulturgeschichte, dass eines ihrer ältesten Werke zugleich ein zutiefst performatives ist, und doch heute meist still gelesen wird. Die "Ilias", entstanden wohl im 8. Jahrhundert v. Chr., gehört einer Welt an, in der Dichtung primär Klang war, Ereignis, soziale Praxis. Wer sie verstehen will, muss sich von der stillen Seite des Buches abwenden und sich einem Raum zuwenden, in dem Stimme, Rhythmus und Gedächtnis eine untrennbare Einheit bildeten. Troja Forever erzählte am 20.3.2026 im Rahmen des Festivals Wortwiege von all dem und zeigte neue Wege auf.

Der Ort war nicht die Schrift, sondern die Stimme

Beim zweigeteilten Abend Troja Forever vom Wortwiege Festival wurde im ersten Teil genau darüber gesprochen. Die Regisseurin Azelia Opak, die im Dschungel Wien die Kinderoper "Die Odyssee des Telemachos" inszenierte, sprach mit dem Wiener Philologen Georg Danek u.a. über den heutigen Forschungsstand der "Ilias". Es ist nicht als literarisches Einzelwerk im modernen Sinn entstanden, hieß es da, sondern als Kulminationspunkt einer jahrhundertelangen mündlichen Tradition. Gedächtniskünstler trugen das Epos nicht wortgetreu vor, sondern reproduzierten es innerhalb eines festen metrischen und formelhaften Systems immer wieder neu. Diese Aufführungspraxis hatte eine eigene Dramaturgie: Der Vortrag konnte sich über viele Stunden, ja Tage erstrecken, gegliedert in Gesänge und performative Einheiten, die zugleich narrative Spannungsbögen bildeten. Die "Ilias" war somit weniger ein Text als ein Ereignis im Vollzug. Ihr eigentlicher Ort war nicht die Schrift, sondern die Stimme.

Die akustische Technologie

Im Zentrum dieser Aufführungstechnik stand der daktylische Hexameter als flexibles, musikalisches Medium, der nicht nur den Klang strukturierte, sondern als Gedächtnisstütze fungierte und die Improvisation erleichterte. Irgendwann hatte Homer größeres vor und startete das Projekt zur Festschreibung der "Ilias" und "Odyssee". Georg Danek erzählte bei Troja Forever auch, dass in der neueren Forschung anhand computergestützter Analysen eine Rekonstruktion des antiken Vortrags gelang. Damit wurde deutlich, dass der Hexameter eng mit dem altgriechischen Akzentsystem verbunden war. Man kann davon ausgehen, dass dieses epische Werk gesungen oder zumindest halbgesungen vorgetragen wurde. Der Vers war somit eine akustische Maschine mit der Fähigkeit Erinnerungen zu konservieren. Tatsächlich erklärt sich so die erstaunliche Stabilität des Stoffes über all die vielen Jahrhunderte hinweg. Je nach Anlass, Publikum oder Zeitrahmen erhielt die Geschichte eine flexible Präsentation. Man könnte auch sagen, dass die 24 Gesänge der "Ilias" die "Playlist" der Antike waren, und, nun ja, "Playlist" hört sich doch schon sehr gegenwärtig an.

Fox On Ice und die Rückkehr der Performance

Moderne Transformationen der "Ilias" gab es bereits unzählige, viele davon sind heute nicht mehr modern, sondern modern im Dunkel der Vergangenheit vor sich hin. Zeit also für Neues, denn schließlich ist die "Ilias" ein geradezu offenes System, das sich stets neu konfigurieren lässt. Eine Offenheit, die es anschlussfähig für zeitgenössische Kunstformen macht, und thematisch ist es soundso immer aktuell. So gestaltete sich der zweite Teil des Abends von Troja Forever mit Fox On Ice, namentlich Anna Luca Krassnigg (Text und Gesang) und Christian Mair (Komposition und Gitarre), als Rückkehr der Performance unter dem Titel "Polyxena", der Tochter des Priamos und der Hekabe und jüngere Schwester von Kassandra, Paris und Hektor. Die Frage, die sich vorab stellte galt einzig der Überlegung, ob sich das wohl ausgehen wird, einen derartigen historischen Stoff in Rockmusik zu verpacken. Natürlich geht es sich aus. Locker auch noch. 

Das Rätsel der Polyxena

In Ovids Metamorphosen wird Polyxena nach dem Fall Trojas als Opfer dargebracht, um den Geist des Achilles zu besänftigen. Polyxena ist also keine Heldin im klassischen Sinn. Keine Kriegerin, keine Strategin. In den letzten Jahren geriet Polyxena in ein neues Licht und wurde nicht mehr bloß als literarische Konstruktionen gesehen. Auslöser war der spektakulären Fund des sogenannten Polyxena-Sarkophag. Entdeckt in der Nähe von Çanakkale, datiert auf das 6. Jahrhundert v. Chr., zeigt der Sarkophag in fein gearbeiteten Reliefs eine Szene, die als Darstellung der Opferung Polyxenas interpretiert wird. Was diesen Fund so außergewöhnlich macht, ist vor allem die ikonographische Klarheit. Hier wird ein Mythos sichtbar, der bislang vor allem literarisch überliefert war. Die gezeigte Szene ist verstörend in ihrer Ruhe: Eine junge Frau wird von Männern umringt, ein Ritual vollzieht sich mit fast formaler Strenge. Polyxena wird so zu einer Figur der Zwischenräume. Sie existiert zwischen Text und Objekt, zwischen Mythos und Geschichte, zwischen Opfer und Subjekt. Zudem macht es eine Form von Gewalt sichtbar, die sich nicht in heroischen Narrativen auflösen lässt. Genau darin liegt die Aktualität. Troja ist nicht nur ein Ort der Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gegenwart, eben Troja Forever. Ein Raum, in dem sich unsere eigenen Fragen nach Gewalt, Erinnerung und Bedeutung verdichten.

15 Songs für Polyxena

Hier setzt das Duo Krassnigg und Mair an und bringt das Verlorene und das Wiedergeborene des mythischen Materials in eine hybride Form aus Musik, Film und Theater. Auffällig ist dabei nicht nur die thematische Verschiebung der Perspektive auf weibliche Figuren, sondern auch die Rückkehr zur Multimedialität der Aufführung in der Verbindung von Klang, Bild und narrativer Präsenz. Die Lieder entpuppten sich dabei als eigenständige literarische Bruchstücke, getragen von einem Rhythmusgebäude und der E-Gitarre. Dass Krassnigg nicht nur ein Festival leiten kann, sondern auch singen, hörte man an diesem Abend ebenfalls. Die Melodien bzw. die Songs an sich sind auf ihre Weise sperrig und gerade deshalb gut anzuhören. An manchen Druckstellen in den Songs musste ich an Patti Smith, PJ Harvey und anderen starken Frauen(stimmen) denken, aber woher auch immer mögliche Inspirationsquellen stammen, es ist mit viel Energie geladen und alles andere als antik. Es sind sicherlich keine Songs, die den Weg zum Eurovison Song Contest finden werden (aber, mal ehrlich, wer will das schon?), dafür aber Songs, die bald eine größere Reise antreten. Die Uraufführung der gesamten Performance (bei Troja Forever kamen leider nur fünf Songs zur Aufführung) findet nämlich nahe dem Hügel Hisarlık statt, gewissermaßen am Brennpunkt archäologischer und kulturhistorischer Reflexionen. Dort, wo  sich Epos, Nationalgeschichte und Wissenschaft zu einer eigentümlichen Melange verdichten. Die Reise nach Çanakkale / Troja ist in diesem Sinne keine Reise zu einem historischen Ort, sondern zu einem offenen Diskurs anhand neuer Sichtweisen in neuen Songs als Echo der Gegenwart. //

Text und Foto: Manfred Horak

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