jahresbestenliste-2012Ein letzter kurzer Rückblick auf das Jahr 2012 und deren denkwürdigsten Alben, Songs und Live-Konzerte.

Top 3 Songs

Dexys: Nowhere is Home
(aus: One Day I'm Going To Soar)
Für Kevin Rowland, dem Mastermind der Dexys, gibt es kein Konzept für Heimat und Nationalität. "I just gotta be myself/ take your irish stereotype and shove it up your ass", heißt es in dem Song. "I don't know where I belong", singt Rowland außerdem, und: "Nirgends ist mein Zuhause und ich werde frei sein". Seine eigentliche Heimat ist ja aber soundso die Soul-Musik und "Nowhere is Home" zeigt dies in aller Deutlichkeit. Curtis Mayfields Gitarrenstil taucht hier auf und wenn die Streicher auf Zuruf Rowlands abheben, können wir nur staunen, was die Dexys anno 2012 musikalisch alles auf die Reihe bekamen.
Siehe auch Top 10 Alben International.

Van Morrison: If In Money We Trust

(aus: Born To Sing: No Plan B)
Aus "In God We Trust" (zu finden auf jedem Ein-Dollar-Schein) wird "If In Money We Trust" und wirft gleich die Frage hinterher: Where's God? Ein düsteres Acht-Minuten-Mantra, das vom Bass und Piano angeschoben und von den Bläsern getragen wird. Mr. Morrison presst kurze, u. a. Nietzsche zitierende, prägnante Fragen aus, wie z.B. "When God is dead / And money's not enough / In what do you trust / When it's not enough?" und entlässt uns mit der repetitiven Aufforderung darüber gefälligst nochmals nachzudenken.
Siehe auch Top 10 Alben International.

Esperanza Spalding: Radio Song
(aus: Radio Music Society)
Ein wahres Monument an Schönheit und Kraft. Ob dieser großartige "Radio Song" den Weg ins Popformatierte Radio findet ist wünschenswert, aber kaum vorstellbar, zu komplex (Pop-Fans würden vermutlich sogar den Begriff experimentell verwenden) ist die Song-Struktur, zu sehr unverwechselbar ihre musikalische Haltung. Aber wer weiß, vielleicht rettet die Jazz-Lady ja tatsächlich die Radiolandschaft mit Songs wie diesen.
Siehe auch Top 10 Alben International.

Top 10 Alben Österreich

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Georg Breinschmid: Fire
(Preiser Rec.)
12 Breinschmid-Originale als wahre Energiequellen, ein Hochofen an sprudelnder Kreativität und Sinnesfreude, ein Amalgam an Stilistik, Humor und Lebensfreude mit waghalsigen musikalischen Fantasien und gepflegter Improvisationskultur. Weiter entfernt von diversen Ethno-Stadln kann man sich mit diesem Album gar nicht befinden, dafür hautnah am ehrlichen künstlerischen Ausdruck.
Siehe auch Top 7 Konzerte.
CD-Kritik

Chrono Popp & The Sorry Babies: Sex The Nation
(Monkey)
Steely Dan, Dexys, The Specials, James Brown und der klassische Stax-Sound in der österreichischen Variante, zurechtgepolstert von Bandleader Chrono Popp (Radical Chic, Hip Hop Finger, Brüder Poulard). Wahnwitzige bilinguale Liebeslieder, die Liebesleid ad absurdum führen. Ein Album für alle Jahreszeiten.

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Birgit Denk & Die Novaks: Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn
(Rohscheibe)

Die Novaks variieren von Blues bis Ska, von Wienerlied-Pop bis Balkanesken, von Country bis A capella und liefern eine unglaublich gute Performance ab, so auch Birgit Denk, die auf diesem Album erstmals nicht nur Dialekt singt.
CD-Kritik

Verena Göltl & Herbert Berger: Verlieren & Finden
(lekvár records)

Mit der früheren Herztöne Sängerin Verena Göltl und dem Stubnblues Musikanten Herbert Berger fanden zwei zusammen, die sich in wunderbaren Eigenkompositionen mit Dialekttexten verlieren. Zarte Musik und zärtliche Texte bestimmen das Geschehen des Debüt-Albums. 15 Lieder, die, wenn man sich ihnen langsam annähert, eine große Seele offenbaren.
Interview

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Hallucination Company: Circus der Hallucinationen
(Geco)
Die Band rund um Mastermind Ludwig 'Wickerl' Adam war, ist und bleibt die Szeneband überhaupt. Sie geben uns auf ihrem ersten Album seit 20 Jahren Funk, Reggae, Jazz, Space und natürlich jede Menge Rock mit unterschiedlichen Temperaturen, Spannungen und Härtegraden.
CD-Kritik

Harlequin’s Glance: Ashore
(Lindo Rec.)

Songs, die so klingen als wären sie immer hier gewesen, alte Bekannte, melancholisch, stoisch, poetisch und ein wenig versoffen.
CD-Kritik

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The Little Band From Gingerland: Time Out Time
(Cracked Anegg)
Jazz? Was ist schon Jazz? Das Album von Ángela Tröndle und Sophie Abraham eventuell, aber oft auch gar nicht, vielmehr entzücken die beiden Frontfrauen mit mutigen Songstrukturen und gestenhaften Texten, mal auf englisch, mal auf deutsch, häufig den Realismus ins bizarre gedehnt, und einmal sogar den Spam-Ordner in Musik gegossen. 16 Lieder, die keine musikalischen Grenzen kennen und auch keine Sprachbarrieren. Zu diesen unbedingten Qualitäten kommt dann auch noch die instrumentale Kompetenz der beiden Musikerinnen.
Interview

Meena: Feel Me
(Ruf Rec.)
Die in Oberösterreich geborene Sängerin wurde als erste Österreicherin von der European Blues Union für die Teilnahme an der Internationalen Blues-Challenge 2013 nominiert und wird mit ihrer Band - Chris Fillmore (guit), Marlene Lacherstorfer (b) und Frank Cortez (dr) - vom 27.1. bis 3.2. nach Memphis reisen, um einen Preis nach Hause zu holen. Die Nominierung kommt nicht von ungefähr, denn mit "Feel Me" legte sie ein herausragendes zweites Album vor, das vor Emotionen und Dynamik nur so strotzt. Darüber hinaus erweist sich die Band auch live zum Niederknien gut. Bon Voyage!
Siehe auch Top 7 Konzerte.
Interview

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Alex Pinter Quintet: The Beantown Experience
(Extraplatte)
"Der Wille, etwas Größeres entstehen zu lassen zieht sich wie ein roter Faden durch alle acht Kompositionen und Arrangements", heißt es im Begleittext zum gediegen-anspruchsvollen Jazz-Album des Gitarristen mit dem guten Gespür für Melodien. Wir hören die CD und wissen: Wo ein Wille, da ein Pinter.
CD-Kritik

Raphael Wressnig & Alex Schultz: Soul Gift
(ZYX)
Ein echtes Geschenk dieses Album, der Album-Titel ist also weder übertrieben geschweige denn satirisch zu betrachten. Wressnig, Schultz & Co. meinen es tierisch ernst und lassen mit diesem Album die Billy-Preston-Seele ganz groß raushängen. Klassiker und Eigenes wechseln sich dabei gekonnt ab und mit "Money In The Pocket" befindet sich auch eine wunderbare Hommage an Joe Zawinul drauf. Groovy, Baby!

Top 10 Alben International

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The Band of Heathens: The Double Down Live in Denver
Vol. 1 + Vol. 2

(Blue Rose Rec.)
Die Band aus Austin, Texas, begeistert mit ihrem Southern-Roots-Rock und Americana, und veröffentlicht ein Live-Doppelpack (CD+DVD) allererster Güte. Wer The Band und John Hiatt mag, wird begeistert sein. Zeitloser Rock mit Ecken, Kanten und immenser Spielfreude. Ein Hörgenuss par excellence!

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Nick Cave & The Bad Seeds: B-Sides & Rarities
(Mute Rec.)
Ein Triple-Pack an Erinnerungen, wohin uns der düstere Song-Poet von Song zu Song dereinst führte. Wenig überraschend, dass seine Songs, die zwischen 1984 und 2004 zumeist auf diversen B-Seiten veröffentlicht wurden, kein Ablaufdatum haben. Ähnlich wie der 2006er Triple Pack "Orphans" von Tom Waits helfen uns auch Caves Raritäten die strengsten Jahre zu überwinden.

Dexys: One Day I’m Going to Soar
(Buback)

Genius Kevin Rowland hat es doch noch geschafft seine Dexys (vormals Dexys Midnight Runners) für ein ganzes Album zu reanimieren. Die 11 Songs auf "One Day I'm Going To Soar" erweisen sich als ein echtes Aufputschmittel.
Siehe auch Top 3 Songs.
CD-Kritik

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Bob Dylan: Tempest
(Columbia)
Möglicherweise arbeitet Dylan an seiner ureigenen "Anthology of American Folk Music", wenn er uns seine Balladen und Blues, Ragtime und Vaudeville, Swing und Walzer, Country und Folk serviert. Dylan gräbt dort weiter, wo er mit seinen "Theme Time Radio Hour Shows" Anekdoten erzählte und führt sein Alterswerk gekonnt fort.
CD-Kritik

Melody Gardot: The Absence
(Decca)
Exotik heißt das Zauberwort des 11 Songs starken Albums, auf dem sich eine Welt voller Hoffnung ausbreitet. Wer sich ein oberflächliches Gute-Laune-Album damit erwartet irrt allerdings, "The Absence" ist nämlich wie ein brodelnder Vulkan oder auch wie ein tiefer Ozeangraben, in der die Hoffnung von mysteriösen Ahnungen umgeben ist. Eine nahezu perfekte Soundästhetik, die uns Gardot, eine der wichtigsten Vokaljazz-Sängerinnen der Gegenwart, hier abliefert. Sensationell gut.
Siehe auch Top 7 Konzerte.

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Sophie Hunger: The Danger of Light
(Two Gentlemen)
Das vierte Album der Schweizerin ist, so wie ihre Vorgängeralben, ein einziger Glücksfall. Ein großes Thema von "The Danger of Light" ist die Freiheit, Bewegung und Veränderung. Lieder wie "Das Neue", "Z'Lied vor Freiheitsstatue" und "Rererevolution" zeugen von ihren literarischen Qualitäten und musikalischer Gewitztheit. Dazu gibt es auch einige besonders wertvolle Cover-Versionen von Dylan/Cohen/Brel-Klassikern.

Joe Jackson: The Duke
(earMusic)

Ein Duke Ellington Album ohne Bläser.
Der Brite begnügte sich also nicht damit, möglichst authentische Cover-Versionen zu fabrizieren (wie er es auf seinem "Jumpin' Jive" Album von 1981 versuchte), sondern bringt sich mit aufregenden, zeitgemäßen (aber nicht zeitgeistigen) musikalischen Staturen ein. Und als Höhepunkt gibt es ein Duett mit Iggy Pop.
CD-Kritik

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Paul McCartney: Kisses on the Bottom
(Universal)
Live schlug der Sir im Jahr 2012 mit den Überresten der Grunge-Band Nirvana gänzlich andere Töne an als im Studio mit Diana Krall, erstaunlicherweise konnte er mit beiden Fassons überzeugen. Produziert hat das Album Krall-Langzeitproduzent Tommy LiPuma, heraus kam ein geschliffenes Jazz-Album, das gerade mal mit zwei neuen McCartney-Songs auskommt. Was sich vielleicht beim ersten Mal nach gepflegter Langeweile anhört entpuppt sich mit der Zeit als ein ganz großes Jazz-Album mit einem Sänger, der erst gar nicht versucht wie ein Jazzsänger zu klingen.

Van Morrison: Born To Sing: No Plan B
(Blue Note)

Alles, was anders ist, ist gut, sagte Bill Murray, als er im Kinofilm "Groundhog Day" (dt.: "Und täglich grüßt das Murmeltier"; 1993) endlich der Zeitschleife entkam. Und Van Morrison? Er ist gewissermaßen endlich wieder mal dem Mittelmaß entkommen, dieses Album ist nämlich verdammt gut. Transzendental. Mystisch. Intensiv.
Siehe auch Top 3 Songs.
CD-Kritik

Esperanza Spalding: Radio Music Society
(Heads Up)
Die amerikanische Bassistin mit der auffälligen Frisur wird von Album zu Album besser; das aktuelle Album "Radio Music Society" markiert eindeutig ihren bisherigen Höhepunkt an kreativer Schaffenskraft.
Siehe auch Top 3 Songs.
CD-Kritik


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Top 7 Konzerte

Georg Breinschmid & Thomas Gansch
(26.6., Porgy&Bess)

Eine Gelegenheit, dieses so fantastische Duo live zu hören, ist zum Glück keine rare Angelegenheit, aber immer wieder eine große Freude. Mit ihrem musikalischen Feingespür, legen sie von Mal zu Mal die Qualitätslatte ein Stück höher. Und: Sie  trauen sich was. Ihre Texte ecken an und amüsieren.
Siehe auch Top 10 Alben Österreich.

Melody Gardot
(4.7., Wiener Staatsoper)
Gardot ist mit Sicherheit eine der herausragendsten Vokaljazz-Sängerinnen der Gegenwart, und das hat sie nicht zuletzt auch beim Jazzfest Wien Konzert deutlich gemacht. Ihr Auftritt in der Oper reflektierte ihre Wandlung zur musikalischen Weltenbummlerin anhand exotischer Klänge der Wüsten Marokkos und der Strände Brasiliens mit der Kraft für große Gefühle.
Siehe auch Top 10 Alben International.

Rainald Grebe
(15.12., Stadtsaal)
Transparenz war das Schlagwort des Abends, denn wir haben ja alle nichts zu verbergen, oder? Und Herr Grebe zeigte alles, sogar Familienfotoarrangements mit Blockflöte ("vermutlich bin ich deshalb Kettenraucher geworden"), seine Telefonnummer und ein Foto von seinen zusammengewachsenen Zehen. Dazwischen gab es die besten Songs zwischen Frechen und Brandenburg. Genial.
Konzertkritik

Meena
(20.3., ORF Radiokulturhaus)

Das Konzert ist in mehreren Belangen erinnerungswürdig. Zum Beispiel, weil wieder einmal (ist eh selten genug) gezeigt wurde, was alles möglich ist, wenn man seine Vorstellungen auslebt. Und so befanden sich bis zu 15 Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, um die gewichtigen Rocksongs mit Blues-Country-Soul-Gospel-Feeling zu demonstrieren.
Siehe auch Top 10 Alben Österreich.
Konzertkritik

Meena
(6.6., Porgy&Bess)
Und auch in der kleineren Stammbesetzung bewies Meena und die Chris Fillmore Band, dass sie live (zumindest in Österreich) jeden locker an die Wand spielen können. Eine Wucht mit Präzision und Emotion.
Siehe auch Top 10 Alben Österreich.

Pat Metheny Unity Band
(29.6., Konzerthaus Wien)
Neben dem Meister an den Saiteninstrumenten, sorgte Saxofonist Chris Potter, sowie Ben Williams am Kontrabass und Antonio Sanchez am Schlagzeug für erstaunliche Momente.
Konzertkritik

Sonny Rollins
(27.10., Konzerthaus Wien)
Vermutlich das Konzert des Jahres. Der 82-jährige Saxofon-Koloss mit der wehenden weißen Haartolle und dem gebeugten Gang führte vor, dass Rebellion und Lebenslust altersunabhängig sein kann und verzauberte das Publikum mit einem ekstatischen und erstaunlich frischen Konzert. Calypso, Hard Bop und Balladen sorgten reihenweise für Gefühlsausbrüche und minutenlangen Standing Ovations.

Wertung zusammengestellt von Manfred Horak.