Einst schrieben sie Geschichte, heute sind sie selbst Geschichte - und spielen immer noch. The Who, Roxy Music, Ten Years After, Iron Butterfly, Robert Plant sind nur ein paar der klingenden Namen die sich in St. Pölten einfinden werden.


All Time Stars und One Hit Wonder

Bei diesem Festival der historischen Superlative werden viele schon längst zu Grabe getragene Mythen wiederbelebt. Woodstock. Flower Power. Make love not war. Liebgewordene Töne und Gesichter werden aus den Nebeln der Vergangenheit auftauchen, auf der Bühne werden Musiker stehen die man „damals“ schon einmal gesehen hat und im Publikum wird die meistgestellte Frage wohl sein: „Dich kenne ich doch von damals, warst du nicht bei dem … Konzert?“, dicht gefolgt von „Erinnerst dich noch an die leiwande Zeit die wir damals hatten?“, sowie den Namedroppingerinnerungen und ob die/der noch verheiratet oder schon geschieden sind. Ja, so halt.

Zu zweit sind wir auch wer - The Who

The Who, die genialen Schöpfer der Rockopern „Tommy“ und „Quadrophenia“ und von wahren Hymnen wie „My Generation“ produzierten mit „Live at Leeds“ auch eines der besten Live Alben ever. Mit der Zeile "Hope I die before I get old" gelang der Gruppe rund um Gitarrero Pete Townshend, der auch für alle Who-Kompositionen in Ton und Wort verantwortlich ist, und Sänger Roger Daltrey wohl einer der Sager des Jahrhunderts. Für den vollkommen durchgeknallten Drummer der Band, Keith Moon erfüllte sich der Wunsch bereits 1978, John Entwistle, der Bassist der Truppe folgte ihm 2002 ins Nirvana der Rockmusik und sitzt nun neben seinen alten Kumpanen Keith Moon, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison auf Wolke Sieben.
Im (letalen) Normalfall bedeutet der Abgang von zwei von vier Mitgliedern einer Band wohl immer das endgültige „Aus“ für die jeweilige Formation. Nicht so bei „The Who“. Roger Daltrey und Pete Townshend, die zwei Überlebenden der Urformation trotzten letztendlich sämtlichen unglücklichen Schicksalsschlägen. 1979 z.B. gab es elf Tote bei einem Konzert und in der Folge verfiel Pete Townshend immer mehr dem Alkohol, sodass 1983 schließlich das offizielle Ende von „The Who“ bekannt gegeben wurde. Aber es kam wie es nun mal in der Rockgeschichte kommen musste. Trotz aller internen Querelen und Streitigkeiten der zwei Überlebenden des Bandmassakers kommt es zur Reunion. Daltrey und Townshend rauften sich zusammen, machten sich an die Arbeit und veröffentlichten, neben einem der inzwischen unzähligen „Best of“ Alben im Jahr 2004 zwei neue Songs, das grenzgeniale "Real Good Looking Boy" und die Entwistle-Hommage "Old Red Wine“.
In der momentanen Besetzung Roger Daltrey, Pete Townshend, Simon Townshend (Petes Bruder), John 'Rabbit' Bundrick, Pino Palladino und Zak Starkey (der Sohn von Ringo Starr), sorgen „The Who“ nach wie vor für musikalisches Aufsehen und agieren als Headliner am Samstag frei nach dem Motto „Hope I see u before I get old!” Siehe auch CD-DVD-Tipps am Ende des Artikels.

What’s your Name? - Roxy Music!

Wallende und glitzernde Gewänder, seltsam geschminkte Herren, Federboas lasziv um den androgynen Körper geschwungen und ein bis dato unerhörter Sound. Die Glam-Rock Ära war angebrochen und Roxy Music waren, neben Steve Harley and Cockney Rebel, David Bowie und T. Rex, die schillernden Heroen dieser Epoche. Die markantesten Figuren der Band waren Bryan Ferry und Brian Eno, der Sänger mit der schwer beschreibbaren Stimme und der Mann an den elektronischen Geräten, der sich selbst als „Nichtmusiker“ bezeichnete und der über und unter die Musik der Band seine Geräusche und Töne legte die er seinen Synthesizern meist im Publikum und nicht auf der Bühne stehend, entlockte. Diese zwei Egozentriker waren das Herz und das Hirn der Truppe, lange allerdings ging diese Zusammenarbeit nicht gut und Bryan Ferry setzte sich durch. Er warf Brian Eno aus der Band und war ab diesem Moment der Alleinherrscher.Die Egos am Solotrip
Ferry, der aus einfachen Verhältnissen stammte und sich immer wie ein „Working Class Hero“ fühlte, hüllte sich nur in feinstes Tuch und versuchte mit allen Mitteln den Aufstieg in die Upper Class zu erreichen. Neben seiner Tätigkeit in der Band startete er auch eine Solokarriere, bei der er sich in erster Linie auf alte und sehr alte Songs verließ, die er mit einer gewissen Nonchalance über die Bühne brachte.
Brian Eno widmete sich nach dem Abgang aus der Band weiter seinen Experimenten mit Geräuschen und Tönen, schuf Klangcollagen und wurde zu einem der Geburtshelfer des „Ambient Sounds“. Seine CDs haben in der eingeschworenen Gemeinschaft der „Chiller“ Kultcharakter.
Phil Manzanera, ebenfalls von Anfang an bei Roxy Music, wandte sich der Popmusik zu und veröffentlichte mehrere Alben mit seidenweicher Musik die immer wieder an die großen Hits von Roxy Music, wie „Do The Strand“, „Virginia Plain“ und „In Every Dreamhome a Heartache“, erinnern.
Die komplette Geschichte der Band und ihr Mitglieder ist übrigens in dem vor kurzem erschienenen Buch „Bryan Ferry und Roxy Music: Großes Kino für die Ohren“ sehr detailgenau beschrieben und der Autor David Buckley liefert ein spannendes Stück Musikgeschichte mit einem umfangreichen Informationsteil zu sämtlichen Veröffentlichungen der Gruppe, unzähligen Querverweisen auf diverse Artikel und eine sehr informative Zusammenstellung von Webadressen die sich mit der Band und ihren Protagonisten befassen.
Die Reunion der Band in der Originalbesetzung, freilich exklusive Brian Eno, spielt eines ihrer raren Konzerte am Eröffnungstag von Lovely Days.

Iron Butterfly - The One Hit Wonder?

War nun das 17-minütige „In-A-Gadda-Da-Vida“ mit dem genialen Schlagzeugsolo eine Verballhornung von „In the garden of wishes“ und wirklich der einzige Hit der Band aus Los Angeles? Das monumentale, 1968 erschienene „In-A-Gadda-Da-Vida“ hielt sich 140 Wochen in den Charts, 81 (!) Wochen lang war das Album in den Top Ten zu finden. Bis heute wurde die Komposition rund 30 Millionen Mal verkauft.Das Nachfolgealbum „Ball“, rund ein Jahr nach „In-A-Gadda-Da-Vida“ veröffentlicht, schaffte es zwar nicht so lange in die Charts, war aber ebenfalls Nummer 1 in den Bill Board Charts und hielt sich dort rund 40 Wochen. Das Album „Metamorphosis“ schaffte es immerhin noch in die Top 20. Soviel zu der oben gestellten Frage. Abgesehen davon: der Einfluss von Iron Butterfly auf Bands wie zum Beispiel Deep Purple steht außer Frage.
Von der Originalbesetzung sind noch Schlagzeuger Ron Bushy und Bassist Lee Dorman mit von der Partie. An der Gitarre werkt Charlie Marinkovich und an den Keyboards und an der Violine betätigt sich der aus Deutschland stammende Martin Gerschwitz, der auch schon mit Eric Burdon & The New Animals unterwegs war.
Egal was „Iron Butterfly“ bei dem Konzert in St. Pölten zum Besten geben wird, „In-A-Gadda-Da-Vida“ wird sicher nicht fehlen und einmal im Leben sollte man diese Dimensionen sprengende Nummer live gehört haben.

Canned Heat, Ten Years After und Country Joe McDonald

Take a flight with Translove Airways back to the past! Augen zu und zurück in die Vergangenheit. 3 days of love and peace, Woodstock, die Farm von Max Yasgur, eine unübersehbare Masse an musikbegeisterten Freaks, Schlamm, Regen, „No Rain“ Choräle aus tausenden Mündern und die Geburt (oder die Götterdämmerung, who knows it?) eines neuen Zeitalters.Auf der Bühne stehen Canned Heat. Blues und Boogie dröhnt aus den Boxen, die Fistelstimme des Leadsängers intoniert die erste „grüne“ Hymne, „Going up the country, going where i wanna be!“. Bob „The Bear“ Hite, ein wahrer Bluesman von Gestalt, wuchtet seinen massigen Körper auf die Bühne und Adolfo „Fito“ de la Parra sitzt am Schlagzeug. Letzterer sitzt immer noch am Schlagzeug und die Musik ist immer noch hörenswert, auch wenn Bob „The Bear“ Hite schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilt und wenn aus der Woodstockbesetzung eben nur mehr „Fito“ mit von der Partie ist.
Ähnlich verhält es sich mit Ten Years After. Mit der Bluesnummer „I’m going Home“, gespielt und mitgeschnitten ebenfalls in Woodstock, DAS furiose Gitarrensolo von Alvin Lee inklusive, gelang der Formation der internationale Durchbruch. Irgendwie spielten sie Blues, irgendwie aber auch (Hard)-Rock und sogar jazzige Anklänge verbargen sich in der Musik des Quartetts, bestehend aus Alvin Lee an der Gitarre, dem nicht mit ihm verwandtem Ric Lee am Schlagzeug, Chick Churchill an den Keyboards und Leo Lyons an der Orgel.
Im April 1973 empfahl "Melody Maker" dieser "institutionalisierten Band, die für immer zu bestehen scheint", einen Musikerwechsel: "Es ist Zeit für eine Veränderung, selbst wenn die Gruppe anschließend Fifteen Years After heißen müsste."
Alvin Lee verstand den Hinweis, nahm diesen wörtlich und beendete sein Engagement bei der Band.
Das Ergebnis: Eine gewaltige Überraschung. Ten Years After sind nicht zu einem lahmen Altherren-Verein geworden. Das liegt nicht nur am neuen Frontmann Joe Gooch, der mit seinen schätzungsweise Mitte 30 zum jüngeren Viertel der Anwesenden gehört: Die Band rockt einfach ziemlich. Blues, meist in der Turbovariante, jede Menge großartiges Bass- und Gitarrenspiel, immer nach vorn, kein bisschen leise.

Gimme an F...!

Country Joe McDonald bescherte der Welt die Akzeptanz des bösen bösen Wörtchens „Fuck“. Wie es dazu kam? Die (Woodstock)-Legende dazu lautet folgendermaßen:
McDonald war Frontmann der Band Country Joe and the Fish, die durch den Auftritt beim Woodstock Festival bekannt wurde. Außerdem trat der Sänger dort als zweiter Solokünstler direkt nach dem Opener Richie Havens auf. Übrigens als einziger Künstler des Festivals, der sowohl solo als auch mit Band aufgetreten ist, was allerdings ursprünglich keineswegs geplant war. Joe, der sich gerade Havens Auftritt angesehen hatte, war sichtlich überrascht, als ihm eröffnet wurde, dass er nun einen Soloauftritt haben würde. Er war eigentlich nur als Zuschauer gekommen, der von der Menge ziemlich schockiert war und wäre erst an einem späteren Tag mit seiner Band aufgetreten. Da es aber zu Anfahrtsschwierigkeiten vieler Musiker kam musste bereits Richie Havens einen viel längeren Auftritt hinlegen (so entstand – aus der Improvisation in der Not heraus – auch sein bis heute bekanntestes Stück, nämlich „Freedom“). Nachdem Country Joe erklärte, dass er keine Gitarre dabeihabe, wurde ihm kurzerhand eine Yamaha FG 150 besorgt, ein Seil als Schulterriemen umgebunden und Country Joe auf die Bühne geschubst. Dieser stellte während der ersten vier Lieder fest, dass ihm die Menge nicht zuhörte und fragte Wavy Gravy, ob er die F-Stimmungsprobe machen dürfe. Dieser meinte, dass ihm ja eh keiner zuhören würde und es deshalb keine Rolle spiele. Also rief Joe der Menge zu: "Gebt mir ein F". Plötzlich verstummten sämtliche Unterhaltungen und die Menge schrie dem verblüfften Sänger ein lautes "F" entgegen. Als er mit den restlichen Buchstaben "U", "C" und "K" fertig war, begann er seinen später zum Hit gewordenen „I-Feel- Like-I’m-Fixin’-to-Die-Rag“ zu spielen. Dass er dabei auch noch ohne sein Wissen gefilmt wurde ist ein weiterer Glückstreffer für die Historie und freilich auch für die Rockarchivsammler.
Country Joe McDonald trat mit seiner Band auch bei Woodstock II im Jahr 1994 auf und steht heute noch regelmäßig auf der Bühne. Derzeit befindet er sich auf einer großen Europatournee. Die Festivalleitung von Lovely Days nahm diese Gelegenheit wahr, um ihn nach St. Pölten zu bringen. Wir freuen uns.

Das ist nur die Speerspitze des gigantischen Line-Up. Lassen Sie sich die weiteren Namen auf der Zunge zergehen: Robert Plant, Billy Idol, Gary Moore, BAP, The Stranglers, Donovan, Manfred Mann’s Earth Band, Willi Resetarits & Extra Combo. (akro/mh)

Infos und Tickets:
www.lovelydays.at

CD Tipps:

Quadrophenia & Tommy Live (Warner Music)

Live At The Royal Albert Hall (SPV)

DVD Tipp:

Tommy Live with special Guests (Warner Music)