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Schauplatz
Klassenzimmer einer so genannten "Brennpunktschule". Die imagegeschwächte
Hauptschule mit einem meist hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund,
oft mit Bezirken wie Neukölln in Berlin oder Ottakring in Wien assoziiert, ist
nicht nur Gegenstand der aktuellen Bildungsdebatte Gesamtschule gegen
differenziertes Sekundarstufe-I-Schulsystem. Auf sie wird auch zur
Veranschaulichung jüngster extremer Positionen rund um Integration und
Leitkultur verwiesen, hier wie auch beim deutschen Nachbarn (man denke nur an
die Thesen Silo Sarrazins). In diesem Fall ist die "Problemschule"
theatraler Austragungsort dieser Brennpunkte im preisgekrönten Stück "Verrücktes
Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hellje.
Der Mensch ist nur da ganz Mensch wo er spielt
Bis die in der Geschichte Österreichs
bislang erfolgreichste Bildungsinitiative (Herbst 2011), die Reformen zur
Umsetzung eines fairen Schulsystems für Migrantenkinder, ebenso wie
Gesamtschule und Ganztagsschule fordert, (Initiator Hannes Androsch,) vor dem
Nationalrat behandelt wird, und ob es zu einem Umdenken für mehr Investition in
ein faireres Bildungssystem in Zeiten von Einsparungen bei Beamten wie
Lehrerinnen kommen wird, bleibt den Lehrkräften nur der Griff zur Waffe, um
ihre Nichtsnutze in Sachen aufklärerischer Ideale aufzudeutschen. Frau Kehlich,
hochmotivierte, bildungsbürgerliche Lehrerin anfangs noch recht hilflos gegenüber
ihren allzeit zu Gewalt bereiten Teenagern denen jegliche
"Mannszucht" fehlt, weiß die plötzlich in ihre Hände geratene Waffe
sinnvoll für ihre Zwecke zu gebrauchen. Gemäß pädagogischem Prinzip bekommt
jede/r die Gelegenheit eine Rolle in Schillers "Die Räuber" mit
vorgehaltener Waffe spielen zu "dürfen". Wer sich dagegen sträubt und
die Lehrerin eine Schlampe nennt muss erstmal lernen was das Wort bedeutet und
diese mit heruntergelassenen Hosen mit korrekter deutscher Aussprache
wiederholen. Und wer sich wie der schüchterne Hassan aus dem Kosovo nicht traut
die Rolle des selbstbewussten Franz umzusetzen, muss sich an die Eier greifen.
Denn Bildung und das Spiel der Kunst sind das einzige was diese hirnlosen,
faulen Primaten noch retten könnte, konstatiert Frau Kehlich und zitiert
Schiller: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch wo er spielt".
Wiener Lokalkolorit
Durch Thriller, Komödie und
Melodram hindurch spielen sich die SchülerInnen unfreiwillig vorwärts Richtung
aufklärerischer Ideale und innerer Befreiung durch Kunst. Als eine muslimische
Schülerin afrikanischer Abstammung ihre kopfbedeckenden Hüllen fallen lässt, um
in der Hitze des Gefechts damit den türkischen Raudi und beängstigenden
Klassenanführer Massad festzubinden, kehrt Totenstille ein. Noch nie hatten die
MitschülerInnen die Haare ihrer Mitschülerin gesehen. Trotzdem geht es den
Autoren nicht darum für die Ideale der Leitkultur zu plädieren, sondern
aufzudecken, dass Herkunft und nationale Identität das Ergebnis einer
Konstruktion und des Wunsches nach Anpassung sind, als vermeintlich klare
Identitäten sich gegen Ende des Stücks als gefälschte entpuppen. Volker
Schmidt (Inszenierung, u.a. Nestroy-Preis 2008 für die beste OFF-Produktion "Koma") setzt die Wiener Ur- und
Erstaufführung des Theaterstücks von Nurkan Erpulat und Jens Hillje mit österreichischer
und expliziter Wiener "local color" um. Volkstümliches, österreichisches
Liedergut wie etwa "Fein sein, beinaunder bleibn" und Wiener Proleten-Slang wie "Fut"
oder "Tschusch", genauso wie auch ordinäre Sprüche auf türkisch, tönen lauthals
aus dem frechen Munde der exemplarischen Integrationsverweigerer Sarrazins.
Allerdings hätte das Stück auch ruhig noch mehr Nähe zu hiesigen Debatten und
ethnischen Brennpunkten vertragen. Die zugespitzte, passagenweise
temporeiche und amüsante Umsetzung von Schmidt wurde mit viel Applaus
honoriert, allen voran die Protagonistin Karin Yoko Jochum in der Rolle der
terroristischen Hauptschullehrerin. Bleibt zu hoffen, dass die im Publikum
anwesenden LehrerInnen nicht zu ähnlichen Taten schreiten angesichts der prekären
Situation in den (Haupt)-Schulen Wiens. Andererseits bietet Theater wie dieses
ein Ventil, wenigstens in der Kunst all das herzhaft auszuleben, was Mann/Frau
sonst nicht tun kann/darf/soll. Das Stück ist noch bis Ende April 2012 in der
Garage X zu sehen. (Text: Kathrin Blasbichler; Fotos: Garage X)

Kurz-Infos:
Verrücktes Blut
Bewertung: @@@@
von Nurkan Erpulat & Jens Hillje
Frei nach dem Film "La Journée de la Jupe"
Drehbuch und Regie: Jean-Paul Lilienfeld (ÖEA)
Eine Kooperation von GARAGE X und daskunst
Zu sehen im Rahmen der Projektreihe "Pimp my integration"
Termine:
Do
23.02.2012 20:00 Uhr
Mi 29.02.2012 20:00 Uhr
So 04.03.2012 20:00 Uhr
Mo 05.03.2012 20:00 Uhr
Mi 07.03.2012 20:00 Uhr
Do 29.03.2012 20:00 Uhr
Weitere Vorstellungen im April 2012
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