Die Wortwiege-Inszenierung von "Das Volksfest" (Die Hinrichtung) unter der Regie von Ira Süssenbach führt uns keine Monster vor. Sie zeigt eine Gesellschaft und deren erschreckend normale Logik.
Das Stück von Helmut Qualtinger und Carl Merz, 1965 unter dem Titel "Die Hinrichtung" uraufgeführt, steht an einer bemerkenswerten Schnittstelle europäischer Geistesgeschichte. Es berührt die moralische Analyse von Hannah Arendt, die Massentheorie von Elias Canetti und nimmt zugleich bereits jene Mediensatire vorweg, die Guy Debord wenige Jahre später theoretisch fassen sollte. Doch Qualtinger und Merz formulieren ihre Diagnose nicht philosophisch, sondern im Ton des Wiener Volksstücks – mit der satirischen Übertreibung eines Johann Nestroy und der sprachkritischen Schärfe eines Karl Kraus.
Die Kraft des Stücks liegt darin, dass es eine Gesellschaft zeigt, die den Tod eines Menschen in ein Spektakel verwandeln kann, ohne dass jemand ausdrücklich böse sein müsste. Die Bühne wird zum Spiegel moderner Öffentlichkeit und zeigt eine beunruhigende Wahrheit: Das Ungeheuerliche entsteht nicht immer aus Hass. Manchmal entsteht es schlicht aus Organisation, Unterhaltung und einem gut geplanten Volksfest.

Der Raum als stiller Star
Der Nährboden des Stücks ist sprachliche Übertreibung, groteske Situationskomik und moralische Enthüllung durch Ironie. In den Kasematten von Wiener Neustadt erhält diese Dramaturgie im wahrsten Sinne des Wortes noch einen zusätzlichen Boden.
Der Bühnenbau von Andreas Lungenschmid und Christoph Wölflingseder erweist sich als stiller Star des Abends. Die Inszenierung beim Wortwiege Festival nutzt nicht nur ein Bühnenbild im klassischen Sinn, sondern verwandelt den historischen Aufführungsort selbst in ein dramaturgisches Instrument.
Die Kasematten Wiener Neustadt, ein Renaissance-Wehrbau mit mächtigen unterirdischen Gewölben, bilden mit ihren drei rund acht Meter hohen Tonnengewölben eine Spielfläche von monumentaler Wucht. Der Raum erzeugt jene eigentümliche Atmosphäre "strahlender Finsternis", die der Inszenierung ihre visuelle Signatur verleiht.
Statt eine konventionelle Bühne zu errichten, gestalten Lungenschmid und Wölflingseder den Raum als halb realistisches, halb absurdes Innenleben eines Hauses. Die gewölbte Architektur wirkt wie ein überdimensionierter Keller oder Bunker der Gesellschaft, ein symbolischer Ort für die moralischen Abgründe, die das Stück freilegt.
Bodenluken und gesellschaftliche Mechanik
Das prägnanteste Element des Bühnenbildes ist ein System von Bodenluken, aus denen Figuren plötzlich auftauchen oder verschwinden. Dieser einfache, aber effektvolle Mechanismus erzeugt zunächst einen deutlichen Slapstick-Effekt.
Zugleich fungiert die Bühne als eine Art gesellschaftliche Maschine. Unternehmer, Beamte, Familienmitglieder oder Medienvertreter steigen aus dem Boden empor, als kämen sie direkt aus einem verborgenen sozialen Untergrund.
Diese Präzision erinnert an die schnelle Szenenmechanik des Wiener Volksstücks ebenso wie an die Tür-Komik klassischer Boulevardtheater. Die Dialoge gewinnen Tempo und Rhythmus, während die Bühne selbst zum Kommentar wird, denn die Symbolik reicht tiefer: Die ständige vertikale Bewegung des Auftauchens und Verschwindens lässt sich auch als Metapher lesen. Die gesellschaftlichen Akteure steigen aus einem moralischen Untergrund empor, verfolgen kurz ihre Interessen und verschwinden wieder. Niemand bleibt wirklich präsent.
Zu Beginn wirkt dieser Raum wie ein groteskes Wohnlabor. Der Sohn der Familie sitzt in einer Bodenluke und reißt Barbiepuppen die Köpfe ab und stellt so ein makaber-komisches Vorzeichen für die geplante Hinrichtung seines Vaters her. Alltag und Absurdität verschränken sich: familiäre Intimität, groteske Brutalität, spielerische Komik.
Das Wohnzimmer wird zum Ort, an dem sich die gesellschaftliche Logik des Stücks bereits im Kleinen zeigt. Die monumentalen Steinbögen der Kasematten verstärken diesen Effekt. Die Figuren wirken darin klein und verloren, Teil eines größeren Systems. Auf dekorativen Aufwand kann die Inszenierung verzichten; die räumliche Struktur allein erzeugt die groteske Verdichtung, die zur Tonlage des Stücks passt – irgendwo zwischen Theater, Kabarett, Farce und philosophischer Parabel.

Die Grundidee
Während die größte Stärke der Inszenierung im Bühnenraum liegt, ist die größte Stärke des Stücks selbst seine ebenso einfache wie verstörende Grundidee: Ich gebe dir zehn Millionen und du lässt dich dafür öffentlich hinrichten.
Der arbeitslose Familienvater Josef Reindl nimmt das Angebot an. Zunächst reagiert seine Familie mit Entsetzen. Doch sobald die finanziellen Vorteile sichtbar werden, relativiert sich die moralische Empörung und die Dinge beginnen ihren Lauf zu nehmen.
"Die Hinrichtung" beziehungsweise "Das Volksfest" besitzt vielleicht nicht die ikonische Wucht von "Der Herr Karl", doch gerade seine Mischung aus grotesker Satire und moralischer Parabel macht es zu einem bemerkenswerten Stück österreichischer Nachkriegsliteratur.
Qualtinger und Merz führen eine Gesellschaft vor, die bereit ist, aus Sensationslust ein Todesereignis zum Volksfest zu machen, als hätten sie bereits geahnt, dass Jahrzehnte später Reality-TV, Social-Media-Shitstorms und mediale Skandalisierung den Alltag prägen würden.
Die Hinrichtung als Event
Im Verlauf des Stücks wird das geplante Ereignis organisatorisch verwertet. Die Hinrichtung wird zum Medienereignis. Moralische Empörung weicht medialer Neugier, wirtschaftliche Planung wird zur Routine. Die Inszenierung hält diesen Prozess durch schnelle Szenenwechsel zusammen und bildet so die Dynamik öffentlicher Meinung ab. Die Sprache der Verwaltung spielt dabei eine entscheidende Rolle: Formulare, Sicherheitsfragen, Ablaufpläne. Bürokratische Nüchternheit steht im grotesken Kontrast zu der Tatsache, dass es um einen realen Tod geht.
Die Figurenvielfalt, die Qualtinger und Merz entworfen haben, ist bemerkenswert und bildet im wesentlichen ein Panorama moderner Gesellschaft ab. Und über allem steht die sprachliche Präzision der Dialoge: pointierte, oft doppeldeutige Sätze, die zugleich komisch und erschreckend wirken. Am deutlichsten zeigt sich das in der Figur des Scharfrichters Engel. Ursprünglich von Qualtinger selbst gespielt, erscheint er auch hier nicht als düsterer Vollstrecker, sondern als leicht exzentrischer Handwerker. Fast liebevoll spricht er über Technik, Präzision und Tradition als wäre er Restaurator historischer Instrumente. Die Tötung eines Menschen wird zur handwerklichen Routine, zum beinahe nostalgischen Berufsstolz.
Historischer Schatten
Der historische Hintergrund ist dabei nicht fern. Am 24. März 1950 wurde in Österreich die letzte Todesstrafe vollstreckt; zwei Monate später wurde sie für ordentliche Strafverfahren abgeschafft, vollständig erst 1968. Der Scharfrichter Engel verweist auf reale Figuren wie den legendären Wiener Henker Josef Lang, dessen makabre Popularität in der Gesellschaft sogar Karl Kraus in den Inneneinband von "Die letzten Tage der Menschheit" aufnahm.
Die österreichische Methode des "Würgegalgens", seit dem 19. Jahrhundert amtlich, war der Versuch, aus der Todesstrafe eine nüchterne Verwaltungshandlung zu machen, ein Ritual staatlicher Ordnung. Mehr zum Beruf des Scharfrichters in Österreich findet sich HIER und HIER.
Große Darstellungskunst und kleine Schwächen
Die Darstellerinnen und Darsteller Ida Golda, Lukas Haas, Saskia Klar, Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda und Isabella Wolf beherrschen ihr Handwerk mehr als souverän. Besonders Martin Schwanda als Scharfrichter Engel meistert die heikle Aufgabe, weder Qualtinger zu imitieren noch dessen Schatten zu fürchten. Ganz ohne Schwächen bleibt der Abend dennoch nicht. Die dramaturgische Anlage des Stücks ist episodisch; manche Szenen wirken eher wie Kabarettnummern als wie Schritte einer dramatischen Entwicklung. Auch einige musikalische Einschübe wie "De Kinettn wo i schlof" von Wolfgang Ambros (Text: Joesi Prokopetz) erscheinen eher dekorativ als notwendig. Letztendlich nur Kleinigkeiten, die diese Inszenierung nicht weniger sehenswert machen.
Als besonders gelungen erweist sich das Finale, in dem bewusst auf große Effekte verzichtet wird. Die Hinrichtung findet nicht statt und gerade dadurch wird die Pointe des Stücks sichtbar. Das Problem war nie die Tat selbst. Das Problem war, dass eine Gesellschaft bereit war, sie zu organisieren. Zurück bleibt eine Bühne mit einer Atmosphäre moralischer Leere und ein zurecht langer Schlussapplaus. //
Text: Manfred Horak
Fotos: Victoria Nazarova
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