Filmkritik Viennale 2010: Potiche von Francois Ozon
Denkt man an
französischen Film, so kommen einem Catherine Deneuve und Gérard Depardieu in
den Sinn. Denkt man an französische Komödien, so auch unweigerlich Luis de
Funès. In "Potiche" brachte Francois Ozon die Erfahrung der einen mit dem Erbe
des anderen zusammen.
"Potiche"
heißt zu Deutsch Popanz, Staffage, Repräsentationsfigur oder runde
Porzellanvase. Letzteres ist Catherine Deneuve auch in höherem Alter nicht.
Vielmehr als die Rolle eines Schmuckstücks für den Mann kommt ihrem
FilmcharakterSuzanne Pujol jedoch nicht
zu. "Deine Aufgabe ist es, meiner Meinung zu sein", klärt sie der
Filmgatte auf und man könnte nun denken, es handele sich um einen
sozialkritisch-feministischen Film, der die Unterdrückung der Frau in den
späten Siebzigern beleuchtet. Ganz falsch liegt man damit auch nicht, jedoch
ist dieses Gesellschaftsporträt ein überzeichnetes und statt Beklommenheit
ergreift einen das starke Gefühl, lachen zu müssen. Warum? Franzosen reden von
je her gestenreicher, die Schauspieler hier aber agieren so motiviert, das es
eben das Bisserl zu viel ist und klar wird, dass es sich um eine Persiflage
handelt. Hier klingt wie in vielen französischen Komödien das Werk Luis de
Funès' nach: Man übertreibt jede Regung, fällt sich ins Wort und glaubwürdig
inszenierte Situationskomik gibt es nicht - die Szenen sind forciert
humoristisch zugespitzt. Besonders hervorzuheben ist hier Fabrice Luchini, der
den chauvinistischen Ehemann und Fabrikdirektor Robert spielt. Köstlich, wie er
erregt ist und in der nächsten Sekunde seinem Gram erliegt, um gleich darauf in
Wut wieder an die Decke zu gehen.
Perfekte
Föhnfrisuren
Wunderbar auch
die beinahe schon schrille Farbigkeit dieses Jahres 1977, die an Ozons vorige
Adaption eines Bühnenstücks erinnert: "8 Femmes", ebenfalls mit
Catherine Deneuve. Perfekte Föhnfrisuren, perfekte Kleidung und perfekte
Ausstattung machen den Film zu einem Augenzuckerl. Zur Handlung: Nachdem die
Pujolsche Regenschirmfabrik bestreikt und der Chef als Geisel genommen wird,
kann nur der Bürgermeister und ehemalige Arbeiterführer Maurice (alias Gérard
Depardieu) helfen. Dem linksallergischen Fabrikchef Robert beschert das
Eingreifen dieses ideologischen Erzfeindes einen Infarkt und so muss seine Frau
vorübergehend der Firma vorstehen. Natürlich macht sie alles besser und
natürlich gefällt das dem wieder gesundeten Gatten nicht. Es beginnt ein
Machtkampf zwischen der Matriarchin nebst sozialistischem und feinsinnigem Sohn
und dem Vater, der die konservative Tochter an seiner Seite hat. Zugespitzt
wird die Situation durch den Bürgermeister, dessen Wege die Suzannes in der
Vergangenheit schon einmal kreuzten.
Mehr als
Komödie: Das Lustspiel nimmt sich auf den Arm
Gezeigt werden
hier Gegensätze ohne verschwimmende Grenzen: Brachialkapitalismus versus Kommunismus,
häusliche Frauen versus betrügende Männer und "falsch" gegenderte,
also weibliche Männer gegen männliche Frauen. So ist die Welt natürlich nicht. Das
bunte Universum hier muss natürlich schwarz-weiß konstruiert werden, um aus dem
Stoff eine Posse zu machen. Es klingt aber auch eine differenzierte Weltsicht
an: In der Figur der Tochter werden die Schwierigkeit der Emanzipation und ein
komplizierter psychischer Vervielfältigungsmechanismus evident. Ihrer Mutter
rät sie, sich scheiden zu lassen. Selbst jedoch ist sie ihrem sich immer auf
Geschäftsreise befindenden Mann hörig, gibt ihm zuliebe ein selbstbestimmtes
Leben auf. Gegen das eigene Postulat setzt sie das Leben ihrer Mutter fort. Sie
sabotiert deren Arbeit, obwohl sie sie bewundert und ordnet sich einer weiteren
männlichen Autorität, nämlich der des Vaters, unter. Der Film persifliert sich
da selbst: Die Posse nimmt sich auf die Schippe und wird ein 'Ernst'. Diese
Fusion von herrlich leichter Unterhaltung und Abgründigkeit ist sehr fein
anzuschauen und ehrlich: Eine lebensfremde Alles-geht-in-Erfüllung-Komödie will
eh keiner sehen. Die Rolle des
unterdrückten Heimchens spielt Catherine Deneuve nicht gut. Sie könnte es wohl
besser, wenn es vorgesehen wäre. Von Anfang ist eben klar, dass es kein
schwerer Film ist. Egal ob im Adidas-Trainingsanzug oder als sie mit Pelzen und
Brillanten behängt wie ein Christbaum vor der revoltierenden Arbeiterschaft spricht - sie ist in ihrem komödiantischen Element. Mit Dépardieu in der Diskothek
spielt sie mit ihrem Alter und als Chanteuse zum Schluss ist sie ganz die Diva,
als die sie nicht nur die Franzosen lieben. Auch die Wiener: So gab es bei der
Vorführung im Künstlerhaus (natürlich nicht nur für sie) sogar Szenenapplaus.
Ein rares Phänomen - der Qualität des Filmes angemessen. (Peter Baumgarten)
Film-Infos:
Potiche Frankreich, 2010, Länge: 103 Minuten Bewertung: @@@@@ Regie:François Ozon Drehbuch:
François Ozon nach einem Bühnenstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy
Kamera: Yorick Le Saux
Schnitt: Laure Gardette Ton: Benoît Gargonne Musik: Philippe Romby Ausstattung: Katia Wyszkop Kostüm: Pascaline Chavanne Darsteller: Catherine Deneuve (Suzanne Pujol), Gérard Depardieu (Maurice Babin),
Fabrice Luchini (Robert Pujol), Karin Viard (Nadège), Judith Godrèche (Joëlle),
Jérémie Régnier (Laurent Pujol) Verleih in Österreich:Filmladen Filmverleih
Österreichische Erstaufführung: Im Rahmen der Viennale 2010