Wie geht es weiter; Foto: Gerhard Breitwieser

Wie geht es weiter - die gelähmte Zivilgesellschaft ist nicht die Überschrift für eine Reportage oder einen wissenschaftlichen Artikel, sondern der Titel für die vom aktionstheater ensemble durchgeführte Untersuchung der Gegenwart.

Wer das aktionstheater ensemble rund um Martin Gruber und Martin Ojster kennt, weiß, dass ihre Stücke immer Reaktion sind auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen. Dabei ist die neueste Produktion des aktionstheater ensemble diesmal so richtig poetisch, mit beigen Spitzen besetzt, Beinahe-Ballett-Schühchen ausgestattet und dazu passenden Bewegungen, umflossen von einem musikalischen Traumthema.

Nacht und Träume

Dieses Lied von Franz Schubert, wunderbar sphärisch gesungen von Pete Simpson, trägt ganz viel zur Stimmung des Theaterabends bei. Die 1823 entstandene Vertonung eines Gedichtes von Matthäus von Collin wird als durchkomponiert bezeichnet. Im Falle von Schubert bedeutet dies, dass seine Musik dem Text folgt und ihn in Klang übersetzt. So ist es auch mit "Wie geht es weiter - die gelähmte Zivilgesellschaft". Es ist ein durchkomponiertes Stück in Form einer Collage. Sprache, Rhythmik und Dynamik vereinen sich zu einer Impression. Die ist natürlich individuell für jede*n Zuschauer*in, auch deshalb, weil das gezeigte gesellschaftliche Panoptikum Wieder- und Selbsterkennungswert hat.

Das ist ein Riesenthema bei uns

Umweltschutz, Soziale Gerechtigkeit, Globalisierung, Afrika werden als gesellschaftsbewegende Themen postuliert - neben Selbstbefriedigung, Zahlenmagie, zuckerreduziertem Speiseplan, steuerfreundlichen Investitionen und Delogierungsgefahr. Wo die eine Sex im Überfluss hat, besteht bei den anderen oftmals Notstand. Eine reizvolle Metapher für unsere Gesellschaft, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle, die Kontinentaldrift und den Culture Clash.

Sein oder Nichtsein versus Jetzt erst recht

Szenenfoto aus dem Theaterstück Wie geht es weiterWo Hamlet zögert und zaudert und sich am liebsten dem Schlaf als Zwischenlösung zwischen Leben und Sterben hingeben möchte, haben Regierende der Gegenwart - Zack! Zack! Zack! - einfache Lösungen parat. Für Martin Gruber ist "Wie geht es weiter - die gelähmte Zivilgesellschaft" der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen einen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren. Eine Gesellschaft, die das Opponieren den Kids von #FridaysForFuture überlässt.“

Switch

Aus vorangehenden Stücken bekannt, ziehen die aktionstheater ensemble-Akteur*innen diesmal ganz andere Seiten auf. Michaela Bilgeri versprüht einen Hauch von Wahnsinn zwischen Wollust und Betroffenheit, Maria Fliri zeigt an staubigen Sockelleisten gescheiterte linke Wohlstandszerknirschung , Andreas Jähnert versteht Homophobie-Ausbrüche des ansonsten sprachlosen Kumpels, Thomas Kolle verdonnert als spitzbübisches Wohlstandskind die Eltern zu ungeplanten Ausgaben, Fabian Schiffkorn rhythmisiert und weist den Weg zur Marslandschaft als möglicher Alternative zur Jetzt-Welt, Benjamin Vanyek pudelt sich überzeugend zu einer echt Wienerischen Schimpftirade auf und regrediert zum Kind.

Allzu menschlich

Spürbar sind den Schauspieler*innen Facetten des Dargestellten bekannt oder nachvollziehbar, ergo wird nicht angeklagt, wohl aber gekonnt, dynamisch und empathisch zur Schau und Diskussion gestellt. Das Publikum kann sich im allzu Menschlichen leicht wiederfinden. Über die große Frage des Auftauchens aus dem Wohlstandstraum/a kann dann ja konsterniert über die Treffsicherheit des Gesellschaftsportraits beim gemütlichen Achterl nach der Vorstellung philosophiert werden. //

Text: Ruth Kanamüller
Fotos: Gerhard Breitwieser

Wie geht es weiter - aktionstheater ensembleWie geht es weiter - die gelähmte Zivilgesellschaft
von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
Bewertung: @@@@@
Kritik zur Uraufführung im Rahmen des Bregenzer Frühlings im Theater Kosmos: 4. Juni 2019
Dauer ca. 70 Minuten, ohne Pause

Hinter der Bühne:

Regie, Skript, Choreographie: Martin Gruber
Dramaturgie, Produktionsleitung: Martin Ojster
Musik, Komposition: Kristian Musser
Video: Bildwerk X Valence
Sounddesign: Thomas Bechter
Regieassistenz: Laura Loacker
Schneider, Körpertraining: Lukas Orphéo
Assistenz: Hacer Göcen
Technik: Andi Fitz, Forentina Kubizek

Auf der Bühne:

Darsteller*innen: Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek Gesang: Pete Simpson

Weitere Termine:

Werk X, Wien Meidling: 12., 13., 14., 15., und 16. Juni, jeweils 19:30 Uhr