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burdon_eric__my_secret_lifeDie Geschichte seines Lebens - von The Animals bis zu WAR und bis ins Heute: Eric Burdon erzählt unverblümt, ungeschönt und sozusagen frei von der Leber von seinen Erlebnissen, Höhe- und Tiefpunkten seiner Karriere und natürlich vom obszönen Musikbusiness.

Mit der Zeit relativiert sich dann doch alles

Wenn sich die Abendstimmung breit macht und sich nicht nur diverse Lokale sondern auch die Gäste schön langsam füllen kommt es ja nicht selten vor, dass der Andere oder die Eine Lebensgeheimnisse ausplaudert, also die Geschichte ihres Lebens in zehn Minuten Nettosprechzeit ausbreitet, a la „als ich noch jung war, war ich ein begeisterungsfähiger Mensch mit Idealen und Ideen, bin zuerst gegen den Vietnam-Krieg mitmarschiert, demonstrierte später gegen Zwentendorf, und in Hainburg war ich auch dabei, hatte also immer schon einen zärtlichen, naiven Gesellschaftstraum gegen die technokratische, puritanische, ausbeuterische Tradition, habe aber mittlerweile längst die naive Wirklichkeitsblindheit abgelegt“, verzögert nur durch das stete Hineinkippen promilleträchtiger Flüssigkeiten - und klar, dass es auch Musikidole gab, man wollte schließlich immer schon dazugehören, aber mit der Zeit relativiert sich dann doch alles, irgendwie halt.

Der schwärzeste aller weißen Bluessänger

Na, jedenfalls gab es da mal einen Sänger namens Eric Burdon, der ein solches Musikidol war, zunächst mit The Animals, später mit War, für Aufsehen sorgte und in der Aufbruchs-Euphorie in der „Love, Peace & Music“-Bewegung mit „Monterey“ und „San Franciscan Night“ mit zwei charakteristischen Songs sogar so etwas ähnliches wie ein Star wurde. Uralte Bluesmodelle tauchten in seinen Songs auf, er ließ in „Paint it Black“ und „Sky Pilot“ mit dramatisch durchrhythmisierten und improvisierten Sprechpartien und luziden Angriffen auf berufspatriotische Militärchristen aufhorchen und bewahrte im allgemeinen unvermischt den musikalischen Gestus Afrikas, kurzum: er galt als der schwärzeste aller weißen Bluessänger. Eric Burdon wuchs im nordenglischen Kohlenschacht- und Werftgebiet von Newcastle auf, ging dann aber schon recht bald natürlich in die USA, um den amerikanischen Traum aufzuspüren bzw. zu hinterfragen. „Cop's Face filled with hate ... Old Cop, Young Cop feel alright on a warm San Franciscan Night ... it's an American Dream...”, sang er über die Brüchigkeit des unvermittelten Glücksversprechens, aber das ist nun doch schon lange her.

Was blieb vom jungen Eric Burdon in der Gegenwart?

Am Telephon schnaufte er bei dieser Frage, und stellte dann sofort klar, was er von Politik hält: „Politik langweilt mich und wird sich nie ändern. In den 60er Jahren glaubten wir an eine Änderung und vor allem auch daran, dass wir mit Kunst den Krieg beenden können. Natürlich habe ich auch heute noch politische Statements in manchen meiner Songs wie in „Once Upon a Time“, „Highway 62“ oder „Black and White World“, aber eigentlich möchte ich das Publikum ohne politische Themen unterhalten.“ Ja, wer es noch immer nicht weiß, es gibt ein neues Album von Eric Burdon und noch dazu ein seit längerer Zeit wieder verdammt gutes. Es heißt „My Secret Life“ und längst ist er nicht mehr bei einem Major-Label, denn die Musikindustrie zipft ihn genauso an wie Politik. In beiden gibt es keine Moral. bei einem Independent-Label kann er aber wenigstens seine Ideen 1:1 umsetzen, er muss sich nicht erklären, wieso auf einem Album von ihm ein waschechter Jazz-Song („Jazzman“) genau so drauf zu hören ist wie aus dem Folk und Soul genährte Balladen, Hard-Rock („Devil Slide“) und ein elektrisch hämmernder Boogie („Can't Kill The Boogieman“).
Sein Gesang hat schon ein paar Kratzer abbekommen, okay, Alkohol und Zigaretten hinterlassen eben ihre Spuren, aber sein Gesang kommt dennoch immer noch verteufelt gut rüber, so z.B. wenn er im Eröffnungssong „Once Upon A Time“ mit einem klassen Soulgesang aufwartet, wenn er singt: „ There was a war baby somewhere across the sea/I didn't want to go to fight girl cause you were really loving me/But I remember Martin Luther King/Lord he was the man baby that gave us all a dream/And I remember Marvin Gaye singing/Let's get it on ...“
Die Erinnerungen an diese heute zum Teil verklärte Zeit lassen ihn also doch nicht los, und es gibt noch mehr Vergangenheitsbewältigung. John Lee Hooker ist Thema eines Songs, und, in „Jazzman“, der Schlagzeuger Philly Joe, „ Rapping about how he could stop the war/You know the one that's still going on/Up in Harlem and Vietnam/Nothing changed as far as I can see/They just upped the Tempo/And changed the melody ...“. Was interessiert ihn nun aber am meisten, was motiviert ihn? „Songs aufzunehmen, Konzerte zu geben, warmes Wetter, gutes Essen & Trinken.“


Beschissen und verraten - von Anfang an

Ach ja, und aus seinem Leben erzählen, denn es erschien praktisch zeitgleich mit seiner CD auch seine Autobiografie gleichen Titels, ausgebreitet auf satte 364 Seiten und Eric Burdon nimmt da kein Blatt vor den Mund, spart nicht mit Kritik und noch weniger mit Selbstkritik, das manchmal derart herb ausfällt, dass man bereits geneigt ist zu glauben, Mr. Burdon lebte ein patschertes Leben und versucht nun alles dran zu setzen, die Patschertheit abzulegen. So darf es nicht wundern, dass das 1. Kapitel ("Kein Tierschutz für die Animals") gleich mal höchst unelegant mit den gar bösen Worten beginnt - "Beschissen und verraten - von Anfang an." Wenig geheimnisvoll und ohne literarischen Anspruch (ganz im Gegensatz zur Autobiografie "Chronicles, Vol. 1" von Bob Dylan) schält der Sänger Erinnerung um Erinnerung ("Als die Animals das erste Mal nach Amerika kamen, hatte jemand an die Wand unseres Hotels geschmiert: "Eric Burdon steht auf Nigger." Genau, das tut er, dachte ich. Und du Arsch schnallst nicht, dass du auch auf sie stehen solltest."), Dialog für Dialog ("Wir rauchten gerade einen Joint, da klingelte das Telefon. "Mr. Burdon?" "Ja." "Hier spricht die Polizei. Wir sind unten im Foyer und würden uns gerne mit Ihnen unterhalten. Wir treffen uns in der Bar." Scheiße, dachte ich. Nicht schon wieder."), hervor, so bitter diese auch waren, handelte es sich um Alkohol und anderen Drogen, oder um seinen Gefängnisaufenthalt, oder aber um - freundlich formuliert - wenig erfreuliche Erkenntnisse aus dem Musikbusiness. "My Scret Life" zu lesen ist zwar in literarischer Hinsicht keine Herausforderung, dennoch unendlich lehrreich. (Manfred Horak)

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Palmyra, 2004
364 S., gebunden
ISBN 3 930378 53 1

CD-Tipp:
Eric Burdon – My Secret Life (SPV/Edel)