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Alain Platels ebenso poetisch wie rohe Choreografie für Les Ballets C de la B - von deformierten Körpern und geschundenen Seelen - korrespondiert im Wiener Volkstheater schaurig-schön mit Berlinde de Bruyckeres Werk. Erstaunlicherweise ist "nicht schlafen" die erste Arbeit von Alain Platel mit der flämischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere, die mit ihren fragmentierten, rohen Körperskulpturen ebenso Vergänglichkeit, Leid und Schmerz, aber auch Transformation und damit Schimmer von Hoffnung auszudrücken vermag. Gustav Mahlers bewegte Symphonien, arrangiert und gesampelt mit Soundscapes von Steven Pregels, liefern den Klangteppich, auf dem Platels Schmerzenswelt taumelt.

Vergänglichkeit, wohin das Auge blickt

Die Bühnenwände säumt eine zerschlissene, überdimensionale Pferdedecke. Erhöht auf einem Holzaltar liegen übereinander, fast  wie ein nach dem Liebesspiel ermattetes Paar, zwei mächtige Pferdekadaver. Grobe Seilzüge ragen in den Bühnenhimmel. Platels acht Tänzer und nur eine Tänzerin, Bérengere Bodin, versinken still in Andacht vor diesem Bildnis der Vergänglichkeit. Noch herrscht Idylle, Kuhglocken-Geläut durchbricht die Stille. Ein Tänzer, in der Hand einen ihn selbst überragenden Hirtenstab, löst den Bann, neigt Kopf und Rumpf nach hinten, fast berührt er den Boden. Leichtfüßig dreht er sich um seinen Stab, windet sich im Tanz aus seinem Mantel, schlängelt sich drehend durch die in Andacht versunkene Gemeinschaft.

Nicht lange währt der Frieden, der Bann bricht, eine Orgie der Gewalt entbrennt. Alain Platel lehnt seine Choreografie an Mahlers Symphonien an, die die unruhige, spannungsgeladene Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in ihrer Struktur trägt. Ebenso lässt sich der Choreograf von Philipp Bloms "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914" inspirieren. Platel findet dabei Parallelen ins Heute, befragt, denkt er an heutige Phänomene wie den Aufstieg von Persönlichkeiten wie Donald Trump und Erdogan, an den Terror des IS und den aufkeimenden Nationalismus. Unter Glockengeläut fallen Platels Schmerzensmänner und seine Schmerzensfrau hasserfüllt übereinander her, reißen sich die Kleidung in Fetzen vom Leib. Mitten in Chaos und Kampf halten drei von ihnen inne, strecken ihre Arme flehentlich aus, ziehen sie wieder zurück.

Rhythmisches Stampfen und An-die-Brust-schlagen, Atmen, Kampfschreie, Rülpsen, Geräusche von Pferdegeschirr und den Seilzügen, während ein Pferd nach oben gezogen wird. Pferdegejammer, wimmernd, weinende Klagelaute und Kanonendonner begleiten das Schauspiel von Lust, Leiden, Gewalt und Grausamkeit auf der Bühne. Rhythmische, polyphone Pygmäen-Gesänge, die die afrikanischen Musiker Boule Mpanya und Russel Tshiebua einbringen, verschmelzen nahtlos in Steven Pregels Komposition mit Mahlers Musik. Doch nicht nur Krieg und Gewalt beherrschen die Szenerie, mitten im Chaos entspinnen sich zarte Liebesbande. Die Stimmung lichtet sich - bis orgiastische Leidenschaft die versehrten Körper übermannt.

Zwischen Leben und Tod ist die Bandbreite von Lust, Gewalt, Grausamkeit und Leidenschaft wohl grenzenlos. Dass daran teilzuhaben durchaus Freude bereiten kann, zeigt "nicht schlafen": Denn über den Deformationen des Lebens ruht ein lächelnder Augenblick der Kunst - ein Blick auf die Facetten des Menschlichen, die zwischen Kategorien wie Gut und Böse Schlagschatten in allen Farben werfen. //

Text: Veronika Krenn

Fotos: Chris Van der Burght


ALAIN PLATEL / LES BALLETS C DE LA B
nicht schlafen
Bewertung: @@@@@
Tanzquartier Wien
Österreichische Erstaufführung 19.+20.1.2017 im Volkstheater Wien

REGIE: Alain Platel
KOMPOSITION / MUSIKALISCHE LEITUNG: Steven Prengels
KREATION / PERFORMANCE: Bérengère Bodin, Boule Mpanya, Dario Rigaglia, David Le Borgne, Elie Tass, Ido Batash, Romain Guion, Russell Tshiebua, Samir M’Kirech
DRAMATURGIE: Hildegard De Vuyst
MUSIKDRAMATURGIE: Jan Vandenhouwe
KÜNSTLERISCHE ASSISTENZ: Quan Bui Ngoc
BÜHNE: Berlinde De Bruyckere
LICHT: Carlo Bourguignon
KLANGREGIE: Bartold Uyttersprot
KOSTÜM: Dorine Demuynck
INSPIZIENZ: Wim Van de Cappelle
FOTOGRAFIEN: Chris Van der Burght
PRODUKTIONSLEITUNG: Valerie Desmet
TOURMANAGEMENT: Steve Deschepper
PRODUCTION: les ballets C de la B