Vom Suchen und Finden handelt dieser Teil über Pink Floyd, aber ebenso vom langen Abschied, dem Entschweben in die Endlosigkeit, in den Strom der Zeit. "

The Early Years 1967 - 1972" (VÖ: November 2016), komprimiert auf zwei CDs (27 Tracks, davon 19 bisher unveröffentlicht) bzw. im vollen Umfang in einem 27-Disc-Deluxe-Boxset mit einer gesamten Spielzeit von 12,5 Stunden (130 Tracks) und mehr als 15 Stunden Videomaterial, geben Auskunft von einer Band, die in diesem Zeitraum nicht genau wusste, wohin sie der Weg führen wird. Heute wissen wir es: Letzten Endes brachte es die Band zu einem leisen Dahingleiten über nebliges Gewässer, dargebracht auf 18 dahinplätschernden Jam-Session-artigen Musikstücken ohne irgendeinen Anspruch auf irgendwas namens "The Endless River" im Jahr 2014.

Reunion für drei Tage und 25 Minuten

Dabei war die Ausgangslage für ein weiteres Album eigentlich hervorragend: Es gab keinerlei Erwartungen an die Band, die es ja de facto nur noch als Symbol gab. Ein dermaßen starkes Symbol, das durch den Auftritt der Herren Gilmour, Mason, Wright und - Überraschung! - Waters, bei Live 8 quasi potenziert wurde, denn wenn sich sogar diese vier Streithanseln zusammenraufen können und live auftreten, dann sollten auch globale Probleme lösbar sein. Und bitte, es waren ja weitaus mehr als 25 Minuten für diese einmalige Reunion notwendig. Sie mussten sich die Lieder wieder gemeinsam erarbeiten, da Waters bei seinen Live-Konzerten und die restlichen drei bei ihren Auftritten die alten Songs in ihrem Sinne adaptierten.

Gruppenumarmung als Symbol für die gesamte Veranstaltung

Immerhin drei Tage waren dafür notwendig, um für den 5. Juli 2005 gerüstet zu sein. Millionen von Zuschauern waren ebenso bewegt wie die vier Herren von Pink Floyd. Die Gruppenumarmung nach dem letzten Lied war denn auch das Bild, das in den nächsten Tagen als Symbol für die gesamte Veranstaltung am häufigsten in den Zeitungen erschien. Hoffnung für eine weiterreichende Reunion wurde allerdings schnell im Keim erstickt. David Gilmour: "Ich kann für mich kategorisch sagen, es wird keine Tour, kein Album geben, wo ich mitspiele … das ist vorbei." Im Verlauf der nächsten Jahre erhielt diese Aussage immer mehr Gewicht, sodass kaum jemand noch an ein neues Album glaubte, das unter dem Namen Pink Floyd firmiert. Umso weniger, nachdem Richard Wright 2008 starb.

Eine Frage, die seit jeher gestellt wurde

"The Endless River" ist somit nicht nur formeller Abschied der Band Pink Floyd, sondern zugleich ein Tribut an Richard Wright. Die Aufnahmen stammen von den 1994er Jam-Sessions von Richard Wright, David Gilmour und Nick Mason zu "The Division Bell" (s. Teil 1 unserer Serie). Auch da waren sie auf der Suche, im Gegensatz zu "The Early Years" suchte die Band allerdings nicht nach ihrer Zukunft, sondern sie suchte vielmehr nach Bezugspunkten in ihrer eigenen Band-Vergangenheit. So lau und aschfahl einiges auf "The Endless River" in der eigenen Langeweile zu ersticken droht - streckenweise ist das zu Gehör gebrachte zumindest gefällig und in einer gewissen Weise schön anzuhören. Einlullend, aber schön. "Wir verabschieden uns von dem Ganzen", erklärte David Gilmour gegenüber dem Rolling Stone, und: "Alles von Wert ist drauf (auf der Platte). Es noch einmal zu versuchen, würde bedeuten, nur das Zweitbeste zu spielen. Das reicht mir nicht."

Wie hat ein Pink Floyd Album zu klingen?

Nach Veröffentlichung von "The Endless River" stand einmal mehr die Frage im Raum, ob das noch Pink Floyd sei bzw., wie quasi ein Pink Floyd Album zu klingen habe. Eine Frage, die seit jeher gestellt wurde - zunächst allerdings von der Band selbst, seit Syd Barrett von David Gilmour ersetzt wurde und sich Pink Floyd auf die Suche begab, wie es ohne Songwriter weitergehen könne. "The Early Years 1967 - 1972" geben darüber Auskunft - so ausführlich wie man es sich selbst wünscht - je nachdem, ob man sich für die Doppel-CD oder für die 27-CD-DVD-Blu-ray-Ausgabe entscheidet. Nachdem uns die Plattenfirma leider nur die Doppel-CD zur Verfügung gestellt hat, kann an dieser Stelle nur auf diese eingegangen werden.

Frühe Hits und unveröffentlichte Versionen

CD 1 bietet u.a. altbekannte Klassiker in den altbekannten Versionen, so z.B. "Arnold Layne", "See Emily Play", "Matilda Mother", "Jugband Blues" und die Single-Version von "Careful with that Axe, Eugene". Andere ebenso bekannte alte Hadern wie "Grantchester Meadows", "Interstellar Overdrive", "Cymbaline" sind als bis dato unveröffentlichte Versionen aus BBC Sessions oder diversen Live-Konzerten draufgepackt. Auf CD 2 ist hier vor allem die 1970 in Montreux aufgeführte Band-Version von "Atom Heart Mother" als echtes Zuckerl zu erwähnen, sowie das als Work in Progress angeführte "Nothing Part 14", das später als "Echoes" auf dem Album "Meddle" für Furore sorgen sollte. Wer sich näher mit Pink Floyd befasst (so wie ich z.B.), ist die vorliegende Doppel-CD allerdings ein viel zu kurzer Ausschnitt der frühen Jahre von Pink Floyd. Einerseits. Andrerseits ist die 27-Disc-Version zwar mit Sicherheit eine wahre Schatztruhe, aber mit einem Verkaufspreis von 500 € (+/-) unverschämt teuer. Die Box ist in sieben Segmente unterteilt, und - aufgepasst! - mit einer Ausnahme wird jedes der unterschiedlich in Buchform gestalteten Segmente zu Beginn des Jahres 2017 auch einzeln erhältlich sein. Da kann man sich dann wenigstens entscheiden, ob man eine weitere Ausgabe vom Konzert "Pink Floyd Live At Pompeii" benötigt oder nicht. Bis dahin muss halt die abgespeckte 2-CD-Version von "The Early Years 1967 - 1972" herhalten, um ein paar mehr als hörenswerte Raritäten aus dem Hause Pink Floyd erstmals zu Gehör zu bekommen.

Blöde Situation

Irgendwann, das Debüt-Album "The Piper at the Gates of Dawn" war bereits veröffentlicht (s. Teil 4), saßen Pink Floyd in der Falle. Die "Lichterkönige Englands" (wie sie in den Syd-Barrett-Jahren des öfteren angekündigt wurden) wurden so nach und nach gewahr, dass sie mit Syd Barrett nicht weitermachen konnten, gleichzeitig dachten sie aber, ohne ihn nicht auszukommen. Das ist wohl die denkbar blödeste Situation, die einer Band passieren kann, und Jahrzehnte später, kurz nach dem Tod von Syd Barrett im Jahr 2006, erklärte ein tief bewegter David Gilmour, auf die Frage, warum er nicht beim Begräbnis von Syd war: "Ich verlor Syd vor 30 Jahren." Auch die anderen waren nicht bei der Einäscherung dabei, denn in Wahrheit haben Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason die Trauer bereits voll ausgelebt, auf den Alben "Dark Side of the Moon", auf "Wish You Were Here" und auf "The Wall".


Fürchterliche Scheiße (Nick Mason)

Ohne Syd Barrett wäre Pink Floyd nie an den Start gegangen, und Pink Floyd ohne Syd Barrett war der Schlüssel für den enormen Erfolg in kreativer Hinsicht. Sein Fehlen motivierte die Band in einem ungeahnten Ausmaß und nur in einem Paralleluniversum weiß man, wie die Bandgeschichte mit einem gesunden Syd Barrett weitergegangen wäre. In der uns bekannten Musikgeschichte begann Roger Waters nach dem Abgang von Syd Barrett die musikalische Richtung der Band zu bestimmen. Nur war da nicht viel, um nicht zu sagen, nichts. Nick Mason bezeichnete sogar die ersten Songwriting-Versuche von Wright und Waters kurz und bündig als "fürchterliche Scheiße". Als Wendepunkt nach dieser Flautezeit wird allgemein das im Kollektiv geschriebene Instrumentalstück "A Saucerful of Secrets" angesehen (s. Teil 5). Eine von Mason und Waters angefertigte Zeichnung mit "verrückten Formen" war der Ausgangspunkt eine musikalische Struktur zu finden. So viele Schwächen letztendlich das zweite Pink Floyd Album auch hatte, beeindruckend ist zumindest die Entschlossenheit weiterzumachen. Für Pink Floyd bedeutete "weitermachen" zunächst einmal nur eines: Konzerte, Konzerte, Konzerte.

BBC Sessions und andere Live-Mitschnitte

Eine Amerika-Tournee führte sie in der ersten Hälfte von 1968 nach New York, L.A., San Francisco, Philadelphia, Washington und Michigan, im zweiten Halbjahr tourten sie durch die Universitäten in ganz Großbritannien, und es gab Auftritte in Frankreich, Belgien, Niederlande und Italien. Auf der Doppel-CD wurde dieser Zeitraum leider zur Gänze ausgeblendet, dafür ist das darauffolgende Jahr 1969 gut vertreten. Überragend hier vor allem "Cymbaline" (BBC Session) und "Interstellar Overdrive" (Live at The Paradiso) - letzteres eine atemberaubende Performance mit einer entfesselten Band, wohingegen "Cymbaline" aus dem Soundtrack zum Film "More" stammt und eine gänzlich andere Stimmung verbreitet, einen fast schon unschuldig wirkenden Naturalismus, der in diesen frühen Jahren bei Pink Floyd immer wieder mal auftaucht (s. Teil 2).

Es fehlte immer etwas, um perfekt zu sein. Es war die Hölle, die reine Hölle. (Roger Waters)

Apropos Soundtrack: Der Schwerpunkt von CD 2 widmet sich dem Soundtrack von "Zabriskie Point" von Regisseur Michelangelo Antonioni, der letzten Endes nur drei Musikstücke von Pink Floyd verwendete, "obwohl wir", wie sich Roger Waters einmal erinnerte, "einige tolle Sachen machten. Aber es fehlte immer etwas, um perfekt zu sein. Was wir auch änderten, er (Antonioni; Anm.) war damit immer noch unzufrieden. Es war die Hölle, die reine Hölle." Abgewiesen hatte Antonioni u.a. ein Lied von Richard Wright, das später auf Dark Side of the Moon veröffentlicht wurde, nämlich "Us and Them".

Kompletter Zufall

Der große Durchbruch gelang Pink Floyd 1970 mit jenem Album, von dessen Cover eine Kuh glotzt (s. Teil 3). Das Titelstück findet sich auf der "Early Years" Doppel-CD in Form einer Band Version Live in Montreux. Die jüngsten Aufnahmen auf "Early Years" stammen schließlich vom Soundtrack-Album "Obscured by the Clouds" (s. Teil 2) und von "Meddle", worauf zwei Geniestreiche zu hören sind, nämlich "One of These Days" und das gigantomanische "Echoes" (für mich eins der besten Songs der Rockgeschichte). Ein seltsames Geräusch, ausgelöst von einer bestimmten Note, während Wright am Klavier klimperte, war die ursprüngliche Idee für "Echoes", das am Beginn noch "Nothing Pt. 1-24" hieß, und später dann "Return of the Son of Nothing". David Gilmour erzählte es folgendermaßen: "Es war eine Art Feedback. Ping! Es war kompletter Zufall. Wir meinten, das ist super, und verwendeten es als Anfang der Nummer."

Dramatiker erster Güte

In jener Zeit waren sie absolute Kritikerlieblinge. Die Sunday Times schrieb in einer Konzertkritik über die Band: "Der Ehrgeiz von Floyds künstlerischem Anspruch ist enorm. Und doch haben sie trotz der multimedialen Intensität ein untrügliches Gefühl für die Melancholie unserer Zeit. (…) Sie sind Dramatiker erster Güte." Und tatsächlich ist das dramatische Potenzial der Band auf "The Early Years 1967 - 1972" gewissermaßen omnipräsent. Egal wie man zu den Spätwerken von Pink Floyd steht, diese Band gilt es weiterhin in ihrer Gesamtheit zu entdecken. //

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5

Text: Manfred Horak
Fotos: Hipgnosis; Live 8

Pink Floyd: The Endless River
Musik: @@1/2
Klang: @@@@@@
Label/Vertrieb: Parlophone / Warner (2014)

Pink Floyd: The Early Years 1967-1972 Cre/ation
Musik: @@@ - @@@@@@
Klang: @@@@@
Label/Vertrieb: Parlophone / Warner (2016)