Jörg Weinöhl hat mit "Sommernacht, geträumt", seiner letzten Arbeit als Ballettdirektor der Grazer Oper, Shakespeares Worte und Stückinhalt stimmungsvoll in die Sprache des Tanzes übersetzt und verwandelt. Wenn zu Beginn des Abends bei Felix Mendelssohn-Bartholdy höchst persönlich das Telefon läutet und er sagt: "Die Kinder sind im Wald beim Spielen", taucht man mit dem scherzo in seine, gerade entstehende Komposition "Sommernachtstraum" und in das, von Jörg Weinöhl geträumte, "Tanzspiel", frei nach Motiven von William Shakespeare, ein.

Zeitebenen beginnen sich zu vermischen.

Der Athener Theseus (großartig Simon Van Heddegem als Theseus und Oberon) raubt die Amazonenkönigin Hippolyta (ausdruckstark Bárbara Flora als Hippolyta und Titania) und will sie heiraten. Eisiges Schweigen erfüllt nun den Athener Hof und somit die Bühne, besonders dann, wenn Theseus die gesellschaftlich unerwünschte Liebesverbindung zwischen der jungen Hermia (Astrid Julen) und Lysander (Daniel Myers) trennt. "Schöne Welt, wo bist du? Kehre Wieder. Holdes Blütenalter der Natur", singt Andrea Purtić, begleitet von Philipp Scheucher am Hammerflügel mit Schuberts "Götter Griechenlands" im Hause Mendelssohn. Zeitebenen beginnen sich zu vermischen.

Bewegung und Kraft der beiden Naturgeister

Die jungen Verliebten, Hermia und Lysander, fliehen in den Wald, gefolgt von Demetrius (Enrique Sáez Martínez), der Hermia heiraten möchte und Helena (Clara Pascual Martí), die wiederum unglücklich in Demetrius verliebt ist. Erst im Wald, seit jeher ein mystischer Ort, in dem man sich verlaufen und finden kann, ein Ort der Initiation, erklingt die Ouvertüre aus dem "Sommernachtstraum". Die Natur lebt - und tanzt. Der Elfenkönig Oberon und Titania befinden sich im beiderseitigen Eifersuchtsstreit. Die langen, fließenden, lindgrünen Röcke von Saskia Rettig unterstreichen die Bewegung und Kraft der beiden Naturgeister, deren Stimmung sich auf das Gleichgewicht der Natur auswirkt. Begleitet vom Damenchor der Grazer Oper, bereiten entzückende, zarte Elfen (Martina Consoli, Kana Imagawa, Marina Schmied) den Schlafplatz für Titania, die sich Oberon entzogen hat. Oberon sinnt darauf, Titania zu strafen und gleichzeitig hat er Mitleid mit der unglücklich verliebten Helena und möchte helfend in das Liebesglück der Menschen eingreifen...

Die Verwirrung der Gefühle im Inneren des Waldes

Der Spielleiter Mendelssohn, tief eingedrungen in die Komposition seines Werkes, lenkt nun als Puck (charismatisch Chris Wang) weiter die Geschicke des Abends. In "4 x 10 Minuten" rast er um die Welt, um für Oberon die Zauberblume (bei Jörg Weinöhl eine zarte Feder) zu finden. Jeder, der damit an den Augen berührt wurde, verliebt sich blind, in den oder die man beim Erwachen zuerst erblickt. Lysander und Demetrius sehen nun plötzlich Helena, sowie Titania den, in einen Esel verzauberten, Handwerker Zettel, der im Wald mit seiner Theatergruppe proben wollte, durch eine rosarote Brille. Auf diese Weise bekommt ihre närrische, versehentliche Verliebtheit, auch optisch etwas unfreiwillig Komisches. Soweit die Geschichte, wie man sie kennt. Die Verwirrung der Gefühle im Inneren des Waldes ist perfekt. Doch es wäre nicht ein Traum, wenn er nicht durch Sackgassen, Wiederholungen, Sprünge, Irritierendes und Absurdes im Handlungsverlauf gekennzeichnet wäre - und so lässt auch Jörg Weinöhl diese Elemente sowohl in die Choreographie, als auch in die Abfolge und Auswahl der Musikstücke seines Tanzspiels einfließen. Die Begegnung junger Menschen ist heute oft von Äußerlichkeiten geprägt. Nicht nur, wie attraktiv man den anderen findet, auch was man "trägt" spielt dabei eine Rolle. "Tous les mêmes" des belgischen Künstlers Stromae schafft den musikalischen, wie ästhetischen Bruch zur Jetztzeit in einem Catwalk der coolen gegenseitigen Abschätzung und Präsentation aller handelnden Charaktere.

Drei Zelte an einem See und der zweite Satz von Mozarts Klavierkonzert in A-Dur

Das philharmonische Orchester im Orchestergraben wird durch ein unschuldig-poetisches Kinderorchester auf der Bühne gespiegelt. Die sanfte Liebesnacht, welche die tiefe und harmonische Begegnung der drei Paare ermöglicht, leitet den zweiten Teil des Abends ein. Oberon und sein Vertrauter Puck sorgen dafür, dass die richtigen Liebenden einander erkennen. An der Schwelle zum nächsten Morgen, weckt Oberon seine Titania mit neuer, verständnisvoller Liebe und bewusster Entscheidung zu ihrer Verbindung aus dem trugbildhaften Schlaf, während für Zettel (wunderbar zerrissen und ungläubig João Pedro de Paula) nur noch ein schräges Bild an einer neutralen schwarzen Wand als vage Erinnerung an seinen Traum übrigbleibt. Und während er vergeblich nach den letzten Traumfetzen greift, um zu verstehen, was geschehen war, spendet Udo Jürgens Zuversicht, denn "immer wieder geht die Sonne auf". Schließlich erklingt der Hochzeitsmarsch, denn der Traum von Gemeinsamkeit endet für die jungen Liebenden und dem Paar Theseus und Hippolyta natürlich in einer, auch für alle anderen sichtbaren und bewertbaren, heutigen Form: in Saskia Rettigs wunderbarem Papp-Doppelhaus, wo a cappella Brahms "Waldesnacht" den erträumten Frieden beschwört. Doch für Jörg Weinöhls Traum kommt es anders: Hippolyta trennt sich im Streit von Theseus und geht unabhängig ihren Weg - und auch die jungen Menschen ziehen, nach einer ersten Besichtigung, gar nicht wirklich ein. Das einstige Ziel erscheint plötzlich in einem anderen Licht (dessen Farben Bernd Purkabek präzise in den Bühnenhimmel malte), das Reihenhaus schrumpft in sich zusammen und wird verkauft. "Sold" - ein eindrückliches, geschriebenes, Wort am Ende dieser geträumten Sommernacht, das zwar durch den Segenswunsch der Elfen für das Glück der Menschen "singt und segnet diesen Ort" und durch Pucks letzten Tanz gemildert wird - aber dennoch eine gewisse Melancholie hinterlässt.

Neue Träume

Jörg Weinöhl hat mit seiner letzten Arbeit als Ballettdirektor der Grazer Oper nicht nur den Inhalt von Shakespeares "Sommernachtstraum" stimmungsvoll in die Sprache des Tanzes und ein Handlungsballett übersetzt, sondern davon ausgehend, vielschichtige Traumbilder erschaffen: voll Poesie, voll Sehnsucht nach Begegnung mit dem anderen und sich selbst, im Einklang oder auch nicht mit der beseelten Natur, zart und zugleich hart im Kontrast zu heutigen Vorstellungen von Liebe, Beziehungen und dem Umgang mit einander und doch, wie in all seinen Tanzabenden, mit feinem Humor. Aber darüber hinaus, schwingt am Ende für das, auf diese Weise traumhaft verzauberte und begeisterte, Publikum der Premiere, Wehmut über die unerwartet frühzeitige Beendigung seiner Direktionszeit in Graz mit. Das scheint für das Publikum, wie für sein ausgezeichnetes Ensemble einem vorzeitigen Erwachen gleichzukommen, aus einem Traum, der auf seine Weise einzigartig und in den letzten drei Jahren für den Tanz in Graz wegbereitend gewesen ist und der eigentlich noch nicht zu Ende geträumt war. Jörg Weinöhl selbst wird ihn wohl an einem andern Ort weiterträumen. //

Text: Andrea Schramek
Fotos: Leszek Januszewski

Kurz-Info:
Sommernacht, geträumt
Bewertung: @@@@@
Kritik zur Premiere am 7.5.2018 in der Oper Graz
Tanzspiel von Jörg Weinöhl
Frei nach Motiven von William Shakespeares "Ein Sommernachtstraum"
Zu sehen bis 24.6.2018 an der Oper Graz

Demnächst:
Ein Gespräch mit Jörg Weinöhl in der Podcast-Reihe Kulturviertelstunde von Kulturwoche.at