Editorial

rockstah-splash2011-0011Als Literaturwissenschaftlerin ist Hip Hop für mich vor allem eines: Die größte Kunstform. Jeder MC, der sich nicht für die typischen "Ich bin geil, ihr seid scheiße"-Texte hergibt ist ein einzigartiger Lyriker. Für das Schreiben von Raptexten braucht man vor allem Übung und auch eine gehörige Portion Talent für den Umgang mit Sprache.

amy-winehouse-2011-07-23
When a woman gets in trouble
Everybody throws her down
Lookin' for your good friend
None can be found
(Robert Johnson; 1936)



A black eyed dog he called at my door
The black eyed dog he called for more
A black eyed dog he knew my name
(Nick Drake; 1974)

When you’re standing at the crossroads
That you cannot comprehend
Just remember that death is not the end...
(Bob Dylan; 1988)

2 Alben, 1 DVD und eine Handvoll guter Songs von Amy Winehouse, die am 23.7.2011 im Alter von nur 27 Jahren starb, werden in Erinnerung bleiben. Auf den ersten Blick nicht viel. Für eine von Mythen behaftete Legendenbildung wird es dennoch allemal reichen. Wir alle (ahnen es zu) wissen, warum das so ist. (Manfred Horak; 26.7.2011)
Ein Stück Arbeit

work-marienthalJazz und Artverwandtes setzt sich auch in dieser Ausgabe des Kulturbriefs durch, nicht nur, aber auch. Neben einem Rückblick auf das Konzert von Ben Sidran im Porgy & Bess gibt es einige detaillierte Blicke auf die aktuellen Alben u. a. von Marilyn Mazur, Pee Wee Ellis, Madeleine Peyroux und Cyndi Lauper, deren Konzerte beim Jazzfest Wien ja allesamt noch anstehen. Des weiteren werfen wir einen Blick auf Nova Rock 2011 zurück und berichten, was kommt, z.B. das SPLASH! Festival in Gräfenhainichen bei Leipzig und die Uraufführung vom Theaterstück Guter Morgen Marienthal: Ein Stück Arbeit, inspiriert von der unter Soziologen weltweit bekannten Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wie auch von dem Buch „Vita Activa oder Vom Tätigen Leben“ der deutsch-amerikanischen Politikwissenschaftlerin des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendt. Als in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein ganzes Dorf mit einem Schlag arbeitslos wurde, folgte nicht Revolte, sondern Resignation - die Einwohner versanken in tiefer Apathie. Zu sehen ist das Theaterstück am Ort des damaligen Geschehens, in Gramatneusiedl. Lesenswert ist auch der Gastkommentar von Monika Herschberger über das kürzliche zu Ende gegangene Kunst- und Kulturfestival TATORT Hernals. Und noch ein Rückblick: Katharina Fischer besuchte das Filmfestival Identities und berichtet über die erinnerungswürdigsten Filme. Apropos Film: Kate Bush veröffentlichte quasi soeben mit Director's Cut einen weiteren Meilenstein in ihrer Karriere. Auf ein Album von ihr muss man ja in der Regel einige Jahre warten, sich also ziemlich gedulden, aber es lohnt sich immer wieder. Anzubieten haben wir auch zwei Interviews. Jenes mit Heather Nova, das Robert Fischer führte, sowie das im Spaceroom zwischen Wien und Auckland entstandene Podcast Interview mit einem der führenden Orgel-Spieler, James Tibbles. Und weil das Stichwort Podcast gefallen ist: Nicht vorenthalten möchte ich wieder einmal die Audio-Podcast-Charts bei iTunes. Zurzeit sind wir mit einer Episode aus der Podcast-Reihe Kulturviertelstunde unter den Top 3, mit zwei Episoden unter den Top 4, mit sechs Episoden unter den Top 30, mit 10 Episoden unter den Top 100 und mit 23 Episoden unter den Top 200. Ergibt eine ziemlich gute Quote, wenn man das mal so flapsig formulieren darf. Und auch die Podcast-Reihe als Ganzes ist weiterhin Top platziert, nämlich auf Rang 5 in der Kategorie "Darstellende Kunst", bzw. auf Platz 30 in jener Wertung der iTunes-Charts, in der alle Sparten zusammengefasst sind. Da kann man nur sagen: Danke an die vielen Hörerinnen und Hörer! Somit wünscht die Redaktion eine apathiefreie Kulturwoche. (Manfred Horak; 30.6.2011)
Jazz und Artverwandtes...

knh2011-editorial...ist in dieser Ausgabe des Kulturbriefs der Schwerpunkt, und das hat seinen guten Grund, startet doch bereits am 15.6. das 21. Jazz Fest Wien, und zwar mit Marianne Faithfull und Matt Dusk. Das Eröffnungskonzert ist gleichzeitig eine Charity Gala für United Nations Women's Guild, jener Organisation, die sich für weltweit in Not geratene Kinder und Mütter einsetzt. Das diesjährige Jazzfest bietet ein super Programm mit erdenklich vielen Höhepunkten, wir haben für Euch eine (erste) Auswahl an CD-Rezensionen zusammengestellt und hieven noch einmal unser Interview mit Saxofour an die Oberfläche. Darüber hinaus gibt es auch jede Menge Eintrittskarten zu diversen Jazzfest-Wien-Konzerten zu gewinnen. Diesmal sind die Juni-Konzerte an der Reihe, beim nächsten Kulturbrief geht es diesbezüglich munter weiter. Und noch ein weiteres Festival startet diese Woche, allerdings zum ersten Mal, nämlich das Kunst- und Kulturfestival TATORT Hernals mit Kunst aus allen Sparten. In einem Zeitraum von zehn Tagen, zwischen 16. und 26. Juni 2011, werden ausgewählte Orte zwischen Elterleinplatz und Ottakringer Straße zum Experimentierfeld künstlerischen Handelns und Erlebens. Durch verschiedene künstlerische Projekte wie Ausstellungen, Performances und Interventionen im öffentlichen Raum, rückt der Vorstadtbezirk Hernals in den Fokus der Aufmerksamkeit. Künstler und Künstlerinnen, die in Hernals sowie auch überregional tätig sind, lassen sich auf die Begegnung mit bekannten und unbekannten Orten ein. Offiziell eröffnet wird der Veranstaltungsreigen am 18. Juni 2011 um 16 Uhr im Basislokal in der Geblergasse 47 in 1170 Wien. Diese 'low budget Festwoche Hernals' verspricht im Übrigen weitaus spannender zu werden als die 'Big Budget Festwochen', die wir gerade (zum Teil mit Schaudern; Stichwort Frank Castorf 'Der Spieler') erleben. Zwei Rückblicke (Wastwater und Mission) gibt es bereits zum Nachlesen, weitere werden folgen. Somit wünscht die Redaktion eine möglichst erfreuliche Kulturwoche. (Manfred Horak; 14.6.2011)
Hut ab!

lindenberg-65-2011Kürzlich feierte Wolfgang Niedecken von BAP seinen 60er, und jetzt ist Udo Lindenberg dran. 65 ist er nun, der u. a. den Satz prägte, "Alle Tage sind gleich lang jedoch verschieden breit". Während Rio Reiser mit Ton Steine Scherben den Schlüssel für Rock in deutscher Sprache fand, riss Udo Lindenberg mit dem Panik-Orchester und mit seiner schnoddrigen Alltagssprache die Türen weit auf. Dass er mit seinem bislang letzten Album Stark wie Zwei ein Udonautisches Album allererster Güte vorlegte und damit einen Riesenerfolg feiern konnte, haben nicht mehr allzu viele erwartet, aber für überraschende Lindenwerke war der Panik-Präsident ja immer wieder gut. Zu seinem 65er jedenfalls gibt es in Neuauflage zwei Bildbände, und wir zeigen euch, was man darin sehen und lesen kann. Und auch ein guter Freund von Lindenberg feierte dieser Tage (seinen 70.) Geburtstag: Eric Burdon. Und weil wir schon bei der Zahl 70 sind: Am 24.5. wird Bob Dylan 70; rund um seinen Geburtstag sind eine Vielzahl an Festivitäten im Gange, auch in Wien, z.B. ein mehrtägiges Symposium mit internationalen und hiesigen Dylanologen (19.-21.5.) im Amerikahaus, bis hin zu einem mehrstündigen Gesprächsabend am 26.5. in der Arena Bar (1050 Wien) mit Musikern, Literaten, Schauspielern und sogar einem Zen Meister, Live-Musik inklusive. Mehr über Dylan gibt es im nächsten Kulturbrief. Für diese Ausgabe sind wir einige Fragen nachgegangen, z.B. Wie Branka sich nach oben putzte, ob sich Nadine Beiler für das Song Contest Finale von Mireille Mathieu etwas auslieh, und warum Prokrastination zum Kurzschluss führt. Darüber hinaus gibt es wie immer einige Interviews, diesmal mit den MCs Flip, Huckey, Laima und Skero von Texta, sowie mit Edo Zanki, Julia Neigel und Lizzie Nunnery.
Gibt also wieder viel zu lesen und somit wünscht die Redaktion gleich mal eine lesefreudige Kulturwoche. (Manfred Horak; 19.5.2011)
In dieser Ausgabe beschreiten wir lange Wege.

viennafair-0003-2011Wir berichten über die emotionale Identifikation und dem Qualitätssiegel der Musik Box Austria, wir befassen uns ausführlich mit Alben wie "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit", kurz: DMD KIU LIDT, wir sprachen mit Sängerin Mary Lamaro von der Mary Broadcast Band, wir unterhielten uns mit dem Klassikmusiker Firmian Lermer über Mozarts Divertimento und führten ein Interview mit der Fotografin Nadja Meister über Pressefotografie als Beruf und Leidenschaft. Und: Wir werfen einen Blick auf Viennafair 2011 und haben nochmals nachgehört, was ein Solitär wie Bob Dylan auf seinem Debüt-Album sang (er wird im Mai 70 und - z.B. am 26.5. in der Arena Bar Wien - groß abgefeiert). Darüber hinaus gibt es jede Menge Rezensionen, sowie Konzertkritiken - von Pearl Jam, Paul Simon, Bruce Cockburn und Richard Thompson bis hin zu Texta, Bodo Wartke und In Extremo. Wir hörten vergleichsweise die neuen Alben von Attwenger und von BAP auf CD und im guten alten Vinyl-Format, und wir befassten uns mit Begriffen wie "Extremismus" und "totalitär" anhand des Buchs Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich. Schließlich bieten wir Euch noch einige Live-Tipps, allen voran das Seewiesenfest im oberösterreichischen Kleinreiflingen am 28. Mai. Es gibt also wieder jede Menge zu lesen und zu hören. Die Redaktion wünscht somit eine unterhaltsame Kulturwoche. (Manfred Horak; 11.5.2011)
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Gewinnspiele
Getting Ready for Christmas Day

the-dead-class-gewinnspielheißt das erste Lied auf dem neuen Paul Simon Album "So Beautiful or So What". Aber keine Sorge: Das Rennen um das erste Weihnachtsalbum 2011 ist damit nicht eröffnet, man kann es eher in jene Sorte von Song einordnen, wie wir es bereits z.B. von Lou Reed ("Xmas in February") oder von Steve Earle ("Christmas in Washington") kennen. Paul Simon ist nicht der einzige aus der älteren Musikergeneration (der Mann wird heuer 70), der ein neues gutes (wenn nicht sogar sehr gutes) Album vorlegt, da wäre z.B. auch Bruce Cockburn mit "Small Source of Comfort". Und weil jeder vom Paul Simon Album schwärmt (wie erwähnt, es ist ein gutes) - was Cockburn da vorlegt ist phänomenal, nicht nur, wenn er im Song "Call me Rose" singt: "My name was Richard Nixon only now I'm a girl / you wouldn't know it but I used to be the king of the world." Ho! Ho! Ho! Der 66-jährige Kanadier tourte übrigens immer wieder mal mit Richard Thompson, der wiederum im Vorjahr das Album "Dream Attic" veröffentlichte und heuer zum Jazzfest Wien und zum Musikfest Waidhofen/Thaya kommt. Nach 26 Jahren Österreich-Abwesenheit! Das muss groß gefeiert werden, so wie ja auch Bob Dylan zum 70er in Wien groß abgefeiert wird.

Aber halt, das sind ja eigentlich alles noch zukünftige Themen, die wir näher beleuchten werden, in dieser Ausgabe kommen andere zum Zug. Belle & Sebastian z.B., die am 16.4. im Gasometer aufspielen werden, sowie die junge Punk Band The Dead Class aus Liverpool, zu hören am 4. und 5. Mai in Wien und in Linz. Des weiteren haben wir ein Interview mit dem in Wien lebenden Musiker Matthias Jakisic geführt, der gleich 5-mal in der Kategorie "Hervorragende Musik" für "Stella 11" - den Preis für Darstellende Kunst für junges Publikum - nominiert wurde, und wir sind sowohl von der österreichischen Jazzpianistin Julia Siedl begeistert, die mit ihrem Quartett das hervorragende Debüt-Album "Minisawattack" vorlegt, wie auch von Billisich & Band und ihrem Album "Lasterlieder". Beide Bands sollte man unbedingt auch live hören.

Und aus. Die Redaktion wünscht eine erfrischende Kulturwoche. (Manfred Horak; 8.4.2011)
Anthropozän
avishai-cohen
Wir Menschen sind doch so was von toll, wir schaffen komplexe Vorgänge, können, dem Urknall auf der Spur, bis weit in die Vergangenheit blicken [und manche sogar in die Zukunft, Stichwort Zukunftsforscher, wobei ein Zukunftsforscher, Karlheinz Steinmüller, einmal relativierend meinte: "Prognosen machen wir ganz selten. Wir haben da eher den Spruch von Mark Twain verinnerlicht: 'Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.'"; Anm.], kreieren nicht nur Kunst, sondern auch Kunststoff, quasi einen Plastic Planet; wir verformen ganze Landstriche und wir sind ein Hort an Experten. Blöd nur, dass wir Experten an Überheblichkeit leiden und tatsächlich glauben unzerstörbares zum Wohle der Menschheit schaffen zu können - ob zu Lasten der Natur ist dabei sekundär, wie uns Tiefseebohrungen oder eben todsichere Atomkraftwerke zeigen. All dies gehört übrigens genauso ins Zeitalter der Menschen (Anthropozän) wie die Begriffe "Lebensstandard" und "Technologie". Wenn man diese zwei Faktoren und die Bevölkerungszahl miteinander multipliziert ergibt sich der Einfluss der Menschen, also wie der Mensch die Welt verändert (ausführlich nachzulesen in der März 2011-Ausgabe von National Geographic).
Kunst und Kultur bzw. Künstler an sich sind dabei oft Reflektoren, Spiegelvorhalter, Warner. Rio Reiser z.B. schrieb 1987 das Lied "Wann" (zu hören auf seinem Album Blinder Passagier): "Du sagst, du willst die Welt nicht ändern, und ich frag mich, wie machst Du das nur? / Du bist doch kein Geist in der Flasche und du bist auch kein Loch in der Natur. / Denn nach jedem Schritt, den du gehst und nach jedem Wort, das du sagt, / Und nach jedem Bissen, den du ißt, ist die Welt anders als sie vorher war. […] Du sagst, du willst die Welt nicht retten, das ist dir alles ne Nummer zu groß. / Und die Weltenretter war'n schon so oft da, nur die meisten verschlimmern's bloß. / Und doch fragt mich jeder neue Tag, auf welcher Seite ich steh. / Und ich schaff's einfach nicht, einfach zuzusehen, wie alles den Berg runtergeht. […] Du sagst, du willst die Welt nicht ändern, dann tun's eben andere für dich. / Und der Wald, in dem du vor Jahren noch gespielt hast, hat plötzlich ein steinernes Gesicht. / Und die Wiese, auf der du gerade noch liegst, ist morgen ne Autobahn. / Und wenn du jemals wieder zurückkommst, fängst alles wieder von vorne an. / Wann, wenn nicht jetzt? / Wo, wenn nicht hier? / Wie, wenn ohne Liebe? / Wer, wenn nicht wir?"
In diesem Sinne wünscht die Redaktion eine spannende und möglichst strahlenfreie Kulturwoche. (mh)
Kulturbrief-Abo
Gewinnspiele
"Na, Kleine(r), willst Du lieber mit Mama oder Papa ins Gefängnis oder willst Du lieber in ein Heim kommen bevor ihr abgeschoben werdet?"

purple-sheep-2-2011
Am 22. Februar 2011 soll im Ministerrat die Novelle zum Asyl-, Fremdenpolizei- und Niederlassungsgesetz verabschiedet und im März im Parlament beschlossen werden. Das bedeutet eine der menschenverachtendsten Gesetzesnovellierungen in der Geschichte der Republik Österreich mit einer klaren Überschreitung der Grenzen der Menschwürde. Es wurde daher getan, was einfach zu tun war - es wurde ein Zeichen gesetzt. Gedreht wurde ein Spot mit dem Titel Lass ma's bleiben!, mit dabei u. a. Josef Hader, Lukas Resetarits, Gregor Seberg und Robert Palfrader. Es ist ja eigentlich schon beschämend, dass ein derartiger Spot überhaupt gedreht werden musste, und Fragen ergeben sich natürlich auch zuhauf, z.B.: Was sehen eigentlich all jene, die an dieser Novelle mitgearbeitet haben, tagtäglich, wenn sie in den Spiegel blicken? In diesem Sinne wünscht die Redaktion möglichst wenig Einfalt, sowie ein klares Veto gegen die geplanten gesetzlichen Verschärfungen. (mh)

copyrightDie IG Autorinnen Autoren, die Literar-Mechana und der Verlegerverband erklären das Jahr 2011 zum Jahr der Urheberrechte, das ist auch bitter notwendig, denn die Position der Urheber ist, vorsichtig formuliert, diffizil.