Das vorliegende Album ist vermutlich nicht exakt das, was man sich erwartet hat, egal ob als (langjähriger) Fan von Elvis Costello oder von The Roots. Die Brisanz der Texte und der musikalische Innovationsdrang machen "Wise Up Ghost" (dennoch) zu einem echten Must-have Album.

Declan Patrick Aloysius MacManus alias Elvis Costello und seine Album-Flut. Mit "Wise Up Ghost" (Blue Note/Universal) kommt er bereits seit Dezember 1977 auf 35 Alben (ohne diverse Best of), das ergibt jährlich ein Album von Elvis Costello. Nicht schlecht. Eine derartige Kontinuität ist überaus selten. Frühe musikalische Weggefährten wie Squeeze und entfernt Verwandte wie Joe Jackson konnten mit seinem steten Schaffensprozess nicht einmal ansatzweise mithalten. Seine Unermüdlichkeit öffnete ihm dabei immer auch Türen für neue Musikabenteuer in den unterschiedlichsten Stilrichtungen. So kam es z.B. auch, dass er praktisch im Vorbeigehen als Produzent vom Debüt-Album von The Specials in Erscheinung trat (immerhin eines der maßgeblichsten und einflussreichsten Alben der Post-Punk-Ära und Auslöser des ersten Ska Revivals), nachdem seine ersten drei Alben "My Aim Is True" (1977), This Year's Model (1978) und "Armed Forces" (1979) als Wegweiser durch das Musikdickicht führten, um gleichzeitig mit seinem Künstler-Vornamen an Elvis Presley und mit der großen Brille an Buddy Holly zu erinnern.

High Fidelity…

Nach einem handfesten Skandal, als E.C. sich im betrunkenen Zustand abfällig über afroamerikanische Musiker ausließ, veröffentlichte er sein viertes Album ("Get Happy!!"; 1980), das sich mit der Musik von Motown und Stax auseinandersetzte. Auf den darauf enthaltenen 20 Songs (auf der später nachgereichten CD sind es sogar 30 Lieder) integrierte E.C. in seinen Songs Melodiefiguren, Gitarrenparts und auch Textzeilen alter Soulaufnahmen von u.a. Booker T and MGs, Four Tops, Supremes, Al Green, Curtis Mayfield - und er schrieb (laut Eigenaussage) während einer 5-minütigen Taxifahrt den Song "Possession", inspiriert von Bob Dylans "Is Your Love In Vain?" aus dem "Street Legal" Album. "Get Happy!!" wird an dieser Stelle deshalb nochmals explizit erwähnt, da "Wise Up Ghost" einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Mit "High Fidelity" ist auf "Get Happy!!" zudem ein Song drauf, der nicht nur den Autor Nick Hornby zu seinem gleichnamigen Kultbuch inspirierte, sondern quasi auch den Beginn der musikalischen Freundschaft zwischen E.C. und The Roots markiert, als eben jener Elvis Costello with a little help from The Roots den Song High Fidelity live am 20.11.2009 im Rahmen einer TV-Show aufführte.

…and other Songs

Auf "Wise Up Ghost" greift E.C. zum Teil auf eigene ältere Songmaterialien und ältere Texte zurück, um diese - ähnlich wie auf "Get Happy!!" - in neue Songs zu verwandeln. Ja, das hat was, das kann was, und, nein, aus "Get Happy!!" wurde nichts revitalisiert, dafür aber von einem weiteren ungemein souligen Pop-Album von E.C., dem genialen "Punch the Clock" (1983). Eines seiner besten Lieder daraus (und überhaupt), Pills and Soap, wird hier zu "Stick Out Your Tongue", einem der ganz großen Momente des ereignisreichen Albums. "Sollte das Publikum den tieferen, versteckten Sinn des kryptisch-satirischen Liedtextes entschlüsseln", so damals ein BBC-Zensor gegenüber E.C., "würde er [Costello; Anm.] sich ein lebenslages Radioverbot auf BBC einhandeln". Der Hintergrund zu dieser Drohung: Englands Premierministerin in dieser Zeit war Margaret Thatcher, der Falklandkrieg wurde 1982 geführt, zudem gab es starke soziale Spannungen und wirtschaftliche Umbrüche. E.C. packte von all dem jede Menge Anspielungen in den Text, und aufs Heute umgelegt meinte er dazu in einem Interview mit FM4: "Heute wie damals scheint die Welt aus den Fugen geraten. Das Vertrauen der Menschen wird missbraucht. Viele fragwürdige Dinge werden in unserem Namen getan. Man lügt uns ganz offen an. Das sind jetzt keine großen Neuigkeiten, aber ich denke, man muss immer wieder darauf hinweisen und zwar so lange, bis sich etwas ändert." Im Lied singt er diesbezüglich: "So pack up your troubles in a stolen hand bag / Don't dilly dally boys rally 'round the flag / Give us our daily bread in individual slices / And something in the daily rag to cancel any crisis." E.C. greift für diese Strophe auf zwei Kriegslieder zurück. Eines stammt aus dem Ersten Weltkrieg und lautete ursprünglich "Pack up your troubles in your old kit bag and smile, smile, smile", und "Rally Round the Flag" wiederum ist ein Song aus dem U.S. Civil War. In der neuen Version ergänzt E.C. diese Strophe mit der Zeile "You think your country needs you but / you know it never will", das der bekannten Rekrutierungskampagne der Briten aus dem Ersten Weltkrieg entstammt (und in Folge von anderen Ländern aufgegriffen wurde), um etwas später im Text zynisch anzumerken, "The elite bleat, they're obsolete". Ihr merkt schon, alleine in diesem Lied steckt dermaßen viel drin, dass man fast schon Zeile für Zeile vorgehen müsste, um die Größe des Liedtextes im vollen Umfang zu erfassen. Hinzu kommt dann ja auch noch der neue musikalische Ausdruck, dieser coole und ungemein pulsierende Funk-Beat. Einfach grandios.

Number One...

...steht auf dem Cover, man kann also auf eine Fortsetzung dieser Kollaboration hoffen.

Mit The Roots rund um den Schlagzeuger Ahmir Khalib Thompson alias Questlove oder ?uestlove hat Elvis Costello nämlich endlich wieder eine Band gefunden, die zu ihm passt wie kaum eine andere bisher - The Attractions natürlich ausgenommen. Hört und staunt, was da abgeht, z.B. der Einstiegssong, das Ska verzierte "Walk Us Uptown" oder "Wake Me Up" mit diesen unglaublichen Bläsersätzen, das auf zwei E.C. Songs zurückgeht, nämlich auf "The River in Reverse" (aus dem gleichnamigen Album; 2006) und "Bedlam" (aus: "The Delivery Man"; 2004). Von allerfeinster Güte auch "Tripwire", das ursprünglich "Satellite" (aus: "Spike"; 1989) hieß - auch hier könnte man wieder im Text wühlen und Besonderheiten hervorheben, und zusätzlich auf die schier geniale musikalische Umsetzung näher eingehen. Ich mache es nicht (weil der Text eh schon so lange ist), hört es euch einfach an, ihr werdet es nicht bereuen. Nochmals Elvis Costello im Interview mit FM4: "Ich wollte herausfinden, warum ich bestimmte Dinge gesagt habe. Aus den gesammelten Versen sind Collagen und schließlich völlig neue Songs entstanden." Die weiteren Lieder und ihre Ursprünge: "Sugar won't work" (ursprünglich "You left me in the dark" aus dem Album "North"; 2003), "Refuse to Be Saved" ("Invasion Hit Parade", aus: "Mighty Like A Rose"; 1991), "(She Might Be A) Grenade" ("She's Pulling Out The Pin", aus: The Delivery Man ; 2004), "Cinco Minutos con vos" ("Impatience", aus: North, UK & Japan bonus track), "Wise Up Ghost" ("Can you be true", aus: North). Jedes für sich ist ein absolutes Highlight, die allesamt noch an Größe gewinnen, je öfter man das Album hört. Die zweite große Ballade des Albums dient schließlich als Rausschmeißer, "If I Could Believe". Ohne zu übertreiben kann dieses Prachtexemplar an Lied zu seinen besten Slow Songs gezählt werden. Essenziell. //



Die zehn besten Alben von Elvis Costello


01 E.C. & The Attractions: Imperial Bedroom (1982)
02
E.C. & The Attractions: Armed Forces (1979)
03
E.C. & The Attractions: Punch The Clock (1983)
04 The Costello Show: King of America (1986)
05
E.C. & The Attractions: Get Happy!! (1980)
06
E.C. & The Roots: Wise Up Ghost (2013)
07
E.C. & The Attractions: All This Useless Beauty (1996)
08
E.C. & The Imposters: The Delivery Man (2004)
09
E.C. & The Attractions: This Year's Model (1978)
10
E.C. & The Attractions: My Aim Is True (1977)

Text: Manfred Horak