struwwel_minichmayrBirgit Minichmayr wechselt oft die Perücke und ein Moderator betreibt Kindesbenutzung. "Struwwelpeter" im Burgtheater Wien. Eine Warnung.

Der neue Intendant der Burg zeichnet sich ja tendenziell nicht nur durch rätselhafte Großflächenplakate im Stil von Worthülsenlistungen aus, sondern auch durch den dramaturgischen Zugang "Klotzen statt Kleckern". Also: ganz viele Premieren hintereinander in kürzester Zeit, als gälte es, den Hahnenkamm schnöselhaft hinab zu sausen oder zumindest ein Ring-Rund-Rennen zu gewinnen. Zudem hat dieser in der Morak/Schüssel Zeit bestellte dramaturgische Wunderwuzzi nach seinem dahinplätschernden Zürich Intermezzo ein klares öffentliches Bekenntnis zum Scheitern in Wien abgegeben. Sei ihm doch grundsätzlich unbenommen, aber Steuerzahlers Freude ob dieses programmatischen Nicht-Könnens im Angesicht von zig Millionen Jahressubvention ist enden wollend.

Pädagogik aus dem 19. Jahrhundert

Eines dieser neuen, ergötzlichen Rasanzprodukte aus Hartmanns Premieren-Drive-In ist die in der Regie von Stefan Pucher erstellte - ja, was ist es eigentlich: Happening, Performance, Übungsstunde, Etüde des Scheiterns? – Version des Handbuchs der schwarzen Pädagogik aus dem 19. Jahrhundert, der "Struwwelpeter". Was der Abend an der Burg will, ist nicht so ganz klar, es gibt Musik von professionellen Rockmusikern, die durchaus eine zeitlang zu gefallen weiß, aber mit stellenweise nervig überlauten Rockklängen. Diese sollen wohl das Bürgertum in Furcht versetzen, oder so, irgendwie. Ein älterer Abonnent neben mir machte das einzig richtige und hielt sich bei den gellenden Passagen die Ohren zu.

Schub der Moderne

struwwel_101struwwel_15sAch ja, und dauernd Videos natürlich. Wow, welch Schub der Moderne, welch genialer Regiestreich, ohne den deutschsprachiges Theater sich scheinbar gar nicht mehr zu helfen weiß. Die Videos zeigen, manchmal, was vorher schon gesagt wurde, aber langsamer, langweiliger und schlecht projiziert. Manchmal zeigen sie hässliche Orte. Wie die Kindheit wohl immer auch hässlich ist, jedenfalls in Puchers Sichtweise. Vermutlich eine allerhöchst intendierte Unschärferelation. Was der Zusatznutzen, der Lustgewinn oder auch nur der Dekoreffekt von exzessiv eingesetzten Großbildprojektionen sein soll, während sich zu gleicher Zeit die Darsteller um Fokusgewinn bemühen, bleibt dezent verborgen, aber ich bin ja auch einer mit der naiven Ansicht, dass ich gern einer Aufführung folgen können möchte. Diese Gefahr ist bei Struwwels an der Burg nicht gegeben. Damit es aber auch nicht vergessen wird, das inflationäre zitternde Pixelinferno, wird ein sogenanntes Programmheft mit Standfotos aus den Videos aufgebläht, damit keiner merkt, dass es sonst nichts weiter zum Stück zu sagen gibt. Also bleibt eine Abfolge von Songs.

Wir blasen einen großen Ballon auf

struwwel_103struwwel_02sDazu Minichmayr: packend schneller Perückenwechsel (weil sie spielt ja mehrere Figuren), einmal blond, einmal rot, einmal lang und einmal kurz. Packend schneller Kostümwechsel (weil sie spielt ja mehrere Figuren), einmal knapp, einmal weit, einmal rot, einmal gelb. Singen tut sie auch. Das hat drei Lieder lang noch einen gewissen Reiz, danach verlieren sich Arrangements und Gesang in abgeschmackter, selbstperpetuierender Verwechselbarkeit. Eine rauchige Stimme ist eine rauchige Stimme und noch keine Liedinterpretation. Selbige wäre auch eine Aufgabe der sichtlich infantilen Regie gewesen (ja, oho, wir schütten Erde auf, ja, oho, es gibt ein Spießersofa, ja, oho, wir blasen einen großen Ballon auf, wenn sich schon sonst nix tut in der Geschichte). Arbeitet Birgit Minichmayr an einer Gesangskarriere? Will Pucher ein Rockmusical inszenieren? Man bangt zitternd ob dieser Perspektive.

Reale Kinder auf der Bühne des Burgtheaters heute

Wirkliche Wut stieg in mir auf, als Kinder über die gesamte Länge dieses entbehrlichen Abends vor den Vorhang gezerrt, lächerlich gemacht und in zynischer Weise als Aufputz für diesen weitgehend spannungsfreien Abend benutzt wurden. Benutzt vom Talkmaster bei Struwwels, benutzt von der voyeuristischen Regie und benutzt von einer Produktion, die mangels anderer Reize auf das ausgestellte Niedliche setzt. Erwachsene Menschen haben noch einen gewissen Grad an Freiwilligkeit vorzuweisen, wenn sie sich an einem solchen Abend mitschuldig machen, aber darstellende Kinder dezidiert in peinliche Lagen zu bringen und herabzuwürdigen (nein, nicht als Geschichte im Struwwelpeter, sondern reale Kinder auf der Bühne des Burgtheaters heute) war unappetitlich und verursachte Brechreiz. Nicht über noch immer existente schwarze Pädagogik, sondern über das gefühl- und instinktlose Vorführen in diesem belanglosen Gesangshappening mit Talkshowgeplapper.

Wenn ein Xylophon versenkt wird

struwwel_112struwwel_110Dies ein letztes, elendes, Stichwort. Ja, Talkshows sind nervig und geisttötend und deren Moderatoren wahrlich kein Gewinn an Kurzweil, aber ich muss das nicht auch noch einmal auf einer Bühne vorgeführt bekommen. Danke, Herr Pucher, danke, Herr Hartmann, ich verstehe schon auch so, dass es nervtötende Moderationen gibt. Ich brauche zu diesem Erkenntnisgewinn keinen abgenutzten dramaturgischen Holzhammer. Und sprachlich wäre dem Moderator einmal eine Reflexion über Artikulation und Dialektfärbung anzuraten. Neben rein akustischer Unverständlichkeit blieb ein Rätseln darüber, wer dieser Plapperant wohl sei und warum er in einem stolpernden Duktus von Dialektsammelsurien dahinplauscht. Gleich zu Beginn versenkte er sein Xylophon im Parkett und verfehlt die Beine der Zusehenden um Haaresbreite. Aktionstheater am Ring. Das war einer der handlungsintensivsten Momente.

Wir von der "Scheitern und Kunst GmbH"

Der Boden der vorgezogenen, dennoch unübersichtlichen Bühne (nein, wozu?, freie Sichtachsen halten wir nicht ein bei Bühne und Regie, das wäre wohl ein bisschen reaktionär und zu wenig dem Paradigma des Scheiterns verpflichtet, wir von der "Scheitern und Kunst GmbH" freuen uns darüber, das ein gutes Drittel des Publikums nichts von der Bühne sieht) tat sich manchmal auf und verschluckte unliebsame Bühnenelemente. Oh, hätte er sich nur weit genug geöffnet. Die liebsamen Bühnenelemente waren rar an diesem Abend. Wer modernes, spannendes Musiktheater mit hohem sprachlichem Anspruch sehen möchte, dem sei in München Black Rider im kleinen Off Metropoltheater angeraten. Bei "Struwwelpeter" in der hochnobligen Burg wird man diesbezüglich jedenfalls nicht fündig. (Text: Tantris; Fotos: Georg Soulek / Burgtheater)

struwwel_154Kurz-Infos:
Der Struwwelpeter
Bewertung: @

Nach Heinrich Hoffmann
Bearbeitung: Julian Crouch, Martyn Jacques, Phelim Mc Dermott

Regie: Stefan Pucher
Darsteller: Birgit Minichmayr, Petra Morzé, Michael Masula, Jacques Palminger
Spielort: Burgtheater Wien