9_11 Musikalische Reflexionen auf Katastrophen, Krieg und Krisen gibt es seit jeher. In der Popularmusik zu Beginn des 20. Jahrhunderts z.B. gab es unzählige Blueslieder zu weltbewegenden Themen, sei es im Besingen vom Untergang der Titanic, sei es in unzähligen Liedern über die große Mississippi-Überschwemmung 1926/1927. Diese unbedingte Reflexion quasi aus dem Moment heraus zieht sich wie ein roter Faden durch die Musikgeschichte und durch die diversen Musiklandschaften. Nicht anders bei den unsäglichen Geschehnissen am 11. September 2001.

Die Musikszene reagierte sehr schnell, von Enya (die mit "Only Time" die inoffizielle Hymne zu 9/11 schuf) über die gescheiterten Versuche von Neil Young diesem Thema gerecht zu werden bis hin zu Bruce Springsteens Album "The Rising". Am anderen Ende des Spektrums gab es aber auch widersinnige Verbote, wie z.B. jene, John Lennons "Imagine" im Radio nicht mehr zu spielen. Der 11. September 2001 hatte aber auch zur Folge, dass etliche Live-Konzerte in den USA abgesagt wurden bzw. abgesagt werden mussten. Am Jahresgedenktag findet mittlerweile in NY City ein stark vernetztes Musikspektakel unter dem Titel "The September Concert" statt. Im Jahr 2005 traten beispielsweise am 11.9. in 117 Konzerten mehr als 3.000 Künstler in diesem Zusammenhang auf, und auch 2006 ist wieder ein üppiges Programm angekündigt (s. Link-Tipp). Ich möchte aber an dieser Stelle auf zwei Veröffentlichungen hinweisen, die bereits im Jahr 2002 bzw. 2005 auf den Markt kamen, von ihrer Spannungsgeladenheit und Intensität weit von Bemühungen anderer herausragen und für sich stehen.

Here come the planes

anderson_laurie_live_at_town_hallDie beiden Tonträger "Live at Town Hall New York City September 19-20, 2001" von Laurie Anderson und "Without A Song - The 9/11 Concert" von Sonny Rollins geben wider, was man in Gedenken an diesen Tag in sich trägt, vor allem Trauer und Hoffnung. Laurie Anderson, die Multimedia-Künstlerin und Lebensgefährtin von Lou Reed, spielte anlässlich des Terroranschlags erstmals seit etlichen Jahren wieder einige ihrer älteren Lieder aus den 1980er Jahren, so z.B. auch "O Superman", ein Lied, das sie aufgrund der Iran-Contra-Affäre schrieb [Einnahmen aus geheimen Waffenverkäufen an den Iran wurden an die rechtsgerichteten Contras in Nicaragua weitergeleitet, um diese gegen die Sandinista-Regierung zu unterstützen; Anm.], über einen lang anhaltenden Konflikt zwischen Islam und Westen also, wie die Sängerin notierte, und: "It wasn't that the songs were 'prophetic' as several reviewers pointed out. It was simply that this war was still going on." Als 'prophetisch' angesehen wurden dabei in erster Linie jene Textzeilen aus "O Superman", in dem es heißt: "Here come the planes. They're American planes. Made in America". Und wohl auch ihr Lied "From the Air" fällt in diese Kategorie, das sie aber an diesen Abenden nicht sang. Wer das Lied und den Text kennt, weiß warum. Das Doppelalbum, aufgemacht in bemerkenswert schlichtem und von daher umso auffälligerem Design, ist ein komprimiertes Road-Movie, das zwar nicht ganz an ihr 8-stündiges Hauptwerk "United States I-IV" (Warner; 1980) herankommt, aber mit unglaublicher Intensität besticht. Ein Live-Dokument, das gebündelt zwischen schaurigem Grusel und Trauerarbeit sowie Lichtstrahlen von Hoffnung fasziniert. Musikalisch breitet sich Laurie Andersons Klangteppich in gewohnter Qualität aus, auch wenn das utopische ihrer Musik längst von der Gegenwart eingeholt wurde (aber nicht überholt) und ihre Erzählungen zwischen und während den Liedern sind soundso pure Magie.

Global Warming

rollins_sonny_without_a_songGanz anders, aber eben auch sehr ähnlich, verhält es sich mit dem am 15. September 2001 im Berklee Performance Center in Boston abgehaltene und auf Tonträger verewigte Konzert vom 76-jährigen Saxofongiganten Sonny Rollins, dessen Saxofonspiel übrigens auch etliche Nicht-Jazzinteressierte kennen, da er auf dem Rolling Stones-Album "Tatoo You" auf "Waiting for a Friend" zu hören ist. In "Die Zeit" sagte Rollins über Sinn und Zweck seiner Musik: "Es gibt eine ganze Menge kriegerischer Musik, die dafür sorgt, dass Menschen in ein Flugzeug steigen und Bomben abwerfen auf andere Menschen. Und die Musik gibt ihnen das Gefühl, das Richtige zu tun. Musik kann benutzt werden, um zu zerstören. Sie kann aber auch benutzt werden, um etwas aufzubauen. Meine Musik soll dazu beitragen, etwas zu erschaffen. Ich möchte Musik des Lebens machen, daran glaube ich." Der im Jahr 2005 erschienene Tonträger "Without A Song - The 9/11 Concert" - sein erstes Live-Album seit 20 Jahren - führt durch die extraordinären Kolosse "Where Or When", "A Nightingale Sang in Berkeley Square", "Why Was I Born?" und das karibisch anmutende "Global Warming", zeitigt aber zu Beginn auch seine Schwäche mit einem klassischen Fehlstart, bzw. einem nach Aufwärmübung klingenden "Without A Song". Sonny Rollins, der sich am 11. 9. 2001 nur sechs Ecken weiter vom zerstörten World Trade Center in seinem Appartement befand und evakuiert werden musste, bewies an diesem Konzertabend, dass man noch lange nicht von einem Alterswerk sprechen kann, musikalisch fit wie er ist. Der vorliegende Konzertmitschnitt jedenfalls ist eine starke Reflexionsdemonstration vom Leben: Woher man kommt, was man sich erwartet, was man sich erwarten darf und wie es sich erfüllt. In seinem Saxofonspiel erhält man viele kritische, aber auch von Hoffnung gefärbte Antworten. (Manfred Horak)

CD-Tipps:
Laurie Anderson - Live at Town Hall...
Musik: @@@@@@
Klang: @@@@@@
Label/Vertrieb:
Nonesuch/Warner (2002)

Sonny Rollins - Without A Song: The 9/11 Concert
Musik: @@@@@
Klang: @@@@
Label/Vertrieb:
Milestone/ZYX (2005)

Link-Tipp:
www.septemberconcert.org