Dreihundertfünfundsechzig Gedanken sind auch ein Jahr.

Was bleibt von einem Jahr übrig? Geschichtsbücher geben Auskunft darüber, immer öfter auch Wikipedia und nicht zu vergessen das private analoge Gedächtnis im persönlichen Tagebuch. Letzteres ist die Grundlage für die dokumentarische Performance "Dreihundertfünfundsechzig + Mein dokumentiertes Leben im Jahr 2016", das im Rahmen von Wien Modern im Dschungel Wien über die Bühne geht. Auf der Bühne sind nicht nur die vier Tagebuch-Dokumentaristen und der achtköpfige Chor zugegen, sondern auch das gesammelte Publikum. Die Sitzreihen selbst bleiben hingegen über weite Strecken des Stücks verwaist. Vom Band kommen die platten Sounds von Bernhard Fleischmann.

Ich weigere mich, Angst zu haben

Terroranschläge, Falschmeldungen, Bundespräsidenten-Wahl in Österreich, Schularbeiten, der Tod von David Bowie und Leonard Cohen (auf Prince wurde vergessen), Identitäre im Burgtheater, Erdogan, Trump, Aleppo, EM und Brexit - die vier Protagonisten notierten gründlich und stellen Sinnfragen wie "Warum passiert eigentlich so viel? Warum passiert mehr und mehr?" in den Raum. An manchen Stellen glaubt man sich mitten in einem Stichwortverzeichnis, aber es steckt doch weitaus mehr dahinter, auch Dank des Quartetts Cristina Maria Ablinger, Wolfgang Fahrner, Daniela Graf und Sarah Scherer, das die gebündelten Gedanken nuancenreich und pointiert erzählt, sowie das Chor-Oktett mit den szenisch dargestellten Tagesabläufen.

Manchmal muss man Zeit haben, um Stefan Zweig zu lesen

'Heroes' von David Bowie wird auch gesungen, na ja, vielmehr angedeutet, persönliche Befindlichkeiten thematisiert und überlegt was gegen Missstände unternommen werden kann, nachdem eine Zeitung die Österreich-Karte "ganz blau" zeigte. Resignation ist die Folge. Ablenkung bieten dabei Katzenvideos, die "sind immer gut. Vor allem an Tagen wie diesen." Persönliche Schicksalsschläge wie der plötzliche Tod einer Freundin, Gewalt, Krieg, IS ergeben den ureigenen Weltschmerz. Der Glaube an das Gute hält sich versteckt, das Leben ist kein Hit, sondern eher ein schlechter Scherz. Gefühlslagen. Unbehagen. Stefan Zweig bringt einem da über die Runden, nur Zeit braucht man halt ihn zu lesen.

Endlich aus meinem Leben verschwinden

Gab es denn gar keine positiven Einträge? Die Gedanken verselbständigen sich und wühlen - aber da gab es tatsächlich nicht viel. Okay, Bob Dylan erhielt den Nobelpreis für Literatur, aber sonst? Ach ja richtig, Sommerurlaub! Die Rettung. Die vier Protagonistinnen erzählen von ihren Reisen und das hört sich richtig gut an, wie sie da aus ihrem Leben verschwinden, wohin es sie zieht und was sie da machen, wenn auch nur für kurze Zeit, bis der Alltag wieder überhand nimmt. Trotz allem, was 2016 in der Welt passierte, hält die positive Lebenseinstellung die Oberhand., denn merke: "We can beat them / For ever and ever / We can be 'Heroes' / Just for one day / What you'd say?" //

Text: Manfred Horak
Fotos: Reinhard Winkler

Dreihundertfünfundsechzig +
Bewertung: @@@@
Kritik zur Wienpremiere am 21.112017 bei Wien Modern im Dschungel Wien
Performance, 80 Min.
Theater foXXfire! & theaternyx*
Regie: Claudia Seigmann
Nach einer Idee von: Corinne Eckenstein
Textfassung: Claudia Seigmann, Claudia Tondl
Musik: Bernhard Fleischmann
Bühne: Georg Lindorfer
Kostüm: Antje Eisterhuber
Regieassistenz: Carmen Jelovcan
Schreibende: Hayam und Sadek al Alwani, Katrin Edtmayr, Hannah Ernst, Lena Hödl, Anna Kassmannhuber, Yuria Knoll, Sophia Moustakakis, Apollo Pamperl, Clara Porak, Franziska Ruspeckhofer, Iris Schimpelsberger, Kim Wallgram
PerformerInnen: Cristina Maria Ablinger, Wolfgang Fahrner, Daniela Graf, Sarah Scherer
Chor: Florian Haneder/Lino Eckenstein, Anna Kassmannhuber, Lena Lammer, Lorenz Manzenreiter, Atsut Moja Calle, Viktoria Rauchenberger, Christine Tielkes, Hanna Wirleitner