Im Oktober 2011 wird Paul Simon 70 Jahre und veröffentlicht
nach fünfjähriger Pause sein 13. Album - Simon & Garfunkel-Alben nicht
miteingerechnet. Der Songwriter und Gitarrist legt auf "So Beautiful or So What"
10 Lieder mit poetischem Gewicht und
melodiöser Schönheit vor.
In seinem musikalischen Universum spielt gängige Rock-Musik
nur eine untergeordnete Rolle, gerockt wird auch auf "So Beautiful or So What"
nicht, diesbezüglich muss man weiterhin auf sein "One-Trick Pony" (1980) zurückgreifen,
dafür begibt sich Paul Simon nach der Exotik von "You're the
One" (2000) und den mit Brian Eno gemeinsam erarbeiteten
elektronischen Experimenten von "Surprise" (2006) diesmal auf eine historisch-spirituelle Spurensuche. Im Vordergrund
steht - neben musikalischen Exkursionen nach Afrika ("The Afterlife", "Rewrite") und
Indien ("Dazzling Blue") - der Gospel. Man muss jedoch nicht gläubig sein um an
dem Album Gefallen zu finden (aber möglicherweise ist es dienlich), wer
allerdings Probleme hat, wenn ein Lied den Titel "Love Is Eternal Sacred Light"
trägt oder ein anderes Lied mit der Zeile "God and His only Son / Paid a
courtesy call on Earth" beginnt, der wird möglicherweise das vermutlich beste
Solo-Album von Paul Simon verpassen, denn die zum Teil sehr archaischen Songs
strahlen gleichermaßen Mystik und Irritationen aus. So lässt er im
Eröffnungslied "Getting Ready for Christmas Day" Reverend J.M. Gates aus der
Vergangenheit - konkret: aus dem Kriegsjahr 1941 - zu uns sprechen. "And let me
tell you, namely, the undertaker, he's getting ready for your body / Not only
that, the jailer he's getting ready for you". Paul Simon erzählt darin von einem
Neffen, der bereits zum dritten Mal in Irak ist und mit dem Glück eines
Anfängers auf einer Bergspitze in Pakistan Truthahnessen wird können. Die Vergänglichkeit
des Lebens und das was danach kommt zieht sich durch das ganze Album hindurch. In
"The Afterlife" z.B. singt Paul Simon, "After I died and the makeup had dried / I
went back to the place", wartet auf ein Zeichen von Gott und hört schließlich
diese Stimme, die ihm sagt, dass er zuerst einmal das Formular ausfüllen muss, "And then you wait in the line". Als Produzent fungierte (gemeinsam mit Mr.
Simon) einmal mehr sein langjähriger Kumpel Phil Ramone, und auch Musiker wie
Vincent Nguini (Gitarre) sind gute alte Bekannte und fast auf jedem Simon-Album
zu hören, was "So Beautiful or So What" von Beginn an eine gewisse Vertrautheit
gibt, oder, anders formuliert: Wo Paul Simon draufsteht - na, eh schon wissen.
Überraschungen gibt es dennoch, wenn auch nicht so offensichtliche; all die
vielen Details kommen einem nach und nach und schön langsam ins Bewusstsein.
Genau das macht ja ein gutes Album aus und wie gut dieses Album ist, hört man
u. a. auf "Rewrite" als gelungene Verquickung von Melodie, Virtuosität, Spielwitz
und Lyrik oder im übermächtigen "Love Is Eternal Sacred Light" mit der Textzeile
"Man becomes machine / Oil runs down his face / Machine becomes a man / with a
bomb in the marketplace". Für den Song "Love & Blessings" wiederum bedankt sich Paul
Simon im Booklet artig bei B.B.King, der ihm aufmunterte Musik vom Golden Gate
Jubilee Quartet zu hören, deren "Golden Gate Gospel Train" aus dem Jahr 1938 Eingang im Lied fand.
Dass daraus kein pseudo-religiöser Ethno-Quark heraus kam ist einer der großen
Verdienste von Paul Simon. Genug der Schwärmerei, nur noch so viel: "So
Beautiful or So What" ist ein erstaunlich perfektes Album. (Manfred Horak)
CD-Tipp:
Paul Simon: So Beautiful or So What
Musik: @@@@@@
Klang: @@@@@@
Label/Vertrieb: Concord/Universal (2011)