Das Ensemble des 2016 gegründeten Kulturvereins Wiener Spielwut zeigt in seiner neuesten Inszenierung "Die Gretchen 89ff.", wie man bestes Theater abseits der großen Bühne macht.

Auch wenn Goethes Figur des Gretchens namensgebend für den Text von Lutz Hübner ist, nimmt das Stück, unter der Regie von Lisa Maier, gezielt Abstand von angestaubten Erzählformen. "Theater ist schrecklich, Theater ist eine Zumutung", heißt es gleich zu Beginn in der Stückbeschreibung. Provokant? Vielleicht! Am Ende scheint jedoch keiner der Besucher und Besucherinnen diesen (Nicht-)Theaterabend zu bereuen. Dafür sind die Lacher über das Spiel zu ehrlich und die Botschaft des Stückes zu wahr.

Der Streicher ist eine besonders empfindsame Subgattung des männlichen Regisseurs. Irgendwo zwischen seinem Durst nach Harmonie und hoffnungsloser Zerstreutheit, macht er seiner Gretchen-Darstellerin das Leben schwer. Was dem Streicher - der seinen Namen dem unentwegten Rausstreichen von überflüssig erscheinenden Textstellen verdankt - an Autorität fehlt, bringt der Schmerzensmann zu viel an den Arbeitsplatz. Dieser Regietypus kompensiert den ausbleibenden Erfolg gern durch die Erniedrigung von Hospitant und Darstellerin. Wobei er verglichen zu seinem Stereotypenkollegen, dem Freudianer, nur Teilzeit-Sexist ist. Für den Freudianer ist die Bühne dazu da, seine sexuellen Fantasien und sich selbst zu zelebrieren. Schließlich sei auch Goethe "versaut bis in die Knochen gewesen" und sein Image nur so rein, da die "Literaturgeschichte ihn kastrierte."

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Weg mit der Werktreue - her mit den Alternativen

Das Publikum besucht ein Theater im Theater. Verfolgt einen Probeprozess in Dauerschleife, der die Kästchenszene, Szene 89ff., in Goethes Klassiker thematisiert. Es wird die gleiche Situation gespielt. Immer wieder anders. Der aufreibende Dialog zwischen einer Schauspielerin in der Rolle des Gretchens und ihrem Gegenspieler, meist zugleich Gegner: Dem männlichen Regisseur. Erniedrigungen, Diskreditierung und destruktive Kritik sind an der Tagesordnung. #MeToo - We feel you! Die Rede ist hier natürlich immer von Stereotypen, das macht die Inszenierung deutlich. Dass fast alle Theaterhäuser bis heute von einem Männerüberschuss regiert werden aber auch.

Weg mit der Werktreue. Her mit Alternativen und der Lust am Theatermachen. Goethe hatte vor 200 Jahren vielleicht die poetischen Hosen an, als er seinen Lesern erzählte, dass Gretchen ihren Faust über deren Tod hinaus verfallen war. Da die emanzipierte Margarete, Faust sein teuflisches Schmuckkästchen vor die Füße werfen würde, etabliert die moderne Version ein anderes Frauenbild. In "Die Gretchen 89ff" zeigen die von Tara Meister betexteten Zwischensequenzen keine Pausen-Püppchen, sondern machen klar, dass die Zukunft der Frauen am Theater nicht nur rosig, sondern sogar ultraviolett aussieht. Es gibt in der Debatte über Gleichberechtigung und Frauenquote kein Schwarz und Weiß. Dafür eine ultraviolette Position, für die die jungen weiblichen Theaterschaffenden bereit sind zu kämpfen.

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Keine Krümel, kein Stück - sie wollen mindestens den halben Kuchen

Die vierköpfige Leitung, das Base Team, die helfenden Hände auf und hinter der Bühne. Wiener Spielwut knackt die 30 Prozent Grenze an weiblicher Belegschafft deutlich, die an den meisten deutschsprachigen Theatern nur langsam realisiert wird. An diesem Theaterabend waren starke Frauen am Werk, die wissen was sie auf die Bühne bringen wollen. Den feministischen Zeigefinger lässt die Gruppe dabei aber in der Tasche und will bewusst kein Exempel für ein reines Frauentheater statuieren. Die Mischung macht es. Eine faire Quote eben. Es lässt sich schließlich nicht leugnen: die Idee mit den Brotkrumen war nicht die beste und ohne seine Gretel wäre Hänsel letztendlich im Ofen gelandet. //

Text: Kim Höbel
Fotos: Rosanna Stark

Die Gretchen 89ff. nach dem Originaltext von Lutz Hübner
Text: Tara Meister
Wiener Spielwut
Bewertung: @@@@@
Kritik zur Premiere in Die Schöne am 11.04.2019
Regie: Lisa Maier
Produktionsleitung: Isabell Bröker
Bühnenbild: Luca Frantzmann
Requisite: Nele Fierdag
Kostüm: Caro Rabenort
Technik: Daniel Saravia, Max Cornelius
Musik: Erik Kommol, Miles Effertz, Jakob Uhl

Mit Johannes Ayerle, Johanna Wildling, Georg Rauber, Kim Rabenort, Johannes Rogi, Sabine Hödl, Flavia Lefèvre, Robin Lüddecke, Fabian Krempus, Luca Frantzmann, Isabelle Bonin, Ines Winkelhofer, Katharina Zapf, Nele Fierdag, Isabell Bröker, Nick Diel-Thiele, Olivia Al-Slaiman, Marcela Catalán Lorca.