impulstanz14-phenomenaDie Schlusswoche des ImPulsTanz Festivals bot Tanz-Kulinarik unterschiedlicher Gar-Stufen. Die Highlights: Die Wiederaufnahme von Chris Harings / Liquid Loft Talking Head, sowie The Lee Ellroy Show von Hans Van den Broeck / Cie SOIT und Ismael Ivo / Grupo Biblioteca Do Corpo mit Erendira.

Wie kommunizieren Cyborgs? - Liquid Loft Talking Head

An Empathie scheint es ihnen zu mangeln: den Cyborgs, den Mensch-Maschinen. Aber das machen sie damit wett, dass sie das Gegenüber so lange mit Wortkaskaden zutexten, bis dieses glaubt, es hätte etwas von fundamentaler Bedeutung vernommen. Verständigung ist hier ein eher nachgereihtes Ziel. Viel wichtiger: Selbstdarstellung und Verpackungskunst.

Früher hat man noch einfach miteinander geredet - und heute?

impulstanz14-talkingheadApropos Verpackung: Auf der Bühne liegt ausgebreitet ein Karton (Bühne und Lichtdesign Thomas J. Jelinek) und in die Bühnenmitte sind Bilder projiziert, die unterschiedlich bearbeitet sind - u.a. gestretcht, verzerrt, im Fisheye-Style. Man hört die Stimmen einer Frau und eines Mannes - schön war das früher! Da hat man noch einfach miteinander geredet. Heute - in der Twitter-YouTube-Facebook-Generation - passiert wohl eher das, was jetzt auf der Bühne stattfindet: Ein Mann und eine Frau (Luke Baio und Stephanie Cumming) schälen sich unter dem Karton hervor, gehen zu Laptops auf den gegenüberliegenden Bühnenseiten, drehen einander den Rücken zu und kommunizieren via Webcam miteinander. Oder besser nebeneinander her und aneinander vorbei.

Die ewige Suche nach dem NEUEN in der Kunst

Die ganze herrliche (höchst authentische) Gesprächssimulation kann man, als Projektion in die Bühnenmitte gehievt, mitverfolgen. Es geht um Kunst, um Choreographie, um Räume, um Perspektivenwechsel und nicht zuletzt auch um intellektuell klingenden Fach-Nonsens, leere Worthülsen. Auch geht es um die ewige Suche nach dem NEUEN in der Kunst: Aus den sich ständig wiederholenden Elementen kann man doch einfach mittels Video-Art etwas ganz anderes zu erzeugen! Wenn dann auch noch die Bewegung der Performer dazu kommt, ist der Körper ein weiteres, die Sprache korrumpierendes Element. Eine kluge und witzige Arbeit!

In den dunklen Gefilden der Seele: The Lee Ellroy Show

In verstörende, geniale Bilder hat Choreograf Hans Van den Broeck / Cie SOIT das Trauma des amerikanischen Bestsellerautors James Ellroy gefasst. Filmemacher David Lynch lässt dabei herzlich grüßen. Albtraum-Realitäten ergreifenvon den Figuren Besitz. Der belgische Choreograf orientiert sich an dem autobiografischen Buch My Dark Places, in dem Ellroy den gewaltsamen Tod seiner Mutter und seine dadurch ausgelösten Obsessionen aufgreift, die ihn Zeit seines Lebens verfolgen.

Dunkle Schatten der Vergangenheit

impulstanz14-leeelroyshowAuf der Bühne wechseln Anuschka Von Oppen und Jake Ingram-Dodd am laufenden Band die Rollen. Kongenial muss man sagen. Von Oppen wird die Perücke vom Kopf gezogen und ihre Bewegungen verändern sich subtil zu den Eigenheiten der neuen Figur: Mal ist sie Moderatorin, dann Ellroys Mutter oder seine Geliebte und eine ermordete Schauspielerin. Ein minimaler Kostümwechsel (Marion Jouffre) ist dabei völlig ausreichend. Ebenso brilliert Jake Ingram-Dodd, sei es, wenn er den  halbwüchsigen oder den erwachsenen Ellroy mimt oder den Mörder seiner Mutter. Ellroys sexuelle Fantasien sind geprägt von dem Trauma des Muttermords, das ihn nie loslässt. In einer Plexiglasbox (Dirk De Hooghe, Bühne / Giacomo Gorini, Licht) optimal konzentriert, manifestieren sich Ellroys dunkle Schatten aus seiner Vergangenheit. Der Kampf zwischen der Mutter und ihrem Mörder wird auf dieser Bühne zu einem Tanzduett - allerdings: mehr zwischen Wölfen als unter Menschen. Großer Applaus!

Cie. Ismael Ivo / Grupo Biblioteca Do Corpo - Erendira

impulstanz14-erendiraIn opulenten Bildern inszeniert Ismael Ivo im Volkstheater ein begabtes 30-köpfiges Ensemble. Das 2009 für die Sparte Tanz der Biennale Di Venezia entwickelte Ausbildungsprogramm für junge Tänzer und Tänzerinnen, Grupo Biblioteca Do Corpo, geht ihn Wien in die zweite Runde. Nach dem Erfolg von "No Sacre" im Vorjahr, widmet der Choreograf sein Stück heuer den unzähligen verschleppten Kindern in der Welt, die zu Zwangsarbeit und Kinderprostitution verdammt sind. Erendira ist als Revue inszeniert, die sich lose an der Erzählung von Gabriel Garcia Marquez Die unglaubliche und traurige Geschichte der einfältigen Erendira und ihrer herzlosen Großmutter orientiert. Bühnenbildner Marcel Kaskeline hat ein Baugerüst, mit mehreren bespielbaren Ebenen, ins Volkstheater gestellt. Ein höchst gelungenes Lichtdesign von Marco Policastro rundet die Szenerie ab, in der 15 brasilianische Stipendiaten und 15 aus dem Rest der Welt, tänzerisch die in der Stilrichtung des Magischen Realismus geschriebene Erzählung umsetzen. In eindrucksvollen Solos und Ensembleszenen zeigen die Tänzer und Tänzerinnen ihr Können.

Magdalena Chowaniec & The Rechnitz Crew - Attan bleibt bei uns

impulstanz14-attanbleibtbeiunsInszenatorisch nicht vollständig überzeugen konnte die thematisch hochinteressante Arbeit der polnisch-österreichischen Choreografin Magdalena Chowaniec - die mit im Burgenland lebenden Jugendlichen deren Erinnerungen an ihre verlorene Heimat Afghanistan sichtbar machen wollte. Sechs junge Flüchtlinge aus dem Haus der Jugend der Diakonie in Rechnitz stellten gestisch Momente aus ihrem Leben nach. Die Zuschauer-Tribünensituation in den MUMOK Hofstallungen war allerdings nicht geeignet, zahlreiche Szenen, die am Boden stattfanden, auch dem Großteil des Publikums näherzubringen: Wichtige Parts der Performance fanden in schlecht einsehbaren Bereichen statt: Darüber hinaus waren die gesprochenen Texte unverständlich und der Wunsch, mehr über diese jungen Menschen und deren Situation und Vorgeschichte zu erfahren, blieb daher unbefriedigt. In einem Interview im Magazin Skug war von der Choreografin zu erfahren, dass die Jugendlichen der Rechnitz Crew aus den sich in ihrem Heimatland bekämpfenden Stämmen der Hazara, Paschtunen und Tadschiken stammen. In Rechnitz leben sie nun unter einem Dach. Aus diesem Stoff, der realen Lebenssituationen entspringt, hätte man sich mehr Substanzielles erhofft. Am Ende von Attan bleibt bei uns tanzen sie, vereint und freudig, den einzigen Tanz, der während der Herrschaft der Taliban nicht verboten war: den Attan, der ein Symbol der nationalen Einheit im Vielvölkerstaat Afghanistan ist.

Backflash in vergangene Zeiten - Phenomena

impulstanz14-phenomena1Auch Georgia Varadarous Arbeit Phenomena im Schauspielhaus überzeugt nur teilweise. Drei Frauen, in einem weißen Bühnenraum - einzig drei rechteckige Farbflecke in gelb, rot und blau am Boden - widmen sich ganz ihrer persönlichen tänzerischen Handschrift. Sie bleiben vorerst völlig bei sich, scheuen sich auch nicht vor absurden Bewegungen. Fast wie zufällig geraten sie, wenn auch nur für kurze Zeit, in Zweierkonstellationen. Auch hier scheinen die Bewegungen nicht voneinander beeinflusst zu werden. Die Körper fügen sich ineinander, ohne sich anzupassen. Die erste Hälfte der Choreografie wird in vollkommener Stille getanzt, bis Remix-Musikstücke von Philip Glass einsetzen, was der ganzen Sache einen neuen Reiz gibt. Als jedoch die Bühne in satten Spektralfarben beleuchtet wird (Salva Sanchis), die Bewegungen immer linkischer und absurder werden und Tyondai Braxtons spaciger Rubric Remix Rework Philip Glass erklingt, ist die persönliche Schmerzgrenze erreicht. Man wähnt sich brutal in die 1980er Jahre katapultiert. Jetzt würde nur noch Peter Schillings Major Tom fehlen: "Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos."

ImPulsTanz-Finale - Prix Jardin d'Europe

Am Sonntag, 17.8.2014 ging schließlich das ImPulsTanz-Festival mit der Verleihung des Prix Jardin d'Europe zu Ende. Nominiert waren 14 Arbeiten aus Europa, Nordamerika und Asien, die im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers Series zu sehen waren. Als Moderatorenteam für der Preisverleihung von Europas höchst dotiertem Tanzpreis für junge Choreografie fungierten Dirk Stermann und Doris Uhlich. Der mit 10.000 Euro dotierte Hauptpreis ging an die US-amerikanische Choreografin Jillian Pena für ihr episches Tanzdrama Polly Pocket. Das Resümee fiel für die Veranstalter des Tanzfestivals mit einer Auslastung von 99 Prozent übrigens höchst zufrieden aus: 32.000 Menschen haben 113 Vorstellungen besucht. Die geplante Reduzierung der Vorstellungen nach dem teuren Jubiläumsjahr zur 30. Ausgabe im Vorjahr habe "das Publikum nicht zugelassen - was uns sehr gefreut hat", so Intendant Karl Regensburger. (Text: Veronika Krenn; Fotos: Max Biskup, Stanislav Dobak, Michael Loizenbauer, Karolina Miernik, Chris Van der Burght)

Kurz-Infos:

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Attan bleibt bei uns

Bewertung: @@1/2
Kritik zur Aufführung am 10.8.2014

MUMOK Hofstallungen

Liquid Loft / Chris Haring
Talking Head
Bewertung: @@@@@

Kritik zur Aufführung am
10.8.2014
Odeon

Cie. Ismael Ivo & Grupo Biblioteca Do Corpo
Erendira
Bewertung: @@@@
Kritik zur Uraufführung am 13.8.2014
Volkstheater
 

Hans Van den Broeck / SOIT
The Lee Ellroy Show
Bewertung: @@@@@

Kritik zur Aufführung am 14.8.2014
Kasino am Schwarzenbergplatz
 

Georgia Vardarou
Phenomena
Bewertung: @@

Kritik zur Aufführung am
15.8.2014
Schauspielhaus