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morton-feldman1"Mich interessiert, wie die Zeit, dieses wilde Tier, im Dschungel existiert, nicht im Zoo", so Morton Feldman, dem im Rahmen des Festivals ein dominanter Schwerpunkt gewidmet ist, den Maximen des Zeit-, Raum- und Klangforschers folgend. Patrick Pulsinger fand überdies im Baumgartner Casino auch den Raum, wo aktuelle Arbeitsweisen als kompositorische Referenzen auf den Urheber treffen.

 

"Ich höre mir Feldmans Musik an, weil sie mich im Hinblick auf die Reduktion und das Spiel mit dem Raum immer interessiert hat", erklärt Patrick Pulsinger zu seinem Projekt. "Er hat den Klang in den Vordergrund gestellt und nicht die Beziehung der Töne untereinander. Das haben wir heute auch: Wenn ein elektronisches Stück aus vier Klängen besteht, müssen diese vier Töne spannend präsentiert werden." Offen für einen Abend in seiner Sinnlichkeit für die Entschleunigung treten daher auch Wolfgang und Wolfgang die Reise in den Westen Wiens an. Kann doch das Baumgartner Casino neben den aktuellen Ereignissen in den kommenden drei Tagen (12.-14.11.2010) auch mit historischer Bedeutung aufwarten: Ab Mitte der 1960er Jahre nahmen hier etwa Friedrich Gulda und Helmut Qualtinger ihre Platten auf, das analoge Tonstudio wurde unlängst nicht zuletzt auf Initiative von Patrick Pulsinger als erhaltenswertes technisches Kulturgut restauriert. Im Sinne Feldmans verzichtet man auf die herkömmliche Bühnensituation und lässt somit Musiker und Publikum zu einem homogenen, beinahe interaktiven, Klang- und Rezeptionskörper vereinen. Wolfgang findet seine Wahrnehmung, der sich im Raum verbreitenden Zeit, über die künstlerische Darbietung hinaus in einer ganz persönlichen Assoziation, und erinnert sich "an meinen letzten Segelturn in Kroatien: leichter Wellengang am Nachmittag, die Crew genießt die Unendlichkeit, die sich um unser Boot breitmacht ... es hätte ewig so andauern können." Obwohl der andere Wolfgang anfangs den fehlenden dramaturgischen Spannungsbogen monierte, ließ auch er sich spätestens in der zweiten Halbzeit im Rahmen des neuen Programms vom Polwechsel mit Kompositionen von Burkhard Beins, Martin Brandlmayr, Werner Dafeldecker und Michael Moser in die unendlichen Weiten seiner Fantasie entführen. Die freundliche spirituelle Unterstützung hat der Gastronom des Abends wohl mit einigem Bedacht ausgewählt und brachte Assoziationsmöglichkeiten aus dem Weinviertel mit: einen leichten, beflügelnden Grünen Veltliner etwa vom Weingut Deiblhof aus Langenlois, den beide aufgrund seiner noblen Zurückhaltung gerne als Begleiter durch den Abend mit auf den Weg nehmen. (Wolfgang Rauscher)

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Wien Modern 2010
Morton Feldman
Patrick Pulsinger
Polwechsel
Weingut Deiblhof