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schlagerstar1Über die Freude mit derben Geschichten aus dem Balzmilieu, über Ohrwürmer, Oberflächlichkeit und natürlich über ihren Film "Schlagerstar" (Kinostart: 31.5.2013), sprach Alexandra Rotter mit den beiden Regisseuren Gregor Stadlober und Marco Antoniazzi.

Wie tickt ein Schlagerstar? Und was macht Schlager für viele Menschen so anziehend? Diese Fragen stellten sich die Filmemacher Gregor Stadlober und Marco Antoniazzi - einer, der "nach ein paar Bier" bei Schlagern "anspringt" und einer, bei dem Schlagermusik überhaupt nicht funktioniert. Sie begleiteten für ihren Dokumentarfilm "Schlagerstar" den beliebten Musiker Marc Pircher über einen Zeitraum von 15 Monaten und lernten einen Geschäftsmann und "geborenen Verkäufer" kennen. "Schlagerstar" gewann den Diagonale-Publikumspreis 2013.

Kulturwoche.at: Nachdem ich "Schlagerstar" gesehen habe, habe ich Marc Pirchers Lied "Anna Lena" nicht mehr aus dem Ohr bekommen - und das, obwohl ich kein Schlagerfan bin. Offenbar sind Schlager mächtiger, als manchen von uns lieb ist.

Gregor Stadlober (GS):  Es gibt eine Lücke zwischen Schlagerbashing und Schlagerpromotion. Mit unserem Film wollten wir Schlagern eine kritische Würdigung geben.

Wie war euer Zugang zu Schlagern, bevor ihr den Film gemacht habt?

GS: Ich weiß, dass ich nach zwei Bier bei dieser Musik anspringe und habe mich gefragt, warum. Mein Antrieb für den Film war Neugier.

Marco Antoniazzi (MA): Gregor hatte die Idee zum Film. Meine Sozialisation ist eine andere als die von Gregor. Ich hatte wenig Kontakt zu Schlagern. Bei mir funktioniert die Schlagermusik nicht - im Gegenteil.

Welche Erkenntnisse habt ihr durch den Dreh gewonnen?

GS: Ich bin im ländlichen Bereich aufgewachsen. Da wurden Stanzln gesungen und Hausmusik gemacht. Ich hab das also in mir. Volkstümliche Schlager unterscheiden sich weniger gravierend von Volksmusik, als ich angenommen habe, sie sind die kommerzielle Variante. Ich kann aber jetzt genauer sagen, welche Signale es sind, bei denen ich anspringe.

MA: Ich hatte ziemliche Vorurteile, und die wollte ich überprüfen. Es war ziemlich spannend, mir das näher anzuschauen. Ich habe gemerkt, dass sich meine Vorurteile - wie zu erwarten war - auf nichts gestützt haben.

Welche Reaktionen nach dem Screening bei der Diagonale haben euch überrascht?

MA: Ich war schockiert, dass jemand gesagt hat, dass Marc Pircher Nazitexte hat.

GS: Bei Schlagern sind die Texte ähnlich unwichtig wie in der Popmusik: Leute, die nichts damit zu tun haben, achten viel mehr auf die Texte. Ich habe auch Freude mit derben Geschichten aus dem Balz-Milieu.

MA: Ich habe die Textrezeption überschätzt: Auch eingefleischte Fans glauben nicht an jede Zeile. Sie schlucken nicht jeden Scheiß, der ihnen vorgelegt wird und sind wählerisch. Die Musik hat hauptsächlich einen sozialen Nutzwert. Dass die Fans bei sich zuhause vor der Palmentapete Schlager singen, ist ein Klischee. Schlagerfreaks gibt es sicher, aber nicht nach dem gängigen Bild.

GS: Die Leute sind Fans, aber sicher keine Fanatiker.

Erstaunlich ist, dass Marc Pircher bei all seinen Handlungen im Film und trotz der schnulzigen Musik relativ oberflächlich wirkt. Er grüßt jeden nett, macht mal einen Scherz, führt Smalltalk und fragt, wie es geht, aber er scheint es eigentlich nicht wissen zu wollen.

GS: Er bleibt relativ weit an der Oberfläche, aber er gaukelt den Leuten nichts vor. Natürlich geht es über "Wie geht's" und Schmähführen nicht hinaus, aber er kann nicht mit jedem befreundet sein, der auf seine Konzerte kommt. Es ist aber schon auch verblüffend, wie gut er seine Fans kennt und wie viele Leute er jedes Jahr zum Geburtstag anruft.

MA: Er ist ein Naturtalent, ein geborener Verkäufer.

Ihr habt den "Schlagerstar" Marc Pircher auch hinter den Kulissen, aber immer bei der Arbeit begleitet. Er wirkt dabei vor allem wie ein Geschäftsmann, der mit seinem Team über CD-Preise diskutiert und zwischendurch genervt laut übers Aufhören nachdenkt. Seine Frau und seine Tochter kommen nur am Rand vor und wirken wie Nebenfiguren in seinem Leben. Ist er dieser extreme Businessmensch?

MA: Unsere Absicht war es nicht, ein Portrait über Marc Pircher zu machen, sondern eine bestimmte Szene zu beleuchten. Das bisschen Private, das im Film vorkommt, ist das, was er als Teil seines Jobs sieht.

GS: Unser ursprüngliches Konzept war, verschiedene Facetten über verschiedene Personen zu erzählen. Wir hatten auch schon eine Nachwuchsgruppe gefilmt, aber das hat sich nicht so gut entwickelt, und es hat sich dann auf Marc Pircher zugespitzt.

MA: Marc Pircher macht sehr viel selbst. Die Branche funktioniert normalerweise viel arbeitsteiliger.

GS: Wir haben das Private herausgenommen, weil dann die Gefahr bestanden hätte, dass es ein Portrait über eine bestimmte Person wird. Wir wollten allgemein bleiben.

Es ist sicher selbst für jemanden, der häufig auf der Bühne steht, ungewöhnlich, so kontinuierlich von einer Kamera verfolgt zu werden. Gab es da irgendwelche No-gos seitens Marc Pircher?

MA: Er gefällt sich zum Teil überhaupt nicht, aber er hat diese Offenheit und ist sich dessen, was er macht, ziemlich sicher.

GS: In seinem Umfeld haben viele gegen den Film Einwände gezeigt, aber er hat sich das überlegt und ist zum Schluss gekommen, dass er zu sich steht.

Wart ihr überrascht, dass "Schlagerstar" den diesjährigen Diagonale-Publikumspreis eingeheimst hat?

MA: Wir haben nicht mit dem Preis gerechnet, aber bei der ersten Vorführung vor großem Publikum hatte ich schon ein gutes Gefühl: Mir gefiel der Film und dem Publikum auch. Im Vorfeld war die Kritik ja eher verhalten, es hieß: Wer soll sich das anschauen? Wir sitzen mit dem Film ja zwischen den Stühlen: Für die Kritiker ist er zu wenig desavouierend, und die Fans kennen das ohnehin. Aber ich denke, der Film hat diesen Zuspruch erfahren, weil es so etwas noch nicht gegeben hat.

GS: Normalerweise macht ja die Figur im Film eine Veränderung durch, das ist hier nicht der Fall. Anscheinend funktioniert es hier aber trotzdem, weil im Zuschauer die Veränderung stattfindet und sich die Hauptfigur quasi in ihm oder ihr entwickelt. Und ehrlich gesagt: Ich langweile mich in Filmen zunehmend, wenn ich emotional mitgenommen werde.

Interview: Alexandra Rotter

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Film-Tipp:
Schlagerstar

Bewertung: @@@@@
Regie: Marco Antoniazzi, Gregor Stadlober
90 Min./Digital Video/Farbe/Dolby Digital 5.1

Kinostart Österreich: 31. Mai 2013