Glück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz Symbolbild

Wie viel Künstliche Intelligenz der Mensch verträgt ohne seine Qualität zu verlieren, regt seit geraumer Zeit zur Diskussion an. Versuch über das kleine Glück und die großen Fragen in Kunst, KI und dem widerspenstigen Menschsein.

Kunst und das widerspenstige Lebensglück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

Glück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz BuchcoverIn der Unscheinbarkeit mancher Momente findet sich das Gefühl eines geglückten Tages. Das Rascheln von Papier in einem ruhigen Raum; das flüchtige Lächeln eines Fremden; auf einer Wiese im Gras liegend in den Nachthimmel blicken, während eine Astronomin die Sternbilder erklärt. Erfahrungen, die sich jeder Optimierung entziehen und weder skalierbar noch reproduzierbar sind. Keine Erklärung kann diese Erfahrung ersetzen. In dieser leisen Differenz zwischen Wissen und Erleben wohnt jenes "kleine Glück", das sich der Logik unserer Zeit widersetzt, denn während Künstliche Intelligenz immer präziser darin wird, die Welt zu deuten, bleibt die Frage offen, was es heißt, in ihr zu leben.

Der Philosoph Ziad Mahayni beschreibt im äußerst lesenswerten Buch Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (Kohlhammer Verlag; 2025) genau diese Verschiebung. Der Mensch, so seine Diagnose, gerät in die Versuchung, sich selbst als System zu begreifen, als etwas, das optimiert werden kann. Das Zeitalter Künstlicher Intelligenz konfrontiert uns nicht nur mit neuen Technologien, sondern mit alten Fragen in radikal neuer Schärfe: Was heißt es, ein Mensch zu sein, wenn Maschinen beginnen, uns zu imitieren? Der Autor führt im Buch an, dass Künstliche Intelligenz nicht einfach nur eine Technologie in den Händen des Menschen ist, dass, wie viele argumentieren, die großen Probleme der Menschheit vom Klimawandel bis zur Ernährung der Weltbevölkerung lösen wird können, sondern in besonderem Maße auch eine Technologie ist, die auf den Menschen abfärbt. Mehr noch, sie verändert das Verständnis, das der Mensch von sich selbst und von der Welt hat. Eine der Kernfragen wird daher sein, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

"Es braucht neue gedankliche Paradigmen", so Ziad Mahayni, "um das Verhältnis zwischen Mensch und Technik im KI-Zeitalter verstehen und gestalten zu können." Er führt dazu zwei Denkmuster an. Erstens: "Das KI-Zeitalter ist das Zeitalter, in dem wir davon ausgehen sollten, dass alles technisch möglich ist." Zweitens: "Das KI-Zeitalter ist das Zeitalter, in dem die Technologieentwicklungsgeschwindigkeit größer wird als die Technologieadaptionsgeschwindigkeit des Menschen." Beide Punkte laufen darauf hinaus, dass es Zäsuren ohne Vorbild sind. Und was geschieht mit der Kunst, wenn auch sie in diesen Prozess hineingezogen wird? Wenn im Prinzip alles machbar ist, gilt es herauszufinden, was sinnvoll ist. Die Geschichte der Technik war stets auch eine Geschichte der Selbstvergewisserung. Vom Buchdruck bis zur Fotografie, vom Film bis zum Internet; Jede Innovation hat das Verhältnis zwischen Original und Kopie, zwischen Erfahrung und Darstellung, verschoben. 

Eine neue Qualität

Wie viel Erklärung, wie viel Berechenbarkeit, wie viel Vorhersagbarkeit verträgt das Leben, ohne dass es seine Qualität verliert? Wenn Glück eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben ist, dann stellt sich nicht nur die Frage, ob künstliche Intelligenz dieses Glück beeinflusst, sondern wie und wo es sich im Verhältnis zu ihr überhaupt noch zeigt. Künstliche Intelligenz markiert eine neue Qualität. Sie imitiert nicht nur Oberflächen, sondern dringt in die Strukturen dessen ein, was wir lange für genuin menschlich hielten, sei es Sprache, Stil oder Kreativität. Die Maschine schreibt, komponiert, malt, und sie tut es mit einer Geschwindigkeit und Variabilität, die das traditionelle Verständnis von Autor:innenschaft herausfordert.

"Technologien", schreibt Ziad Mahayni, "entwickeln sich auf einer Zeitskala von Wochen, regulatorische Gesetzgebung auf einer Zeitskala von Jahren." Zur Erinnerung: Der EU AI Act, also die erste staatenübergreifende Regulierungsmaßnahme für Künstliche Intelligenz, tritt 2026 voll in Kraft. Von der ersten Diskussion der Notwendigkeit bis zur Umsetzung vergingen zehn Jahre. Ein absurd langer Zeitraum, da im Digitalzeitalter neue Technologien viel schneller zu einem Fakt in der Welt werden als sie reflektiert, verstanden oder gesetzlich eingefasst werden können. "Folglich", meint Ziad Mahayni, "ist es der Mensch, der technisch nachziehen müsse, um diese Geschwindigkeit mitgehen zu können."

Glück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz _ jensenartofficial

Ähnliches schrieb der Futurologe Alvin Toffler in Future Shock (Der Zukunftsschock) bereits im Jahr 1970. Wie wir heute wissen, zeichnete er erstaunlich genau Entwicklungen voraus, die so nicht absehbar waren. Unter anderem prognostizierte er, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten und Familien gründen dürfen. Die digitale Revolution mit einem Überhandnehmen an verfügbaren Informationen sah er ebenso voraus wie das blitzschnelle Austauschen von Nachrichten. Im Zentrum von Alvin Tofflers Ausführungen stand die Frage, ob und wie der Einzelne den rasanten Wandel seiner Umwelt und seines Lebens geistig und psychisch verkraften kann. Toffler träumte daher auch von einer "futurologischen Bewegung", die in Schulen, Medien und Institutionen die Menschen auf den Wandel vorbereiten sollte. Ein Traum, der leider keinen Eingang in die Gesellschaft fand. 

"Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig"

Verlassen wir daher für einen kurzen Moment die Gegenwartstechnologie, und stöbern in jenen kulturellen Stimmen, die aus ganz anderen Zeiten stammen und dennoch eine eigentümliche Aktualität entfalten, in der von Glück nicht als Zustand, sondern als Widerstand gesprochen wird, als Trotz, als flüchtige Erfahrung in einer Welt, die nie vollständig kontrollierbar war und es auch heute nicht ist. Charles Chaplin proklamierte in der berühmten Schlussrede von The Great Dictator ein leidenschaftliches Plädoyer für Menschlichkeit, Demokratie und Frieden. Es ist eine Rede gegen die Entmenschlichung, gegen die Reduktion des Menschen auf Funktion, auf Mechanik. "Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen, und unser Wissen kalt und hart", heißt es da. "Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert." Chaplin fand in seiner humanistischen Friedensrede ein Gegengift zu Hass und Rassismus von Nazi-Deutschland.

Der Kinostart war Oktober 1940, doch seine Worte wirken erstaunlich gegenwärtig, so wie auch die drei Grundfragen allen Nachdenkens über die Welt des Philosophen Immanuel Kant. Während die erste Frage ("Was kann ich wissen?") die Möglichkeit und Reichweite menschlicher Erkenntnis hinterfragt, führt Kant in der zweiten Frage ("Was soll ich tun?") in das Feld der Ethik und zu dem Streben nach gutem menschlichen Handeln. In der dritten Frage ("Was darf ich hoffen?") berührt Kant die "letzten Dinge" und führt in das Feld der Metaphysik, und wirft schließlich dann doch noch eine vierte Frage hinterher, die da lautet: "Was ist der Mensch?" Man kann nicht darüber nachdenken, was gutes menschliches Handeln ist, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was "menschlich" sein bedeutet. Auch Künstliche Intelligenz operiert im Sinne von Berechnen, Analysieren, Strukturieren im Modus des Denkens. Was ihr fehlt, ist nicht Intelligenz, sondern Erfahrung. Und genau hier entsteht eine erste Differenzlinie des Glücks zwischen dem, was berechnet werden kann, und dem, was gefühlt werden muss. 

Licht, das durch Risse fällt

Glück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz Buchcover Jens-uwe mertens"Das eigentliche Ziel aller Menschen sei, glücklich zu sein", behauptete Aristoteles, denn darin liege "der Sinn des menschlichen Daseins". Der Psychologe Jens-Uwe Martens entwickelte aus dieser Idee den Ratgeber Das kleine Glück und die großen Fragen (Kohlhammer Verlag; 2025). Für den Autor ist Glück keine Frage äußerer Umstände, sondern der inneren Haltung. Ein Kapitel stellt sich der Frage, ob "man Glücklichsein überhaupt lernen" kann. Künstliche Intelligenz spielt im Buch zwar überhaupt keine Rolle, dafür aber diverse Social Media Kanäle mit der Jagd nach Follower und Likes. "Gegen dieses Spiel ist nichts einzuwenden", meint Jens-Uwe Martens, "solange man sein Selbstbild nicht zu sehr von der Beachtung im Netz abhängig macht und seine Glücksmomente an anderer Stelle sucht."

Im Mittelpunkt des Buchs steht daher in erster Linie der Zusammenhang von Zufriedenheit, Verantwortung und Zukunft im rein analogen Leben. Dennoch lässt sich einiges davon auf die Idee Glück mit KI zu assoziieren recht leicht verbinden, denn schließlich entsteht Glück dort, wo der Mensch nicht delegiert, sondern sich einlässt. Diese Perspektive hat übrigens ebenfalls eine lange Tradition. Viktor Frankl, geprägt von den Extremerfahrungen der Konzentrationslager, verstand Glück als Nebenprodukt von Sinn. Es stellt sich ein, wenn das Leben selbst unter widrigsten Umständen als bedeutungsvoll erfahren wird. Erich Fromm wiederum sah Glück im "Sein" statt im "Haben", also in der Fähigkeit, lebendig zu handeln, zu lieben, zu gestalten. Leonard Cohen hingegen rang zeitlebens mit Depressionen, zog sich zeitweise in ein Zen-Kloster zurück, um eine Form der inneren Klarheit zu finden. Seine Lieder sind durchzogen von Melancholie, Zweifel und spiritueller Sehnsucht. "There is a crack in everything, that's how the light gets in", heißt es in seinem Song "Anthem" (1992). Licht, das durch Risse fällt. Glück erscheint hier nicht als makelloser Zustand, sondern als etwas, das durch Brüche hindurchscheint. 

Wenn alle Parameter stimmen

Glück existiert auch innerhalb der KI, allerdings in einer abgeleiteten Form. Es zeigt sich in der Optimierung von Prozessen, in der Reduktion von Reibungsverlusten, in der Erhöhung von Effizienz. Die KI kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sich wohler fühlen, von besseren medizinischen Diagnosen bis hin zu präziserer Verkehrssteuerung oder einfach nur personalisierten Empfehlungen. In diesem Sinne ist sie ein Instrument des indirekten Glücks in Form eines Werkzeugs, das die Wahrscheinlichkeit angenehmer Zustände erhöht. Wenn Glück jedoch auf diese Weise funktionalisiert wird, verwandelt es sich in Zufriedenheit. Es wird zu einem Zustand, der sich einstellen soll, wenn alle Parameter stimmen. Ein solches Glück ist glatt, bereinigt, frei von Störungen und gerade deshalb auch frei von Tiefe.

Demgegenüber steht ein anderes Verständnis von Glück, das sich nicht in der Optimierung erschöpft. Ein Verständnis, das sich vielleicht am besten in der Aufzählung entfaltet, wie in jener eigenwilligen Liste von Lebensfreuden, wie sie der Song Reasons to Be Cheerful, Part 3 von Ian Dury & The Blockheads (1979) präsentiert. "Cheddar cheese and pickle, the Vincent motorsickle / Slap and tickle / Woody Allen, Dali, Dimitri and Pasquale / Balabalabala and Volare...". Es sind Fragmente, scheinbar willkürlich, heterogen, widersprüchlich. Und gerade darin liegt ihre Wahrheit. Glück erscheint hier nicht als systematischer Zustand, sondern als Collage. Es ist das Nebeneinander von Bedeutungsinseln, die sich nicht auf eine gemeinsame Formel bringen lassen. Eine KI könnte eine solche Liste problemlos generieren. Sie könnte tausende "Gründe zur Heiterkeit" aus Datenbanken extrahieren, gewichten, personalisieren. Doch sie würde dabei etwas Entscheidendes verlieren, nämlich die spezifische Perspektive, die biografische Verankerung, die Zufälligkeit der Auswahl. Das Glück, das Ian Dury beschreibt, ist nicht austauschbar. Es ist gebunden an ein Leben, an eine Stimme, an eine Haltung. 

Glück außerhalb der KI 

Der Songtext von Ian Dury basiert auf die berühmte Schlusssequenz aus dem Kinofilm Manhattan (1979) von Woody Allen. Der Protagonist sitzt vor einem Tonbandgerät und zählt auf, was das Leben lebenswert macht: Groucho Marx, Willie Mays, der zweite Satz der Jupiter-Sinfonie… Auch hier entsteht Glück in der Form einer Liste, in diesem Fall jedoch gegen die Verzweiflung. Eine Selbstvergewisserung in einem Moment der Krise. Die Dinge, die genannt werden, sind nicht objektiv bedeutsam. Sie sind es, weil sie für diesen Menschen Bedeutung haben. Künstliche Intelligenz kann solche Listen analysieren, kategorisieren, vielleicht sogar imitieren. Aber sie kann nicht in jener Weise betroffen sein, die diese Aufzählung notwendig macht. Sie kennt keine Depression, keine existenzielle Leere, gegen die man sich mit Erinnerungen und kulturellen Fragmenten zur Wehr setzen muss. Glück außerhalb der KI ist daher immer auch ein Glück gegen etwas, gegen die Erfahrung von Sinnverlust, gegen die Möglichkeit des Scheiterns.

Diese Dimension wird besonders eindringlich in Murder Most Foul (2020) von Bob Dylan. Der Song ist weniger ein Lied als ein Strom von Referenzen, ein kulturelles Gedächtnis, das sich über Jahrzehnte spannt. Ausgangspunkt ist ein traumatisches historisches Ereignis, doch der Text entfaltet sich als eine Art Beschwörung von Musik, von Stimmen, von Erinnerungen. Glück erscheint hier nicht als heiterer Zustand, sondern als Möglichkeit der Verbindung. Als das, was bleibt, wenn Geschichte und Gegenwart sich überlagern. Auch dies könnte eine KI in gewisser Weise nachvollziehen. Sie könnte Referenzen erkennen, Netzwerke von Bedeutungen kartieren, kulturelle Zusammenhänge sichtbar machen. Doch sie bleibt dabei immer außerhalb dessen, was diese Verbindungen für den Menschen bedeuten. Sie kann das Archiv verwalten, aber nicht in ihm leben. 

Ein Tag, an dem alles stimmt

Das Verhältnis von KI und Glück ist ein Verhältnis von Infrastruktur und Erfahrung. Die KI schafft Bedingungen, ordnet, strukturiert, erleichtert. Sie ist ein Medium der Möglichkeit. Doch das Glück selbst ereignet sich in etwas, das sich dieser Struktur entzieht. Eine besonders radikale Form dieser Entziehung findet sich in der Novelle Versuch über den geglückten Tag (1991) von Peter Handke. Der Autor beschreibt keinen spektakulären Glücksmoment, sondern einen Tag, an dem alles "stimmt", ohne dass sich genau sagen ließe, warum. Es ist ein Glück der Stimmigkeit, der Übereinstimmung von Innen und Außen, nicht das Ergebnis perfekter Bedingungen, sondern ein Ereignis, das sich einstellt oder auch nicht. Es ist kontingent, flüchtig, nicht verlässlich. Und gerade deshalb ist es wertvoll.

Wie viel KI "sollte" also ein Mensch an sich heranlassen? Die Frage lässt sich natürlich nicht in Prozent oder Nutzungszeiten beantworten. Solange die KI als Werkzeug verstanden wird, kann sie Teil eines guten Lebens sein. Problematisch wird es dort, wo ihre Logik beginnt, unser Verständnis von Leben selbst zu prägen. Der Song "Me, Myself, AI" (2026) von The Lemon Club thematisiert, wie sich KI auf das Liebesleben auswirken kann, wenn diese nicht bloß als Werkzeug verstanden wird, sondern auch als Partner:in, oder andersartig auf eine Ebene mit dem Menschen gestellt wird. Kunst spielt in diesem Zusammenhang also eine entscheidende Rolle. Sie ist der Ort, an dem diese Differenz sichtbar bleibt. In ihr wird nicht nur dargestellt, sondern erfahren. Sie erinnert daran, dass Bedeutung nicht aus Daten entsteht, sondern aus Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Zeiten, zwischen Erfahrungen. 

Glück im Zeitalter Künstlicher Intelligenz Alexandra koch

Thomas Bernhard und die KI 

Welche Rolle Kunst im Zeitalter der KI spielt liefert das Forschungsprojekt Die Stimmenimitatoren – Thomas Bernhard und die KI (2026) unter der Leitung von Fatima Naqvi, Professorin für Germanistik und Filmwissenschaft an der Yale University. Es untersucht, inwieweit sich der unverwechselbare Stil von Thomas Bernhard algorithmisch nachbilden lässt. Bernhards Sprache, geprägt von Wiederholung, rhythmischer Zuspitzung und radikaler Subjektivität, galt lange als unnachahmlich. Nun zeigt sich, dass sich auch dieser Ton analysieren, zerlegen, rekonstruieren lässt. Die Maschine erzeugt Texte, die den Duktus erstaunlich genau treffen. Diese Fähigkeit verändert den Blick auf Kunst. Wenn Stil reproduzierbar wird, verschiebt sich der Fokus vom Werk zur Erfahrung. Kunst wird weniger als einzigartiges Objekt verstanden, sondern als Prozess und Beziehung zwischen Text und Leser.

Das "neue Kunstverständnis" entsteht in der Reflexion über die eigenen Bedingungen. In der Literaturwissenschaft zeigt sich diese Entwicklung sehr präzise. Während Close Reading auf Qualität und Interpretation setzt, analysiert Distant Reading quantitative Daten über Tausende von Texten hinweg. Maschinen liefern Strukturen, Menschen deuten sie. Das "neue Kunstverständnis" im Zeitalter der KI besteht daher nicht darin, die Maschine zu imitieren oder sich ihr entgegenzustellen. Es besteht darin, die eigene Spezifik zu schärfen. Kunst wird zu einem Raum der Verlangsamung, der Irritation, der Reflexion. Sie entzieht sich der unmittelbaren Verwertbarkeit und gewinnt gerade daraus ihre Kraft. Während Künstliche Intelligenz uns also die Welt erklärt, erinnert uns die Kunst daran, dass Verstehen mehr ist als Berechnung. KI darf vieles erklären, vieles erleichtern, vieles verbessern, aber sie darf nicht zum Maßstab dessen werden, was ein gutes Leben ist. Dieses Maß bleibt gebunden an Erfahrungen, die sich nicht in Algorithmen übersetzen lassen. 

Erfahrung, die wir bewahren müssen

Die großen Fragen über das Menschsein werden durch Künstliche Intelligenz nicht verschwinden, möglicherweise werden sie sogar deutlicher hervortreten. Am Ende kehren wir zurück zu jenem Moment unter dem Sternenhimmel. Die KI kann uns, so wie eine Astronomin, sagen, welche Sterne wir sehen, wie weit sie entfernt sind, welche physikalischen Prozesse in ihnen ablaufen. Und dieses Wissen ist nicht wertlos, im Gegenteil. Es kann das Staunen sogar vertiefen. Aber es ersetzt es nicht. Glück spielt in diesem Gefüge eine stille, aber zentrale Rolle, ein leiser Widerstand, nicht trotz, sondern gerade angesichts einer Welt, die sich immer vollständiger erklären lässt. Es liegt nicht in der perfekten Vorhersage, nicht in der reibungslosen Optimierung, sondern im Unverfügbaren, im Blick in den Himmel, im Gespräch, im Moment der Erkenntnis. Das kleine Glück liegt in diesem Staunen. In der Erfahrung, dass die Welt mehr ist als ihre Erklärung. Und vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die wir bewahren müssen, wenn wir entscheiden, wie viel Künstliche Intelligenz wir in unser Leben lassen. //

Text: Manfred Horak
Abbildungen: Alexandra Koch, geralt (Header), jensenartofficial

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