|
In einem Statement betont Schober, er wolle Walt Disneys
Filmklassiker nicht kopieren, sondern versuchen eine eigene Geschichte, mit
anderen Schwerpunkten und anderen Mitteln zu erzählen. Nun, das ist ihm nicht ganz gelungen. Herausgekommen ist bestenfalls eine Hommage an Walt Disney,
in anderem Rahmen und unter anderen Bedingungen neu interpretiert. Das Original
von Rudyard Kipling - er erhielt 1907 als bis dahin jüngster Autor und erster
englischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis - hat, entgegen der
landläufigen Meinung überhaupt nichts mit einer verweichlichten Darstellung von
Tier und Dschungel zu tun: im Gegenteil, Kipling beschreibt das
Dschungelleben derart authentisch, dass sogar Konrad Lorenz aus seinem Werk zitiert
hat.
Suche nach Identität, Geborgenheit und Abenteuer
Schober versucht auch zumindest im Ansatz sich durch einige
Akzente ziemlich deutlich von der Weichzeichnerei
der Disney-Interpretation zu distanzieren
und versetzt die Story von Mogli [im Original: Mowgli; die bekannteste
Realverfilmung entstand 1942 mit dem indischen Kinderstar Sabu in der
Hauptrolle; Anm.] und Co. in die (triste) Wiener Gegenwart: Baghira und Balu (im
Original: Bagheera und Baloo) sind zwei Obdachlose, die ihre richtigen Namen
gar nicht mehr wissen und den jüngeren Mogli unter ihre Fittiche nahmen. Gemeinsam
erzählen die drei - dargestellt von Nick-Robin Dietrich, Michael Pöllmann und Carla
Spendel - Kiplings Dschungelbuch nach, eine Geschichte von der Suche nach
Identität, Geborgenheit und Abenteuer, eine Geschichte, die irgendwie auch die
ihre ist.
Brauseschlauch und schmuddeliger Frotteebademantel
Ganz neu ist die Dislozierung und Schaffung einer Rahmenhandlung
aber nicht: Bereits die englische Kinderbuchautorin Edith Nesbit (1858-1924),
die immer noch als Klassikerautorin gilt, lässt in ihrem Kinderbuch "The Would-Be-Goods" (1901) Kiplings Dschungelbuch
von Kindern nachspielen. Die Schlange Kaa die bei Nesbit von einem
Gartenschlauch dargestellt wird, wird bei Schober zu einem Brauseschlauch. Auch
die Pannen und Situationskomik in Schobers aktueller Inszenierung sind in
Teilen verblüffend ähnlich mit Nesbits Variante. Die Figuren hingegen scheinen
aus Walt Disneys Feder zu stammen [das Dschungelbuch war der letzte Film den
Walt Disney noch selbst produzierte, er verstarb während der Dreharbeiten im
Jahr 1966; Anm.]. Dass Balu mit schmuddeligem Frotteebademantel in Türkiser
Farbe nicht nur staturmäßig an den sympathischen Disney-Bären erinnert, sondern
auch charakterlich genau eben dieser Vorlage entspricht, während Baghira trotz Obdachlosenmilieu ziemlich elegant
daherkommt, kann kein Zufall sein.
Bringen Sie das zusammen?
Die Krönung ist Mogli, der wirkt, als wäre er direkt dem
Film entsprungen: klein, dünne aber kräftige Arme und Beine, kurze Hosen mit
Shirt statt rotem Lendenschurz und die typische Mogli-Schwammerlfrisur - inklusive Mimik und Gestik entspricht er ganz
der filmischen Vorlage. Das Bühnenbild zieht alle Register des Großstadtdschungelklischees:
eine Litfasssäule (mit Ikeawerbung), schattenhafte Umrisse einer Skyline am
Horizont, ein Verschlag aus Decken, ein Koloniakübel und eine Plakatwand, auf
dem die Stadt Wien nach Pflegeeltern sucht: Bringen Sie das zusammen? Überaus
passend, und durch und durch nicht Kinderbuchklassiker. Mit Kipling hat das
alles freilich nicht mehr viel zu tun. Und das ist schade, denn eine
Neu-Inszenierung hätte das Original bestimmt gut vertragen. (Text: Anne
Aschenbrenner; Fotos: F. Liepe)
|

Kurz-Infos:
Das Dschungelbuch
Bewertung: @@@
Schauspiel / 75 Minuten / Dschungel Wien (7+)
Textfassung: Holger Schober nach „Das Dschungelbuch" von Rudyard Kipling
Regie: Holger Schober
Ausstattung: Kevin E. Osenau
Musik: Simon Dietersdorfer, Raphael Fuchs
Lichtdesign: Hannes Röbisch
Produktionsassistenin: Katharina Karrer
DarstellerInnen: Nick-Robin Dietrich, Michael Pöllmann, Carla Spendel
|
|
|