Neben Warm-up-Drinks und Fingerfood wurde eine Vorschau auf das heurige Filmgeschehen kredenzt, das bunter nicht sein könnte.

Ein Eröffnungsfilm, der unter die Haut geht

Im Rahmen der Programmvorschau am 31.1.2019 ließen es sich die beiden Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber nicht nehmen, die Hüllen rund um den Eröffnungsfilm fallen zu lassen und die Regisseurin so wie einen Teil des Casts vor Ort zu begrüßen. Nach Filmen wie "Die Vaterlosen" (2011), „"Was hat uns bloß so ruiniert" (2016) oder "Gruber geht" (2015) erfindet sich Regisseurin Marie Kreutzer in ihrem jüngsten Projekt gänzlich neu. Mit "Der Boden unter den Füßen" legt sie einen ‚archetypischen Eröffnungsfilm’ vor und damit einen markanten Grundstein des diesjährigen Festivalprogramms. "Ich mache eigentlich immer, was mich interessiert. Der Boden unter den Füßen war eine neue Herausforderung für mich und ich fand es ein wenig schwierig, alles in eine Form zu bringen beziehungsweise einem bestimmten Genre unterzuordnen", beschreibt die Regisseurin den Entstehungsprozess ihres neuesten Werks. Die Herausforderung wurde offenbar mit mehr als Bravour gemeistert: Kreutzers Film ist nämlich sowohl bei der Diagonale als auch bei der Berlinale vertreten.

Auf der Suche nach ihren Nächsten

In "Der Boden unter den Füßen" gibt sich ein großartiges Schauspielerinnenensemble die Hand. Valerie Pachner ("JACK", "Egon Schiele - Tod und Mädchen"), Pia Hierzegger ("Wilde Maus", "Was hat uns bloß so ruiniert") und Mavie Hörbiger ("Anna Fucking Molnar", "Axolotl Overkill") bilden den Kern des Ensembles und tragen die Handlung des Films auf eine authentische Art und Weise nach außen. Das Drama handelt von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Lola (Valerie Pachner) geht in ihrer Rolle als Jetset-lebende Unternehmensberaterin auf, während ihre ältere Schwester Conny (Pia Hierzegger) dem schnelllebigen Alltag ihrer Schwester mit einem Suizidversuch einen Strich durch die Rechnung macht. Im Zentrum steht die Frage, wie viel Platz für Familienstrukturen im eigenen Berufs-und Privatleben 'reserviert' werden soll. Marie Kreutzer greift in ihrem neuen Werk eine heikle wie bitter alltägliche Thematik auf, die mit dem Fortschreiten der beschleunigten kapitalistischen Gesellschaft gleich einem Damoklesschwert über allem fungiert. Gedreht auf 35 mm schickt Marie Kreutzer ihre Protagonistinnen auf eine Suche nach ihren Nächsten, sich selbst und nach der ganz eigenen Definition von Glück.

Kino zum Fühlen und Verstehen

Das vierte Jahr unter den Intendanten Höglinger und Schernhuber fasst aktuelle gesellschaftliche und politische Debatten auf und versteht sich als ein 'Ort der Auseinandersetzung und Diskussion'. Rund um das Kernprogramm laufen die historisches Specials "Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)", "Zur Person: Hanno Pöschl" sowie das Ludwig-Wüst-Tribute "Theater-, Kino-, Holzarbeit", die auf eine Reise durch 100 Jahre Filmgeschichte einladen. Die Diagonale zelebriert sich und die Filmwelt nach dem Motto "Für immer Kino. Um zu fühlen. Um zu verstehen." Man darf also durchaus gespannt sein auf das heurige Festivalprogramm der Diagonale. Und darauf, hoffentlich so viel zu fühlen und zu verstehen wie nur möglich, wenn es am 19. März 2019 dann endlich heißt: "Film ab!" //

Interview mit Valerie Pachner

 

Kulturwoche.at: Inwiefern identifizieren Sie sich mit ihrer Rolle als Lola?

Valerie Pachner: Ich muss zugeben, zu Beginn war es kein Leichtes, in die Rolle der Lola hineinzuwachsen. Sie schien mir fern und unsympathisch, und ist generell ein harter Charakter. Sie hat eine innere Anspannung innewohnen, die es nicht gerade leicht war, nach außen zu tragen. Mich hat jedoch die Komplexität und Backgroundgeschichte der Figur sehr bewegt und mit der Zeit habe ich für die Rolle sogar eine Art Mitgefühl entwickelt.

Berlinale und Diagonale - wie erleben Sie die Stimmung bei den Festivals?

Ich muss sagen, dass ich bei meiner Arbeit eigentlich gar nicht an das Festival denke, sondern dass für mich die Freude an der Arbeit selbst im Vordergrund steht. Natürlich ist es aufregend und eine Ehre, dabei zu sein, aber für mich überwiegt die Freude am Prozess des Schauspiels.

Ein Filmdreh auf 35 mm klingt irgendwie untypisch. Wirkt sich das auf den Dreh selbst aus?

(lacht) Nein, da gibt es keinen Unterschied. Es mag vielleicht ein wenig unüblich klingen, aber auf den Dreh und das Spiel hat es keine Auswirkungen.

Darf man fragen, ob bereits kommende Projekte geplant sind?

Ja, für mich geht’s bald nach London, wo ich den neuen „Kingsman“-Film drehe. Darauf freu ich mich schon sehr. //

Text und Interview: Katharina Hoi
Fotos: Miriam Raneburger