Die von Marie Kreutzer wunderbar verfilmte Geschichte der Karrierefrau Lola zeigt uns, dass eiserner Wille nicht genügt, um die Unberechenbarkeiten des Lebens zu kontrollieren.

Der aktuelle Film der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer "Der Boden unter den Füßen" feierte bereits im Februar 2019 seine Deutschlandpremiere auf dem Berlinale Filmfestival. Nun eröffnet Kreutzers Film die diesjährige Diagonale in deren Heimat Graz. Mehr als verdient!

Schöne Kulisse, die keine Heimat mehr ist

Weiß und kahl sind die Wände ihrer sanierten Wiener Altbauwohnung. Kühl, genau wie das Gesicht der jungen Frau, die unsanft aus dem Schlaf gerissen zu ihrer morgendlichen Runde aufbricht. Sie läuft vorbei an Rosenstöcken im Volksgarten und passiert das alte Gemäuer des Burgtheaters. Die ersten Szenen von Marie Kreutzers Film zeigen die schöne Kulisse der österreichischen Hauptstadt, die für Hauptfigur Lola keine Heimat mehr ist, sondern nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach ganz oben.

Valerie Pachner spielt in dem Drama die Rolle der zielstrebigen Powerfrau; zumindest lässt ihre Erscheinung auf diesen Stereotypen schließen. Geradliniger Haarschnitt, eiserne Muskeln und Willensstärke. Karriere an erster Stelle schreit ihr durchtrainierter Körper, den sie auf schwarzen Pfennigabsätzen durch die engen Büroräume manövriert. Immer in Gedanken beim nächsten Coup, den sie für ihre Firma als Unternehmensberaterin landen könnte. Der Balanceakt scheint zu gelingen - solange, bis ihre ältere Schwester versucht sich ihr Leben zu nehmen.

Wenn das Leben komplett aus den Fugen gerät

"Der Boden unter den Füßen" ist es, der Lolas Schwester Conny weggezogen wird, wenn ihre paranoide Schizophrenie dafür sorgt, dass alles unerträglich wird. Nach dem Tod der Eltern kümmerte sich die große um die kleine Schwester. Dann stand Conny, gespielt von Pia Hierzegger, eines Morgens im Nachthemd auf der Kennedy-Brücke und wusste nicht wie sie dort hingekommen war. Solange wie möglich wollte Lola die fehlerfreie Fassade aufrecht halten. Die Existenz und Krankheit der Schwester verschweigen, um die eigene Karriere nicht zu riskieren. Doch irgendwann hält auch sie dem Druck nicht mehr stand und vertraut sich ihrer Liebhaberin Elise, gespielt von Burgtheaterdarstellerin Mavie Hörbiger, an. Doch statt Erleichterung führt das Aussprechen der Wahrheit nur dazu, dass Lolas Leben komplett aus den Fugen gerät. Die Grenzen zwischen Realität und Einbildung scheinen zu verschwimmen und nicht nur Lola selbst beginnt ihre eigene Glaubwürdigkeit zu hinterfragen.

Marie Kreutzer und ihre Kamerafrau Leena Koppe komponieren Aufnahmen, die uns auch filmisch spüren lassen, wie nah die Figuren am Abgrund balancieren. Immer kurz davor, die Kontrolle zu verlieren. Wenn die Anspannung nur noch schwer zu ertragen ist, schenkt uns Kreutzer einen Moment der Erleichterung - ein kurzes Schmunzeln oder sogar ein lautes Lachen löst den Ernst von Lolas Lage für einen Moment in Luft auf. Humor durchzogener Psychoterror. Familiendrama und die Liebesgeschichte zweier Frauen. Unverträglich scheinende Elemente ergeben in diesem Film eine Geschichte, die die Zuschauer nicht unberührt lassen kann. Erst recht nicht dank der grandiosen Besetzung der drei weiblichen Hauptrollen. //

Text: Kim Höbel
Fotos: Juhani Zebra / Diagonale 2019

Film-Tipp:
Der Boden unter den Füßen
Bewertung: @@@@@

Regie und Buch: Marie Kreutzer
Darsteller/innen: Valerie Pachner (Lola), Pia Hierzegger (Conny), Mavie Hörbiger (Elise), Michelle Barthel (Birgit), Marc Benjamin (Sebastian), Axel Sichrovsky (Herr Bacher), Dominic Marcus Singer (Jürgen), Meo Wulf (Clemens)
Kamera: Leena Koppe
Schnitt: Ulrike Kofler
Originalton: Odo Grötschnig
Musik: Kyrre Kvam
Sounddesign: Veronika Hlawatsch
Szenenbild: Martin Reiter
Kostüm: Monika Buttinger