| Der trainierte Emigrant
"Bronner? Das ist doch der, der die Beatles
so verrissen hat. Ein Trottel!" Nein, man kann nicht unbedingt behaupten, dass
Gerhard Bronner, der eigentlich Gerhart, nach Gerhart Hauptmann, heißen sollte,
uneingeschränkte Beliebtheit genoss. Er war eine kontroversielle Figur in der
hiesigen Kulturszene, dessen Einfluss jedoch bis zuletzt spürbar war. Seine
Haltung ließ sich mit "Er denkt, was er redet und er redet, was er denkt", umschreiben,
eine Haltung also, die dem von Natur aus schleimigen Österreicher sehr schnell
zuwider sein kann. Gerhard Bronner war ein Unbequemer, und das war gut so. Dass
es in seinem langen Leben zudem viel zu erinnern gab, "und", wie er schrieb, "mindestens ebenso viel zu vergessen", dennoch den Versuch startete, "sowohl
das Erstere wie auch das Letztere zu praktizieren. Beides wird mir nicht leicht
fallen.", bewies, dass er selbst im hohen Alter noch nicht eingerostet war.
Und
fürwahr: Bei der Buchpräsentation seiner Autobiographie im Jahr 2004 z.B. überraschte
der damals 82jährige mit einer Ausstrahlung und Fitness eines vielleicht
60jährigen. Nun, vielleicht vertieften sich seine Falten, sein Haar ergraute
eventuell noch um eine Nuance, aber älter schien er nicht geworden zu sein.
Auch der Anzug, in dem seine schlanke Figur steckte, war zeitlos, wenn auch nie
wirklich modern. Er las Passagen aus seinem Buch vor und er verstand es wie eh
und je kraft seiner sonoren Stimme das Publikum um den Finger zu wickeln, klar,
dass er sich auch am Klavier begleitete. Allerdings verzichtete er auf seine
Klassiker wie "Der Bundesbahnblues", "Weil mir so fad is'", "Der g'schupfte
Ferdl", "Der Papa wird's schon richten" oder seine wohl beste Komposition "Die
alte Engelmacherin" [da schiebe ich jetzt doch glatt eine große Klammer ein: Solche
Lieder, wie es Bronner zu schreiben wusste, fehlen mir im gegenwärtigen
Österreich, dabei gäbe es doch so viele Themen. Klammer zu].
Quasi maßgeschneiderte Lieder
Bronner hatte mit Helmut Qualtinger eine Zeit lang
einen kongenialen Partner, der Bronners Lieder neue Dimensionen
verlieh. Qualtinger, der Interpret, Bronner, der Liedermacher. Ein Duo,
das zwischen 1956 und 1961 eine immense Popularität erlangte und sie zu
den ersten Popstars Österreichs machte. Sie waren das schlechte
Gewissen der Politiker und die Lieblinge der Nicht-Politiker.
Neben seinen Liedern wurde vor allem Qualtinger als Travnicek und
Bronner als sein Freund zum Dauerrenner - und ein wahrer Zitatenschatz
bis heute:
Travnicek: Die FPÖ? Die hab ich schon 38
gewählt...
Freund: Die hat es 38 doch gar nicht
gegeben!
Travnicek: Naa. Aber g'wählt hab'i s' ...
is aa nix dabei herausgekommen...
(aus: Travnicek und die Wahl; 1959; Foto:
Barbara Pflaum)
Gerhard Bronner war einer jener Baumeister des österreichischen
(Polit-)-Kabaretts nach dem Zweiten Weltkrieg - einen Krieg, den er nur
zufällig überlebte. Und warum gerade er überlübte war auch eine Frage,
auf die er sehr lange versuchte eine Antwort zu finden. So schrieb er
in seiner Autobiografie: "Wieso bin gerade ich der Einzige meiner
Familie, der dem braunen
Inferno heil entrinnen konnte? Wieso hat mich der Gendarm damals nicht
an die
deutsche Grenze gebracht? Wieso bin ich nicht beim Überqueren der Donau
ertrunken? [Sein Freund Michel hingegen schon; Anm.] Wieso habe ich den
Jeep
versäumt, der zerbombt wurde? Wäre ich nicht strenggläubiger Atheist,
dann
müsste ich an einen Schutzengel, zumindest an eine höhere Vorsehung
glauben."
Die erste Hälfte des Buchs widmete Bronner denn auch seinem
Überlebenskampf in Brünn,
Rustschuk, Palästina und Bronner verstand es mit großer
Eindringlichkeit über
diese unmenschlichen Jahre die hereingebrochen sind zu erzählen. 1948
kehrte er
eher zufällig nach Wien zurück. Der Wien-Aufenthalt sollte nur von
kurzer Dauer
sein, dass er dann doch etwas länger blieb und - gemeinsam mit Peter
Wehle,
Georg Kreisler, Helmut Qualtinger, Carl Merz - künstlerische Maßstäbe
setzte,
ist längst ein Teil der Kulturgeschichte Österreichs und kann nie hoch
genug
gewürdigt werden. Gerhard Bronner starb am 19. Jänner 2007 in Wien.
(Manfred Horak)
Buch-Tipp:
Gerhard Bronner – Spiegel vorm Gesicht.
Erinnerungen.
DVA (2004)
272 Seiten
ISBN 3-421-05812-1
CD-Tipps:
Der g'schupfte Ferdl - frisch gestrichen
und weitere 15 neue alte Lieder (Preiser, 1998)
Travniceks gesammelte Werke. Mit Gerhard Bronner
& Helmut Qualtinger (Preiser, 1988)
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