Aufzeichnungen aus der Unterwelt; Kurt Girk

Aufzeichnungen aus der Unterwelt deckt ein dunkles Kapitel des Nachkriegsösterreichs auf und erhält den Romy-Akademiepreis als beste Kinodokumentation und beste Produktion.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt

Geschichte schreiben die, die am längeren Hebel sitzen. Im Fall von Alois Schmutzer und Kurt Girk waren es die österreichischen Behörden und die Wiener Polizei, die die beiden und zahlreiche ihre Weggefährten in den 1960er und 1970er Jahren als gefährliche Kriminelle abstempelten. Inmitten dieses Sumpfs aus Nachkriegsgewalt, Alt-Nazis und Perspektivenlosigkeit werden die beiden in einem Showprozess zu jeweils zehn und acht Jahren Haft für einen Postüberfall verurteilt, den beide nicht begangen hatten. Das Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel lässt die Meidlinger Kleinganoven nun in ihrem Oral History Dokumentarfilm "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" zu Wort kommen. Und deckt dabei traumatische Jugend- und Kriegserfahrungen sowie Gesellschaftskämpfe und Justizwillkür auf. Dafür erhielt der Film bei der 70. Berlinale eine lobende Erwähnung der Dokumentarfilmpreis Jury und die Doku erhält den Romy-Akademiepreis als beste Kinodokumentation und beste Produktion.

In kargen Räumen und beinahe ohne Unterbrechungen erzählen die beiden von ihrer Jugend, als Geschwister im Krieg am Hunger starben oder jüdische Vermieter sich im Dachboden aufhingen, um nicht von der Gestapo deportiert zu werden. In der ehemalige Schulfreunde nur als abgetrennter Kopf von der Front zurückkehrten und die Polizei gegen illegale Glückspielbetreiber mit mehr Härte vorging als gegen so manchen Alt-Nazi. In gestochen scharfen, mit starken Schatten versehenen Schwarz-Weiß-Bildern evozieren Tizza Covi und Rainer Frimmel so eine visuelle Anlehnung an diese Zeit. Die monochrome Gestaltung und der simple Hintergrund fokussieren nicht nur den Blick, sondern auch die Konzentration des Zuschauers auf das gesprochene Wort. Die Erzählung, so lebhaft und persönlich, wird von erinnerter zu erlebter Geschichte. Der Zuschauer ist mit Kurt Girk und Alois Schmutzer zurück in den Straßen Wiens, als Gewalt noch den Ton und das Überleben angab.

Sichtbarmachung von Geschichte

Nur gelegentlich unterbricht "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" den Erzählfluss und zeigt historisches Material des ORF Archivs. Nachrichtenbeiträge über Schießereien zwischen Bandenmitgliedern. Hetzerische Zeitungsartikel mit Profilbildern von Schmutzer, seinem früh verstorbenen Bruder Norbert, Girk und anderen Glücksspielbetreibern. Es sind junge kräftige Burschen, die einem aus diesen Bildern entgegenstarren. Von Gewalt geprägte Erwachsene, die versuchen im Umbruch des Nachkriegsösterreichs zu überleben.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt FilmstillDoch wo ist ihre Erzählung einzuordnen? Oral History ist die Geschichtsschreibung der unteren Massen. Der persönlichen Erfahrung in einem namenlosen Kollektiv. Covi und Frimmel schreiben keine Gegengeschichte, noch bemühen sie sich um absolute Wahrhaftigkeit. "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" ist genauestens recherchiert. Dennoch unterliegt es dem Zuschauer zu entscheiden, was er aus den Erzählungen der Figuren mitnimmt und welchen Aspekten er glaubt. Es gibt keine Instanz, die für ihn entscheidet, keine offizielle Geschichtsschreibung. Jedes Relativieren, jedes Offenbaren von neuen Fakten, wird individuell zwischen Protagonisten und Zuseher neu ausverhandelt.

In dieser Unverblümtheit entfalten sich oft die bewegendsten Dokumente der filmischen präsentierten Zeitgeschichte. Wenn beispielweise der Gefängniswärter die Misshandlung von Insassen damit rechtfertigt, dass man sich damals schützen musste. Wenn mit gleichgültigem Ton davon berichtet wird, wie ein paar Kleinkriminelle in denselben Trakt wie nationalsozialistische Massenmörder gesteckt wurden. Wie die Sprache zwischen den Figuren der Straße und der Justiz sich differenziert. Während die Strolche von einst sich bereits zusammengerauft haben, wird im offiziellen Staatsjargon noch immer von Unterweltkriminellen gesprochen. "Die Unterwelt hat es nicht gegeben", entgegnet Schmutzer hingegen lapidar. Dass Covi und Frimmel die offiziellen Prozessakten Girks und Schmutzers nicht erhalten haben, spricht ebenfalls Bände.

Das Schaffen einer Identität

"Aufzeichnungen aus der Unterwelt" verortet seine Figuren in der von ihrem Umfeld geprägten Kultur, was sich auch durch die langen Wienerlied Sequenzen ausdrückt, die den Film immer wieder musikalisch untermalen. Vorgetragen von dem am 8.2.2019 verstorbenen Kurt Girk, schaffen sie eine zeitlose Beständigkeit, ein Lebensgefühl von Melancholie und Hoffnung. Schmutzer und Girk durchlebten dunkle Jahre, doch heute stehen sie da und dürfen ihre Geschichte selber erzählen. Ihre größte Sorge, so die Regisseure, war es ihren Figuren mit "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" gerecht zu werden. Das dürfte ihnen gelungen sein. //

Text: Susanne Gottlieb
Fotos: Vento Film

Film-Info:

Aufzeichnungen aus der Unterwelt
Dokumentarfilm / Österreich 2020

115 min. / DCP / Schwarz-Weiß & Farbe / 1 : 1,66

Drehformat: Super 16mm

Regie Tizza Covi, Rainer Frimmel 

Konzept und Kamera Rainer Frimmel 

Ton und Schnitt Tizza Covi 

Dramaturgie Emily Artmann

Mit Kurt Girk, Alois Schmutzer, Helene Simon, Richard Benda, Anton Östreicher, Gunther Gahleitner, Peter Leitheim 

Produktion: Vento Film

Kritik zur Weltpremiere am 23. Februar 2020 auf der 70. Berlinale


Anmerkung Rainer Frimmel:
"Wir hoffen, dass wir den Film bei der Viennale 2020 im Herbst zeigen können und anschließend wollen wir ihn zusammen mit dem Stadtkino Filmverleih ins Kino bringen - soweit dies die Umstände erlauben. Eine Dvd werden wir erst nach dem Kinostart herausbringen."
Statement zur Special Mention der Berlinale-Jury: 
"This film is a beautifully shot portrait of characters with intense and at times, hilarious stories of old bad boys. The burst into colors and songs reconciles the underworld to the world above with the pure pleasure of cinema."

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Kurt Girk - Kein Wienerliedkenner- oder -liebhaber, dem dieser Name kein Begriff wäre. Unter dem Namen Mexikokurtl wurde er berühmt, als "Frank Sinatra von Ottakring" gefeiert. Er galt als DIE Ikone des Wienerliedes der Gegenwart, und er war einer der letzten Natursänger Wiens. Der "Sir" des Wienerliedes wurde anlässlich seines 80. Geburtstages für seine Verdienste um das Wienerlied mit dem Goldenen Rathausmann gewürdigt. Dieses Buch ist eine umfassende Darstellung der Persönlichkeit Kurt Girk und ihre Einbettung in den kulturhistorischen Kontext und will darüber hinaus die hohe Qualität dieser Musik würdigen, die entgegen vieler Vorurteile in den meisten Fällen extrem komplex ist und nur noch von wenigen Spitzenmusikern beherrscht und gepflegt wird. Eine Hommage an einen außergewöhnlichen Künstler, der am 22.5.1932 in Wien geboren ist und am 8.2.2019 verstarb.