Wienerlied: Schrammeln. Extrem. Eine Huldigung an Roland Neuwirth
Seine Lieder setzen Gefühle frei, die einem wärmen und zu
Tränen rühren, die einem lachen lassen und melancholisch machen. Am 31. Oktober
2010 feiert Roland Josef Leopold
Neuwirth seinen 60. Geburtstag.
Das Wienerlied ohne Roland Neuwirth ist unvorstellbar. Ich
trau mich zu behaupten, dass das nicht nur für mich so ist. Sein Album "Alles is
hin" (EMI Columbia; 1980) war jedenfalls für mich der Antrieb, dem Wienerlied aufgeschlossen
zu begegnen, und alleine dafür kann ich Roland Neuwirth nicht dankbar genug
sein. "Alles is hin" war ein echtes Schlüsselerlebnis, eine Aha-Begegnung
höchsten Ausmaßes. Ein Album zum Reinkippen, das einem einfach nicht mehr los
ließ und all das an Liedern und Liedtexten (komponiert und geschrieben von
Roland Neuwirth) beinhaltete, das Wien in den frühen 1980er Jahren war. Diese
unendliche Trostlosigkeit, das Grantscherbige, die tiefe Melancholie und
unsterbliche Verliebtheit, das hoffnungslos beamtete, der ewige Herbst und der
Gemeindebau. Lieder wie "Mir san die Türstöck z'nieder", "Ein echtes Wienerlied",
"Der Gerhard", "Niemand daham", "In dem Herbst" sind schlicht und einfach
Klassikaner. Auf dem Album enthalten ist auch "Aber du bist mei Kittlfaltn", eins
der schönsten und stimmungsvollsten Liebeslieder zwischen Wien, Floridsdorf und
Paris, Texas, was freilich auch heute, 2010, noch gilt. "Da bleibt dir",
schrieb Christian Seiler einmal, "obwohl du die Lieder schon so gut kennst [...]
die Luft weg. Du atmest, wenn du zuhörst, mit aller Vorsicht, die du kennst, um
nicht zu stören." Drei Jahre später legte Neuwirth mit dem Album "Extrem" (Alpha
Music; 1983) ein elektrisch verstärktes Schrammelrockalbum vor, das wiederum
mit Zeitlosigkeiten wie "I und mei Wampm", "Jeder Ratz liebt seine Kanäu" und "Ein
Prosit der Wiener Gemütlichkeit" aufwarten konnte. Auf "Extrem" verarbeitete
Neuwirth verstärkt Blues-Rock-Einflüsse aus der internationalen
Musiklandschaft. Gehen wir daher nochmals 20 Jahre zurück, um dieses Album
besser verständlich machen zu können. Roland Neuwirth begann seine musikalische
Laufbahn in den 1960er Jahren mit dem Nachspielen von Liedern der Spencer Davis
Group, die ihn zum Jazz und Blues brachten, danach spielte er abends in der
Swing- und Dixieband Blue Note Seven, und arbeitete tagsüber in einer
Partendruckerei. "Es war im Jazzland, als der Knacks kam", so Neuwirth. "Ich
merkte, dass meine zusammengestoppelten Bluestexte irgendwie leer wurden.
Plötzlich brach mein ganzes Weltbild zusammen und mir wurde bewusst, kein
Farbiger zu sein, sondern 'born in Floridsdorf' und nicht in
Chicago." H.C. Artmanns 'med ana schwoazzn dintn' und seine Villon-Übersetzungen
waren für Neuwirth längst zur Bibel geworden, und so schloss sich denn auch der
Kreis. Neuwirth wechselte von der Partendruckerei zur Musikhochschule, begann
zu komponieren und gründete ein Schrammelquartett [die "Schrammeln"
bildeten am Ausgang des 19. Jahrhunderts den Höhepunkt der volkstümlichen
Wiener Musik. Mit dem Tod der Brüder Johann und Josef Schrammel geriet die
besondere Klangfarbe des Quartetts in Vergessenheit, die erst 1964
wiedererweckt wurde. Anm.]. In den frühen 1970er Jahren spielte der Bassist und
Gitarrist bei Franz Bilik & seine Brogressiv-Schrammeln, ehe er 1978
schließlich sein erstes Album "10 Wienerlieder und 1 Fußpilz-Blues" (Preiser;
1974) veröffentlichte. Seine eigene Handschrift fand er schließlich mit seinem bereits
erwähnten zweiten Album "Alles is hin". Mittlerweile ist er bei seinem 11.
Extremschrammeln-Album angekommen, bei "Wien g'spürn" (Warner; 2006), sein bis
dato zuletzt veröffentlichtes Album ist allerdings das mit Karl Hodina
aufgenommene "Briada" (Wienmusik; 2007). Wenn er gerade nicht mit Hodina live
konzertiert, ist der Meister an der Kontragitarre entweder im Trio oder in der
klassischen Schrammelbesetzung zu hören. Flankiert von seinen kongenialen
Partnern Doris Windhager, "the golden voice from Hernois", die mit
ihrer unnachahmlichen Stimme seit etlichen Jahren zu den besten Sängerinnen des Landes zählt, und - so Neuwirth - "dem besten Knöpferlharmonika-Spieler
Wiens", Marko Zivadinovic, sowie mit den zwei Edelgeigern Manfred
Kammerhofer und Bernie Mallinger bzw. Michael Radanovics.
Wenn man falsch reimt wär' das ja ein Hörfehler
Mit "Guat drauf" (Warner; 1988) gelang Neuwirth der Sprung zu
einem Major-Label, der darauf enthaltene Schrammelpop war wie schon bei "Extrem"
eine Gratwanderung, und wenn Neuwirth bei dem einen oder anderen Stück scheiterte,
dann war es ein Scheitern auf hohem Niveau. Dieser Fakt wurde besonders im
nachfolgenden Live-Album "Waß da Teufel" (Warner; 1989) hörbar, das, in der
klassischen Schrammelbesetzung eingespielt, zu einem ungeahnten Lustgewinn
wurde. In einem Interview fragte ich Roland Neuwirth einmal, warum er denn live
nicht mehr elektrisch verstärkt spiele: "Weil das nicht gut klingt. Du kannst
kein schönes Piano erzeugen, bei dem man das Gras wachsen hört. Die Geiger sind
durchgedreht dabei." Und so wie die 1980er Jahre für Roland Neuwirth endeten,
begannen die 1990er Jahre: Mit einer Vielzahl an Live-Konzerten und mit einem
herausragenden Studio-Album. "Essig & Öl" (Warner; 1994) beherbergt mit "I bin
im Gart'n" aus Neuwirths Feder eines der besten Lieder aus diesem Genre.
Neuwirth, der solcherart Aussagen im Interview gerne abschwächt: "Sagen wir es
mal so: Ich glaube, ich schreibe recht gut. Bei mir sitzt jeder Reim, jede
Geschichte - das ist klar, aber i tät mich genieren, wenn das nicht so wäre.
Wenn man falsch reimt wär' das ja ein Hörfehler, wie mein Lieblingsdichter
Peter Rühmkorf einmal sagte." Im Jahr drauf ließ Neuwirth den Christbaum
abbrennen. "Moment, der Christbaum brennt" (Warner; 1995) ist ein Glücksfall und
unverzichtbar wie Weihnachten selbst. Der große Mann mit dem langen Bart
schaffte es spöttische Liedtexte ("Alle Jahre wieder / kommt das
Christuskind / und die Tante Frieda / wenn ich den Baum anzünd'") und
feierlich stimmungsvolles ("Wart'n am Erlöser"; "Engerln";
"Ei'gschneibt") zum Thema auf das Album draufzupacken. Konsumwahn,
Familienzwist, billiger Lametta und fette Karpfen, betrunkene Weihnachtsmänner
und Umtauschrausch wechseln sich da ab mit Großstadtstille, Schneeidylle und
Weihnachtsvisionen. Einer der absoluten musikalischen Höhepunkte dabei das Neuwirthsche
Liebeslied "Ei'gschneibt". Und überhaupt: Bis heute atmen seine
Lieder wunderbare Wortwitze und Stimmungsbilder zu den Themen Liebe, Tod und
Politik aus. Das galt und gilt auch für seine Alben "I hab an Karl mit mir"
(Warner; 1996) und noch mehr für "Nr. 9 Die Pathologische" (Warner; 1998).
Letzteres ein echtes Konzeptalbum, für das man sich viel Zeit nehmen sollte, und das
sich, wenn es sich einem einmal erschließt, als ein wunderbares Allheilmittel
erweist. Danach legte Neuwirth eine "Nachtschicht" (Warner; 2002) ein. Das Album
ist ein musikbezogenes Konzeptalbum mit unterschiedlichen Textthemen,
entstanden aufgrund des nicht mehr loswerdenden Schrammelbazillus rund um
Politik, Essen, Körper. Die Befindlichkeit eines Österreichers also, mit dem
Grundwissen, dass der Blues noch immer ein Wiener sein muss. Harte Studioarbeit
mit eingestreuten Momentaufnahmen, also eine Mischung aus Live-Material und
Studioaufnahmen. Warum keine reine Live- oder reine Studio-CD wollte ich einmal
von Neuwirth wissen. "Das lockert das ganze irgendwie auf, denk ich mir",
antwortete er mir, und: "Ich habe schon auch Couplets im Studio aufgenommen,
aber das ist lähmend, wenn es keine Reaktionen gibt, verstehst? Ich mache
eigentlich überhaupt nicht gerne CDs. Ich schreib doch keine Lieder für ein
Album, ich bin doch nicht wahnsinnig." Hier schließt sich also der Kreis ins
Heute. Die Tonträger sind nämlich tatsächlich bei weitem nicht das Gesamtwerk
von Roland Neuwirth (und werden es auch nie sein). Roland Neuwirth ist ein
Live-Künstler, und zudem einer, der auch Musik fürs Theater schreibt (z.B. für
das Ende Februar 2010 uraufgeführte Theaterstück "Moser oder Die Passion des
Wochenend-Wohnzimmergottes" von Franzobel), und der Werke schreibt, die nur
selten aufgeführt werden, wie z.B. die gemeinsam mit Peter Ahorner erarbeitete
Schrammeloperette "Und das bei uns!", die im Sommer 2009 in Litschau
im "Theater am Herrensee" ihre Uraufführung erlebte. Am 31. Oktober
2010 feiert Roland Josef Leopold
Neuwirth seinen 60. Geburtstag. Herzliche Gratulation! (Manfred Horak)
Live-Tipp:
Roland Neuwirth Extremschrammeln
Amoi geht's no... (Live-Konzert mit DVD-Aufzeichnung) 30. 10. 2010 Wiener Orpheum (Beginn: 15 Uhr und 20 Uhr)