"That thin, that wild mercury Sound", wie es Dylan nannte,
fand Eingang auf dem ersten Doppel-Album und zugleich vermutlich besten Album
der Rockgeschichte, auf "Blonde On Blonde".
Zwischen dem ersten (titellosen) Album von Bob Dylan und
diesem siebten Album, veröffentlicht am 16. Mai 1966, lagen gerade mal vier
Jahre. Vier Jahre, in dem er die Wandlung vom Liebling der Folk-Community zum
Erneuerer der Rockmusik vollzog. 14 Lieder auf 4 LP-Seiten mit einer
Gesamtspiellänge von 71 Minuten und 40 Sekunden (das gab es bis dahin nicht)
schlossen seinen ersten großen Rock-Zyklus ab. Das Album beginnt quasi mit
einem Witz, nämlich mit der verjazzten Straßenprozession in "Rainy Day Women #
12 & 35", der Dylan zwar Platz 2 in den Singles-Charts einbrachte, aber auch
einen Boykott von amerikanischen und englischen Radiosendern, die
offensichtlich Angst vor der Textzeile "Everybody must get stoned" hatten. Dieser
dünne, dieser wilde Quecksilber-Sound, wie ihn Dylan beschrieb, lässt heute
noch, 45 Jahre später, erstaunen. Nach dem erwähnten Eröffnungs-Track und dem
improvisiert wirkenden Blues in "Pledging My Time" folgt mit "Visions Of Johanna"
ein weiteres absolutes Meisterwerk von Dylan. Ein Paradoxon voll von Halluzinationen
und Trancezuständen, mit einem emphatischen Rhythmus und einem
unvergleichlichen Gesang, der einem in eine gespenstisch finstere Stimmung
versetzt bis sich die Stimmung dann doch noch aufhellt. Ein unheimliches Lied,
ein unheimlich gutes Lied. Weitere Höhepunkte: das mondäne "One Of Us Must Know
(Sooner Or Later)", der besoffene Politiker in "I Want You", die verlorene
Gesellschaft in "Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again", der
Sarkasmus in "Leopard-Skin Pill-Box Hat", sowie "Just Like A Woman". Damit endet
die erste Platte. Temporeich beginnt auch die zweite Platte (auf Vinyl: Seite
3), mit "Most Likely You Go Your Way (And I'll Go Mine)", schöne Bläserriffs
inklusive. Super auch die rauchige New Orleans Stimmung in "Temporary Like
Achilles" und der Memphis-Sound in "Absolutely Sweet Marie". Nächste Station
Mexiko: "Don't forget / Everybody must give something back / For something they
get", heißt es im allgemein bösartigen Text von "Fourth Time Around", bevor uns
Dylan in Honky-Tonk-Manier und mit einer genialen musikalischen Überleitung
zwischen den Strophen auf sein "Obviously Five Believers" loslässt. Und somit ist
auch schon wieder die Seite 3 zu Ende. Auf Seite 4 gibt es nur noch ein Lied,
die 11 Minuten und 21 Sekunden lange Hymne "Sad Eyed Lady Of The Lowlands".
Folk-Tradition und moderne Lyrik verschmelzen hier zu einem auralen Kunstwerk
gerichtet an die Idealfrau. "Blonde on Blonde": Der Superlativ in der
Rockgeschichte. (Manfred Horak)
SACD-Tipp:
Bob Dylan: Blonde on Blonde
Musik: @@@@@@
Klang: @@@@@@
Label/Vertrieb: Columbia/Sony (1966; 2003)